Autor Thema: Der vierte Tag – auf dem Friedhof  (Gelesen 1434 mal)

Offline Kerredis

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Der vierte Tag – auf dem Friedhof
« am: 22. Mai 2008, 15:10:58 »
Die Sonne läutete einen warmen freundlichen Nachmittag ein, als wir in unsere Roben der Verhüllung gehüllt, aufbrachen. Das Studium eines Stadtplans hatte uns mit einem weiteren interessanten Fakt bezüglich Elterans bekannt gemacht. Anscheinend gab es gleich zwei Orte an denen die Bürger ihre Toten begruben.

Einmal im Tempelbezirk, wo zwischen den im Dreieck angeordneten Tempeln der drei Hauptgötter die reichen Leute ihre Mausoleen errichtet hatten und sich die Tempeldiener ein kleines Zubrot damit verdienten, Kräuter und Öle vor den Eingängen zu verbrennen, um die jeweiligen Götter milde zu stimmen. So viel Luxus war den ärmeren Leuten nicht vergönnt. Das Gebiet vor der Stadt, das den Toten vorbehalten war, musste ohne göttlichen Beistand und große Bauten auskommen und war vermutlich auch einiges trostloser.

Auch wenn ich die Leute bedauerte, ich war froh, dass die Familie der Shindar sich ein Grab im Tempelbezirk hatte leisten können; es war entschieden näher. Auf dem Weg diskutierten Rugi und ich den anderen Umstand, der am Mittag für Aufregung gesorgt hatte. Einer der Gärtner war leicht verstimmt an Rugi herangetreten und hatte sich bitterlich darüber beschwert, dass irgendjemand, ohne ihn zu fragen, bei seinem Kräuterbeet Chrysanthemen gepflanzt haben musste. Er selbst hätte zwar keinerlei Pflanzen in der Nähe gesehen, doch der Geruch hätte über dem gesamten Beet gehangen und seiner Meinung nach alles andere überdeckt. Als Rugi mit ihm den, so seine Worte, Schauplatz des Verbrechens aufgesucht hatte, war von dem Duft nichts mehr zu spüren. Es hatte einige Zeit gedauert, bis sich der arme Mann beruhigt hatte und überzeugen ließ, dass vermutlich nur der Wind seiner feinen Nase einen derben Streich gespielt hatte.

Der Tempelbezirk selbst hatte etwas Beeindruckendes an sich. Terajas Tempel aus weißem Marmor, Curulums aus schwarzem Basalt rechts und links, weiter hinten erkannte ich den grauen Tempel der neutralen Göttin Heraios. In dem großen dreieckigen Platz dazwischen standen Mausoleen, Grüfte und Krypten jeglichen Alters und für jeden architektonischen Geschmack. Aus der einen oder anderen Ecke hörte ich leisen Gesang und gemurmelte Worte, vermutlich ein Priester oder Angehörige. In einer Eccke zwischen Heraios und Terajas Tempel fanden wir schließlich das bewusste Grabmal. Es war ein schlichter Bau, ohne großen Schnickschnack. Rechts und links von den großen Türflügeln aus getriebenem Messing standen Rauchschalen, die Asche darin war jedoch alt. Offenbar kümmerte sich hier kaum noch jemand um mehr als nur das Allernötigste. In großen Lettern, die mit langsam abblätterndem Blattgold überzogen waren, stand der Name der Familie über der Porta, eine kleine Messingplatte neben der Tür zählte die derzeitigen Bewohner des Gebäudes auf. 

„Die Diener sind nicht erwähnt.“ stellte Rugi nüchtern fest. „Scheinbar zählen sie zwar zum Inventar, aber nicht zu den Bewohnern. Einmal Diener, immer Diener.“ Sie verzog das Gesicht und las die Daten neben den Namen. „Sie war deutlich jünger als ihr Mann.“
Ich nickte. „Vielleicht war er vorher bereits verheiratet, das heißt… nein, er muss es gewesen sein. Schau, der älteste Sohn ist nur wenig jünger als sie.“
„Aber wenn, dann steht sie nicht mit auf der Platte, alle anderen Frauen sind bereits vorher gestorben.“ Rugi fuhr mit dem Finger die Liste entlang.
„Vielleicht wurde sie verstoßen oder sie haben sich einfach getrennt…“ Ich mutmaßte nur, die damaligen Gepflogenheiten waren mir nicht vertraut.
„Vielleicht…“ Rugi sah sich um, stutzt und lüftete dann ihren Schleier. „Riechst Du das?“
Ich wusste, welche Antwort sie von mir hören wollte, doch unter meinen Schleier drangen nur die Gerüche von Weihrauch und irgendwelchen Kräutern, die in der Nachbarschaft vor sich hin schmorten. Schließlich tat ich es ihr gleich und nickte bestätigend. „Man hat scheinbar das eine oder andere zu sagen. Wenn wir es bloß verstehen würden.“
Rugi schnaubte frustriert. „Jemand sollte diesen Geistern wirklich mal klar machen, dass sie sich zeigen und sagen müssen, was sie eigentlich wollen. Sonst wird es nichts mit Hilfe.“
„Das ist es!“
Rugi sah mich fragend an. „Was ist was?“
„Wir brauchen einen Totenbeschwörer.“
„Das ist nicht Dein Ernst.“ Sie warf mir einen Blick zu der beredte Zweifel an meinem Geisteszustand enthielt.
„Nein, überleg mal…“ Die Idee begann sich in meinem Kopf langsam zu einem konkreten Plan weiterzuentwickeln. „Wir brauchen jemanden, die die Geister dazu bewegen kann, zu erscheinen und sich zu äußern. Die Priester kannst Du vergessen, aber ich wette darauf, dass der eine oder andere Anhänger Curulums ein besonderes Verhältnis zu Friedhöfen hat.“
„Und wo willst Du so jemanden finden? Ich zweifle daran, dass es Marktstände dafür gibt.“
„Würde ich nicht sagen…“ Ich grinste spitzbübisch… „Nur werden die Stände nicht im Marktviertel sein, sondern in den Spelunken und Kneipen irgendwo am Hafen.“
„Und jetzt erzählst Du mir gleich, dass Du dorthin willst….“
Mein Grinsen wurde breiter. „Nur mit Dir, meine Liebe, nur mit Dir.“
Rugi verdrehte resignierend die Augen nach oben. Sie wusste, es gab keinen Weg mehr mich davon abzubringen. „Der erste vernünftige Satz, den ich in den letzten Minuten von dir gehört habe. Lass uns zurück gehen und uns vorbereiten.“

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« Letzte Änderung: 14. Juni 2008, 13:36:10 von Kerredis »
Quäl Dich nicht,
laß mich das für Dich tun.