Autor Thema: Ein ganz normaler Tag....  (Gelesen 1126 mal)

Zidaya

  • Gast
Ein ganz normaler Tag....
« am: 06. Mai 2008, 10:21:09 »
Ein ganz normaler Tag neigte sich gerade dem Ende zu, als eine junge Magierin sich dem Stadttor näherte. Sie war etwas in Eile, denn wie fast immer, war sie mal wieder zu spät dran...irgendeine Kleinigkeit hatte unterwegs ihre Aufmerksamkeit erregt - eine schöne Blume, ein Schmetterling, ein Strauch voller süsser Beeren - und sie hatte eigentlich schon vor Stunden hier sein wollen. Erleichtert stand sie nun endlich vor den Wächtern: "Hallo...Guten Tag, ich heisse Zidaya, wie geht`s Euch?" . Die Wächter sahen sich erstaunt an, denn die meisten Neuankömmlinge versuchten eher, sich geheimnisvoll zu geben, Streit zu beginnen oder einzuschüchtern. Dann betrachteten sie die junge Frau, die da gerade versuchte, an ihnen vorbei einen Blick in die Stadt zu werfen: sie war weder zu gross, noch zu klein, weder sehr dick, noch sehr dünn....ihr weiter Mantel verdeckte aber Details ihrer restlichen Kleidung und Erscheinung. Ihr langes dunkelbraunes Haar fiel offen und etwas zerzaust weit über ihren Rücken hinab und rahmte ihr fröhliches, offenes Gesicht ein. Sie lächelte die Wachen freundlich, aber etwas nervös an: "Ähem Jungs, kann ich da bitte rein? Ich habs eilig, wisst ihr...bin spät dran." Der ältere Wächter musste bei der Anrede "Jungs" grinsen und fragte sich, warum sie wohl so nervös war.Hatte sie etwas zu verbergen oder war sie tatsächlich nur in Eile? Der jüngere der beiden Wächter starrte währenddessen wie gebannt in die Augen der jungen Frau: gross und leuchtend strahlten sie ihn an, die Farbe eine Mischung von grau und grün und blau, wie der Himmel oder das Meer....weit, klar und doch unergründlich. In diesen Augen blitzte hohe Intelligenz und Humor, aber sie wanderten fast immer über alles in der Umgebung hin, rastlos, voller Neugierde, voller Freude an fast allem was sie sahen...und ohne Halt. Er dachte sich, dass er gerne der wäre, für den diese Augen einen Moment innehlalten würden, um seinen Blick zu erwidern, damit er darin versinken könne....da versetzte ihm sein Kollege einen Ellbogenstoss in die Rippen und murmelte: "Hey Kleiner, die is nix für Dich, das ist eine Zauberin, vergiss es". Laut sagte der Ältere zu der jungen Frau:" Aha, junge Dame, Dein Name ist also Zidaya....und was willst Du hier? Wo kommst Du her?".

Eine halbe Stunde später bereute der Wächter gefragt zu haben, während sein Kollege immer noch oder wieder fasziniert die junge Frau anstarrte. Wortgewandt und mit flinken Gesten ihrer kleinen Hände redete sie wie ein Wasserfall selbstbewusst über ihre Kindheit, ihr Heimatdorf, ihre Geschwister. Immer wieder streute sie kleine Anekdoten ein, über die sie dann selber in der Erinnerung daran kichern musste, oder sie zwinkerte den Wächtern zu wenn sie einen Scherz machte. In einem kleinen Dorf, etwa drei Tagesreisen zu Fuss von der Stadt entfernt aufgewachsen als mittleres Kind einfacher Leute, war sie schon früh durch ihre Intelligenz und grosse Neugierde aufgefallen, sie stellte ständig Fragen, und platzte fast vor Ungeduld, wenn die Antworten darauf ausblieben oder unbefriedigend waren. Sie war es zwar gewohnt, wenn es sein musste hart zu arbeiten, aber meistens fielen ihr alle Dinge leicht und ihr Frohsinn und ihr Charme eroberten ihr viele Herzen. Nur manchmal - und dabei verdunkelte sich das Strahlen in ihren Augen - manchmal, da war sie sehr zornig oder sehr traurig, und das war dann sehr gefährlich, denn dann nahm sie keine Rücksicht, auf nichts und niemanden, einmal hatte sie sogar....und schon war sie bei der nächsten Anekdote.....beim Sprechen war ihre Stimme hell, ihr Lachen perlte wie Wassertropfen. Nach einiger Zeit fragte der Wächter nocheinmal: " Und was genau willst du nun in der Stadt?" Die junge Frau erwiderte: "Also zuerst mal...schlafen und was essen. Und morgen will ich in die grosse Bibliothek...und ich will einen Lehrer finden, der mir alles beibringt, was es zu wissen gibt. Und irgendwann will ich eine grosse berühmte Magierein sein, mit einem eigenen Einhorn zum Ausreiten und einem Labor und...." Sie erging sich in detaillierten und etwas schwärmerischen Ausmalungen über die Einrichtung ihres Anwesens in ferner Zukunft. Der ältere Wächter fragte sich allmählich, ob er die Kleine nicht einfach reinlassen sollte und Feierabend machen. Sein Kollege kam ihm jedoch zuvor:" Junge Damen, seid willkommen in der Stadt. Wenn ihr jemanden braucht, der euch ein wenig herumführt oder so...ich habe morgen frei. Ich wohne nicht weit von der Bibliothek entfernt, ich könnte euch da hinbringen." Mit einem erfreuten Lächeln schlängelte sich die junge Frau an den Wachen vorbei und rief, schon halb an ihnen vorbei:" Oh ich bin sicher ich finde mich zurecht hier und wenn nicht, kann ich ja jemanden fragen. Aber wir sehen uns bestimmt wieder irgendwann mal!"
Verblüfft beobeachteten die beiden Wächter noch, wie sie mit weitgeöffneten Augen die Strasse in die Stadt entlangging, den Blick hierhin und dorthin wandte, alles beobachtete, alles wahrnahm, voller Neugierde und Wissbegier, ziellos und zuversichtlich. Als sie sich nach einer streunenden Katze bückte, blitzte unter ihrem Mantel ein Dolch an ihrem Gürtel auf im Abendlicht. Der ältere Wächter grinste und dachte sich, dass die Kleine wohl doch nicht ganz so harmlos und naiv war, wie er befürchtet hatte....die würde sich schon durchboxen. Der Jüngere überlegte noch immer etwas wehmütig, was genau er nun falsch gemacht hatte....