Autor Thema: Ariana's Geschichtenwettbewerb: Die Bossmonster von Arthoria Teil 1  (Gelesen 520 mal)

Offline Ariana

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Ich heiße euch willkommen zu meinem ersten Geschichtenwettbewerb! :)

Regeln:
Die Geschichten werden an mich "Ariana" per Flattertier gesendet und ich werde diese dann ins Forum stellen... So bleibt ihr anonym bis zum Ende des Bewerbs.
Bitte achtet auf eure Rechtschreibung und eure Grammatik.
Jeder darf mehr als eine Geschichte schreiben, auch von einem Boss  und die Geschichte kann so lang sein wie ihr wollt.
Abgegeben werden können die Geschichten bis zum 12.12.2016
Das wichtigste ist aber das ihr kreativ sein sollt :)


Das Thema werden Bosse sein, welche werden unten beschrieben. Wichtig ist nur das geklärt wird, wo diese Monster herkommen. Ob ihr dabei in der Sicht des Bosses, als einer seiner Untertanen oder nur eine Legende erzählt, bleibt euch überlassen. 

Goblinkönig
Der Todeslich
Orkischer Heeresführer
Zentaurenanführer
Sultan der Wüste


Die Auswertung:
Jeder Schreiber wird jeweils 2 Texte pro Monster auswählen (nicht seine eigenen). Wenn alle Schreiber gewählt haben, wird der Sieger ermittelt.
Falls es nur 2 oder 3 Texte gibt, dann wählen nur die Teilnehmer, die nicht den Text geschrieben haben. 
Bei einem Unentschieden werde ich den Zufall entscheiden lassen.

Offline Ariana

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Der Todeslich
« Antwort #1 am: 09. Dezember 2016, 19:11:01 »
Wolfsträumer Teil 1

Ich hätte ihn warnen müssen.
Was sich hier gleich vor meinen Augen abspielen würde, war nicht fair. Wie auch? Der Mann, der mir – nicht ganz freiwillig - das Leben gerettet und mich nach Hause gebracht hatte, konnte nicht ahnen, was auf ihn zukam. Und es war nicht von Belang, was er getan hatte. Er war ein Fremder, und als solcher hatte er nur die Wahl, sich der Prüfung zu unterziehen und einer der unseren zu werden oder uns als Sklave zu dienen. So gesehen hatte er klug entschieden, als er ohne lang nachzudenken mit klarer Stimme gesagt hatte, er wolle gern unter uns leben. Aber er ahnte vermutlich nicht, dass er keine Chance hatte. Die Prüfung war für unsereins ausgelegt, für Männer, die mit der Gabe geboren waren. Selbst der jüngste Knabe unter uns könnte die Prüfung bestehen und die Schmerzen, die ihm dabei zugefügt wurden, mit einem Lächeln im Gesicht ertragen, während sein Geist anderswo weilte, weit entfernt von seinem Körper. Aber er? Er war ein Fremder, kam, wie er behauptete, von jenseits des unendlichen Wassers und hatte keine Ahnung von der Kunst der Geistbeherrschung. Er war wie unsere Urururahnen, von denen die Alten noch hin und wieder erzählten. Ohne die Gabe, schwach, angreifbar, ein Spielball der Götter und der Naturgewalten, wehrlos jedem und allem ausgeliefert. Er würde kläglich versagen, und ich würde einen möglichen Freund verlieren. Ich hätte ihn wirklich warnen müssen. Vielleicht wäre ihm ja rechtzeitig die Flucht gelungen.
„Bist du bereit?“ Die Worte meines Vaters unterbrachen meine Gedanken. Wie alle anderen starrte ich wie gebannt zu ihm hin. „Du weißt, worauf es ankommt?“
Der Fremde nickte ernst. Vater hatte ihm erklärt, wie er den ersten Teil der Prüfung bestehen konnte. Er musste die kommenden Schmerzen ertragen, ohne sich zu bewegen, ohne sich zu wehren und ohne einen Laut von sich zu geben. Ein Leichtes für jeden von uns. Für ihn vermutlich schon das Ende der Prüfung, die für gewöhnlich aus drei Teilen bestand.
Auf einen Wink meines Vaters traten zwei Geistkrieger heran und stellten sich rechts und links von dem Fremden auf. „Beginnt!“, befahl Vater.
Ich schob mich zwischen zwei größeren Knaben nach vorne, um besser zu sehen. Sie machten mir Platz, ohne zu protestieren. Häufig haderte ich mit meinem Schicksal, ein Sohn des Clansfürsten zu sein, aber heute nahm ich es dankbar hin. Nun hatte ich uneingeschränkte Sicht auf meinen Retter.
Er stand gerade und wirkte noch recht entspannt, doch es dauerte nicht lang, bis sich seine Kiefernmuskeln verhärteten und sein Gesicht einen angespannten Ausdruck annahm. Ich merkte, dass er sich bemühte, ruhig ein- und auszuatmen. Eine Weile gelang ihm dies auch, aber als der Zugriff der Geistkrieger stärker wurde, begann er zu keuchen. Mit geschlossenen Augen, schwer atmend stand er da, und ein vernehmliches Raunen erhob sich in der Zuschauermenge. Nun hatte auch der Letzte begriffen, dass der Fremde nicht über die Gabe verfügte, dass er wirklich und wahrhaftig litt und die Schmerzen in vollem Ausmaß ertragen musste. Eine Zeit lang noch hielt er sich tapfer, doch dann begann er zu zittern, und aus seinen Augen rannen Tränen, ohne dass er es zu verhindern vermochte. Und doch hatte er sich noch nicht von seinem Platz gerührt, und außer seinem keuchenden Atem gab er keinen Laut von sich.
Endlich sprach mein Vater das erlösende Kommando aus. „Es ist gut, lasst ihn los.“ Die Geistkrieger gaben ihn frei, und augenblicklich verließ ihn der Schmerz. Verblüfft öffnete er die Augen, wischte verlegen die Tränenspuren mit seinem Hemdsärmel aus dem Gesicht und stieß einen erleichterten Seufzer aus, ehe er meinen Vater unsicher anschaute.
„Du erstaunst mich“, sagte Vater. „Diesen Teil der Prüfung hast du bestanden.“
Der Fremde atmete hörbar auf. Unsere Blicke trafen sich, und ich erkannte Freude, Stolz und auch Verwunderung in seinen Augen, während er mir ein zuversichtliches Lächeln schenkte, als wolle er mir sagen „Siehst du, deine Sorgen waren müßig.“
Woher wusste er, was ich dachte? Und weshalb wusste ich, was er mir vermitteln wollte? Gewiss bildete ich mir das alles nur ein.
„Folge mir.“ Vater schlug den Weg zum Gehege ein.
Entspannt folgte ihm mein Retter, und wir übrigen schlossen uns der Prozession nach und nach an. Ich wusste, was nun kommen würde, und wieder wuchsen Angst und Zweifel in mir.
Vor dem Eingang zum Gehege blieb Vater stehen und wandte sich dem jungen Mann zu. „Wir nennen uns Wolfsclan. Wölfe sind unser Totem, unsere Gefährten und Jagdgenossen, und jeder unserer männlichen Nachkommen muss einen Wolf zähmen, bevor er sich einen Mann nennen darf. Hier“, er wies mit einer ausholenden Geste über das Gehege, „leben die Wölfe, die noch niemand gezähmt hat, in einem Rudel zusammen. Deine zweite Aufgabe besteht darin, in diesem Gehege die kommende Nacht zu überleben.“ Mit diesen Worten öffnete er das Tor und bedeutete dem Probanden, einzutreten.
Dieser zögerte nicht und betrat das umfriedete Waldstück, tat einige Schritte vorwärts und blieb unsicher stehen. Noch ließ sich kein Wolf blicken, doch das hieß nicht, dass sie nicht da waren. Er sah sie nicht, doch gewiss sahen sie ihn und witterten seine Angst, auch wenn er sich diese uns Menschen gegenüber nicht anmerken ließ.
Ich hatte erst zweimal diesen zweiten Teil der Prüfungen miterlebt, und beide Male hatten die Männer, die sich ihr unterzogen hatten, versagt. Der erste hatte gar nicht erst abgewartet, bis die Wölfe sich zeigten, sondern war behände auf einen Baum geklettert und hatte die Nacht dort oben verbracht. Am anderen Morgen hatte mein Vater ihn kalt lächelnd beglückwünscht und aufgefordert, herauszukommen. Auf der kurzen Entfernung zwischen dem Baum und dem Ausgang fiel das Rudel über ihn her. Ich glaube, ich werde niemals seine überraschte und entsetzte Miene vergessen, als er erkannte, dass seine Findigkeit ihn nicht gerettet hatte.
Der zweite hatte sich einen kräftigen Ast von einem Baum gebrochen und die Wölfe kampfbereit erwartet. Zunächst war der alte Wolf, der das Rudel anführte, auf Abstand geblieben und zeigte sich eingeschüchtert, doch die Nacht war lang, und der Prüfling ermüdete. Irgendwann war seine Abwehr wohl nicht mehr überzeugend genug, denn wir fanden ihn am anderen Morgen mit durchgebissener Kehle in der Nähe der Höhle, wo das Rudel schlief.
Mit der Gabe ist es ein Leichtes, sich den Wolf vom Hals zu halten oder ihn zu unterwerfen. Doch ohne sie hat man vermutlich keine Chance, gegen das Rudel zu bestehen. Bedauernd blickte ich dem Fremden nach, sah, wie ihn die Schatten zwischen den Bäumen zu verschlucken schienen. Er ging langsam, gemessenen Schrittes, aber ohne zu zögern von der Umfriedung weg, auf die Mitte des Geheges zu. Kurz bevor ich ihn aus den Augen verlor, wandte er sich noch einmal um, suchte meinen Blick und winkte mir zu. Einen Augenblick später war er verschwunden. Bis jetzt hatte sich das Rudel nicht blicken lassen, aber ich war sicher, die Tiere erwarteten ihre Beute bereits.
„Komm mit, wir können hier nichts mehr ausrichten.“ Vater legte den Arm um mich und wollte mich mit sich ziehen. Die anderen Männer und Knaben hatten sich längst zerstreut, da es nichts Spektakuläres mehr zu sehen hab.
Ich lauschte in die anbrechende Dunkelheit. „Ich höre nichts“, sagte ich und blieb stehen. Kein Knurren, kein Schreien war zu vernehmen. Nichts, außer dem Wind in den Bäumen und hin und wieder dem Knacken eines Astes. Die ganz normalen Waldgeräusche eben. „Warum hören wir nichts? Was tun sie?“
„Willst du sehen, was geschieht?“
Ich zögerte. Natürlich wollte ich sehen, wie sich mein Retter bei dieser Prüfung schlug, doch eigentlich wollte ich es auch wieder nicht mit ansehen, wie das Rudel ihn jagen und töten würde. Doch dann gab ich mir einen Ruck. Nicht, dass mein Vater mich für einen Feigling hielt! „Wie meinst du das?“, fragte ich ihn.
„Es gibt einen Ort, wo wir alles beobachten können“, verriet er mir mit einem Augenzwinkern. „Zumindest so lange es ausreichend hell ist. Und wir haben Glück. Heute Nacht ist Vollmond.“ Er winkte mir, ihm zu folgen.
Überrascht tappte ich hinter ihm her, immer am Gehege entlang. Zwischen zwei großen, alten Eichenstämmen blieb Vater stehen und tastete suchend zwischen den Ästen umher, bis er gefunden hatte, was er suchte. Mit wenigen Handgriffen hatte er eine hölzerne Leiter herabgelassen. „Nach dir.“ Übertrieben höflich ließ er mir den Vortritt. Wir kletterten beide in die Höhe, wo wir eine erstaunlich große Plattform vorfanden, von der aus man einen hervorragenden Blick auf das Gelände vor der Schlafhöhle des Rudels hatte. Vater zog die Leiter wieder hoch. Wir würden ungestört beobachten können, was sich dort unten im Gehege abspielte. Vater machte mir ein Zeichen, leise zu sein und ließ sich am Rand der Plattform nieder. Ich tat es ihm gleich und starrte in die Dämmerung, zunächst ohne etwas zu erkennen. Doch als sich meine Augen an das Dunkel gewöhnt hatten, erkannte ich die Wölfe. Sie wirkten eindeutig aufgestört und liefen unruhig durcheinander, immer wieder verharrend, die Ohren spitzend und in die Nachtluft witternd.
Nach einer Weile stieß mein Vater mich sanft an und deutete nach unten. Ich folgte seinem Fingerzeig mit den Blicken und entdeckte meinen Retter. Ebenso langsam und ruhig wie er sich vom Eingang entfernt hatte, kam er zwischen den Bäumen hervor. In seinen Bewegungen lagen weder Hast noch Angst oder Kampfeslust. Man könnte beinahe sagen, er näherte sich dem Rudel unvoreingenommen freundlich, falls so etwas überhaupt möglich war. Hatte nicht jeder Fremde bislang Angst vor Wölfen gezeigt? Konnte er seine Furcht so gut verbergen oder empfand er womöglich keine? Ich würde ihn wohl nicht mehr danach fragen können, denn nun trat der Rudelführer in Erscheinung. Riesengroß kam er mir vor, als er sich jetzt mit gesträubtem Fell vor die anderen Tiere schob und sich dem Fremden entgegenstellte, wobei er ein tiefes, bedrohliches Knurren vernehmen ließ. Was würde der Mann dort unten jetzt tun? Feige davonlaufen? Oder todesmutig brüllend zum Angriff übergehen?
Wieder einmal überraschte er Vater und mich, und offenbar nicht nur uns. Er wich weder zurück, noch bewegte er sich vorwärts, sondern er ließ sich dort, wo er stand, mit einer geschmeidigen Bewegung auf dem Boden nieder, halb dem Leitwolf zugewandt, halb zur Seite blickend, senkte den Kopf und verharrte still.
Das Knurren verstummte. Das Tier schien verunsichert und wartete, was als nächstes geschehen würde. Doch es geschah – nichts.
Der Mensch blieb weitestgehend bewegungslos sitzen und blickte nur hin und wieder zu dem mächtigen Rüden hin.
Verblüfft beobachteten Vater und ich die Reaktion des Wolfes. Lange Zeit blieb er stehen und starrte zu dem Sitzenden hin, als wolle er abschätzen, was von diesem zu erwarten war. Auf einmal jedoch trabte er neugierig auf ihn zu, umkreiste ihn mehrmals und näherte sich ihm schließlich, um ihn überaus vorsichtig zu beschnuppern.
Der Mann rührte sich nach wie vor nicht. Er blieb sitzen, duckte sich höchstens ein wenig tiefer und wartete ab, was der Wolf tun würde.
Dieser fuhr mit seiner Erforschung des fremden Wesens, das sich nicht vor ihm zu fürchten schien, fort. Mit der Zeit verlor er seine Scheu. Mehrmals umkreiste er den Mann, stieß ihn mit dem Fang hier und dort an, schnüffelte und leckte, streifte ihn und berührte ihn mehrmals mit der Pfote. Nachdem er mit alledem keine Reaktion hervorrief, wurde er vollends zudringlich, erhob sich auf die Hinterbeine und legte ihm beide Pfoten auf die Schulter.
Jetzt kam Bewegung in meinen Retter. Sanft aber bestimmt schob er den Wolf von sich.
Dieser, wie erstaunt über die Berührung, vollführte einen Sprung nach hinten, doch dann begann sein Spiel von vorne. Umkreisen, beschnüffeln, belecken, berühren. Zuletzt hob er das Bein, um den Mann, der sich in sein Revier verirrt hatte, mit ein paar Spritzern Urin zu markieren. Mit einem kurzen Laut des Abscheus und einem leisen Lachen ließ dieser sich das gefallen.
Und endlich gestattete der Leitwolf auch dem Rudel, sich ihm anzuschließen. Es war ein unglaublicher Anblick: Der Fremde, ruhig in der Mitte des friedlichen, neugierig aufgeschlossenen Wolfsrudels hockend, und ringsumher die Wölfe, die weder Feind noch Beute in ihm sahen. Nach einer Weile verloren die meisten Tiere das Interesse an ihm, doch der Leitwolf blieb in seiner Nähe. Lange Zeit ereignete sich nun nichts mehr, und Vater und ich wollten die Plattform bereits verlassen, als doch noch einmal Bewegung in die Szene kam.
Der Fremde blieb in seiner geduckten Haltung, rutschte jedoch langsam und unter der strengen Beobachtung des Wolfes näher an einen der Felsen, die den Eingang der Höhle begrenzten, und ließ sich dort zum Liegen nieder. Den Stein im Rücken wartete er, wie der Wolf reagieren würde.
Jener wiederholte das Ritual von zuvor, einschließlich des Markierens, und legte sich schließlich neben dem Mann nieder.
„Wollen wir gehen?“, flüsterte Vater, doch ich schüttelte den Kopf. Also blieben wir, doch in dieser Nacht ereignete sich nichts mehr, außer dass Wolf und Mann Seite an Seite einschliefen. Auch ich legte mich zum Schlafen nieder, bis mich mein Vater in der Morgendämmerung weckte. Gespannt nahm ich meinen Platz am Rande der Aussichtsplattform wieder ein. Ich fröstelte in der morgendlichen Kühle und beneidete beinahe meinen Retter, der noch immer Seite an Seite mit dem Wolf dort unten bei dem Felsen ruhte.
Als sich der Himmel im Osten rosa färbte, erwachten der Mann und das Tier scheinbar gleichzeitig. Der Mann richtete sich vorsichtig auf, der Leitwolf sprang auf die Beine und schüttelte sich ausgiebig. Dann trottete er gleichgültig davon.
Langsam und wachsam kam mein Retter zunächst wieder zum Sitzen, dann ging er in die Hocke und richtete sich langsam auf. Als sich keines der Tiere mehr blicken ließ, ging er, so gemächlich wie er am Vorabend hergekommen war, davon.
Als die Sonne über den Bergen im Osten ihre ersten Strahlen herab sandte, erwarteten die Männer und Knaben unseres Clans uns am Eingang zum Gehege, gespannt auf Vaters Bericht. Sie staunten nicht schlecht, als gleichzeitig mit unserem Eintreffen der Fremde unversehrt auftauchte und darum bat, herausgelassen zu werden. Seine Kleidung sah ein wenig ramponiert aus, aber er hatte nicht einen Kratzer davongetragen. Vater hieß ihn freundlich willkommen und öffnete das Tor, während die Clansmänner respektvoll zurückwichen. War der Fremde etwa ein Magier, oder wie hatte er die Nacht unter Wölfen unverletzt überstehen können? Oder konnte es sein, dass er womöglich doch die Gabe besaß, ohne es zu wissen, oder ohne es uns verraten zu haben? Aber Vater hatte ihn doch überprüft!
„Es wird mir eine Ehre sein, dich im Wolfsclan aufzunehmen“, sagte Vater, und die Augen des Mannes leuchteten vor Stolz, als Vater verkündete: „Männer, dieser Anwärter hat auch die zweite ihm gestellte Aufgabe bewältigt. Sollte er auch die dritte Prüfung bestehen, so gehört er zu uns, und sein Name sei Wolfsträumer.“
Beifälliges Murmeln erhob sich, doch keiner gratulierte.
„Wolfsträumer, gerne würde ich dir die dritte Prüfung ersparen“, ergriff Vater wieder das Wort, „doch unsere Gesetze verlangen, dass du sie ablegst.“
„Worin besteht die dritte Prüfung?“, fragte der mit den Wölfen geschlafen hatte beunruhigt.
„Zunächst darfst du dich stärken und dich reinigen.“ Vater ging nicht näher auf die Frage ein. „Sei unser Gast, bis die nächste Probe beginnt.“
„Habt Dank.“
Vater wandte sich an mich. „Geht und esst etwas. Dann macht euch einen schönen Tag. Es ist vielleicht sein letzter in Freiheit.“ Das Bedauern in Vaters Worten war aufrichtig. „Aber bleibt in der Nähe.“
„Wie du wünschst.“ Ich wandte mich an meinen Retter, der mich unsicher anlächelte. „Kommst du mit?“
Er folgte mir zu meiner Jurte, die ich mit einigen anderen jüngeren Knaben teilte, von denen zum Glück keiner da war.
„Hast du Hunger?“, fragte ich und hoffte, er würde ja sagen, denn ich fühlte mich nach der langen Nachtwache ausgehungert.
Er enttäuschte mich nicht. „Wie ein Wolf“, war seine Antwort, und wir mussten beide darüber lachen.
Später, nachdem wir beide im Fluss gebadet und unsere Kleidung gewaschen hatten und uns am Ufer von der Sonne trocknen ließen, fragte ich ihn nach seiner Heimat aus, und wie es gekommen war, dass er über das unendliche Wasser zu uns gefunden hatte.
Er lachte. „Indem das unendliche Wasser, wie ihr es nennt, eben doch endlich ist. Die Angehörigen meines Volkes sind ständig auf der Suche nach neuen Ländern und Kontinenten und nach anderen Völkern, mit denen wir Handel treiben können.“ Seine Miene umwölkte sich. „Aber leider ist das oft nur ein Vorwand, um in Wirklichkeit diese Völker zu unterwerfen und auszubeuten. Ich will ehrlich zu dir sein. Ich kam mit vielen Kriegern auf einem Schiff hierher, und unser Auftrag lautet, nach Gold zu suchen.“
„Gold? Was soll das sein?“ Das Wort hatte ich noch nie gehört. „Kann man es essen?“
„Oh nein.“ Wieder musste er lachen. Ich mochte es, wenn er lachte und sich ein Kranz aus unzähligen Fältchen um seine Augen bildete. „Gold ist ein glänzendes Metall, das man in der Erde findet. Bei uns ist es überaus kostbar. Man kann es gegen wertvolle Gegenstände eintauschen oder auch einschmelzen und wunderschöne Schmuckstücke daraus herstellen.“
„Kenn ich nicht“, murmelte ich und hoffte, dass er mir diese Lüge abnahm. Was er „Gold“ nannte, hieß bei uns „das Blut der Berge“. Wenn Wolfsträumer bei der letzten Prüfung versagte, würde er sein Gold finden. Als Sklave in den Bergewerken im Landesinneren.
Offenbar glaubte er mir. „Sei froh“, sagte er und wirkte irgendwie erleichtert. Nachdenklich fuhr er fort. „Mir ist überhaupt aufgefallen, dass ihr keinerlei Metallgegenstände benutzt.“
Schon wieder so ein unbekanntes Wort! Allmählich wurde mir diese Unterhaltung peinlich. „Metall?“, fragte ich dennoch, denn ich war begierig, mehr über seine Welt zu lernen.
„Aus Metall bestand die Klinge des Schwertes, das eure Krieger mir abgenommen haben, nachdem sie uns fanden“, erklärte er.
„Ach, das.“ Ich hatte das Schwert gesehen, und es hatte mich nicht sonderlich beeindruckt. „Weißt du, wir benötigen keine Waffen. Unsere Werkzeuge sind aus Stein gefertigt, und darüber hinaus brauchen wir nichts. Unsere Krieger, die Geistkrieger, kämpfen mit dem Geist. Du hast erlebt, wozu sie in der Lage sind.“
„Allerdings“, gab er zu und verzog das Gesicht bei der Erinnerung an die erste Prüfung. „Wie um alles in der Welt machen sie das bloß?“
„Es ist die Gabe“, erklärte ich, froh, endlich einmal auf einem Gebiet mehr zu wissen als er. „Jeder Mann und jede Frau unseres Volkes besitzt sie und lernt von Kindesbeinen an, sie zu gebrauchen. Die, bei denen sie am stärksten ausgeprägt ist, werden Geistkrieger, Krieger und Befehlshaber. Ich werde eines Tages ein Geistkrieger sein und vielleicht sogar meinem Vater nachfolgen. Wer die Gabe nicht hat, was zuweilen vorkommt, wird geprüft wie du. Und wer die Prüfungen nicht besteht, muss … uns verlassen.“ Mein kurzes Zögern war ihm glücklicherweise entgangen. In Wahrheit mussten Angehörige unseres Volkes, denen die Gabe fehlte, sterben, und die wenigen, denen dieses Schicksal beschieden war, nahmen dieses Urteil lieber an als mit der Schande, ohne die Gabe geboren zu sein, als Sklave weiterzuleben.
„Worin genau besteht diese Gabe?“, wollte er wissen. „In der Fähigkeit, Schmerzen zuzufügen und auszuhalten? Oder kann sie noch mehr?“
„Oh, sie kann vieles.“ Begeistert begann ich, aufzuzählen. „Damit kannst du einen anderen Menschen, ohne ihn zu berühren, deinem Willen unterwerfen, sofern deine Gabe stärker ist als seine. Du kannst Tiere dazu bringen, sich von dir einfangen zu lassen. Darum können wir ohne Waffen auf die Jagd gehen oder Wölfe zähmen. Mit der Gabe kannst du jedes Lebewesen beeinflussen. Du kannst Pflanzen wachsen oder verdorren lassen und Fische in eine Reuse locken. Du kannst einen jungen Baum dazu bringen, so zu wachsen, dass du später ein Boot aus ihm bauen kannst oder mit seinen Wurzeln Felsen zu sprengen, du kannst…“
„Danke. Ich habe verstanden“, unterbrach er meinen Redefluss. Warum nur war er auf einmal so bedrückt? Beneidete er uns etwa so glühend, oder was sonst hatte ihn aus dem Gleichgewicht gebracht?
„Was ist?“, fragte ich vorsichtig.
„Ich glaube, ich weiß, worin die dritte Prüfung besteht“, sagte er düster.
„Ich darf dir nichts verraten. Ich habe Vater mein Wort gegeben.“ Er tat mir Leid, aber ich nahm meine Versprechen stets ernst, und mein Vater stand mir noch immer näher als Wolfsträumer, auch wenn er mir das Leben gerettet hatte.
„Nicht nötig, schon gut.“ Er seufzte vernehmlich.

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« Antwort #2 am: 09. Dezember 2016, 19:19:55 »
Wolfsträumer Teil 2

„Du kannst es schaffen“ versicherte ich ihm. „Du hast doch auch die anderen Aufgaben bewältigt.“
Er schüttelte den Kopf. „Die Schmerzen zu ertragen, hat mich an meine Grenzen gebracht, doch ich habe als Krieger lernen müssen, tapfer zu sein“, widersprach er. „Die Wölfe … Die Wölfe waren eine wunderbare Erfahrung. Weißt du, bei mir zu Hause leben verwilderte Hunde, deren Nachkommen wir zähmen, damit sie unsere Anwesen bewachen oder uns bei der Jagd unterstützen. Ich hatte gehofft, dass sich die Wölfe ähnlich verhalten würden wie sie, und es war eine beglückende Erfahrung, zu sehen, dass dem so ist. Einen Wolf zu berühren, der sich mir freiwillig und in Freundschaft nähert… Das war unglaublich.“
„Hm“, machte ich. Für uns war es nichts Besonderes, einen Wolf zu berühren. Allerdings hielten wir sie mit unserer Gabe in Schach und ließen ihnen keine andere Wahl als uns zu gehorchen.
„Ich hatte also mit den beiden ersten Aufgaben großes Glück“, fuhr er fort. „Ich frage mich jedoch, wie ich eine Pflanze wachsen oder verdorren lassen soll.“
„Das ist doch ganz einfach!“, rief ich aufgeregt aus. „Soll ich es dir zeigen?“ Vater hatte mir lediglich verboten, mit Wolfsträumer über die dritte Aufgabe zu sprechen, nicht jedoch, ihn eine Fähigkeit zu lehren, mittels derer er sie bewältigen könnte. Schließlich hatte er selbst die richtigen Schlüsse gezogen.
Traurig schüttelte er den Kopf. „Ich danke dir und weiß dein Angebot zu schätzen. Aber ich fürchte, ohne diese wundersame Gabe wird es mir nicht gelingen.“
„Du könntest es wenigstens versuchen“, meinte ich vorwurfsvoll. Diese Resignation wollte so überhaupt nicht zu ihm passen. Wäre er eine Persönlichkeit, sie sich von scheinbar offensichtlichen Umständen einschüchtern ließ, wäre es ihm niemals gelungen, mich aus den Händen der fremden Krieger zu befreien, die mich entführt hatten. Ich war benommen gewesen von dem Schlag auf den Kopf, den mir einer der Männer bei meiner Gefangennahme versetzt hatte. Wäre ich unverletzt gewesen, wäre mir die Flucht gewiss aus eigener Kraft geglückt, so aber war ich auf fremde Hilfe angewiesen. Zugegeben: Ich hatte ihm, obwohl es mir eigentlich noch nicht erlaubt war, mittels meiner Gabe einen klitzekleinen Befehl dazu gegeben. Es war ganz einfach gewesen, denn er war unter den fremden Kriegern der jüngste, der mitfühlendste und freundlichste gewesen. Allein hatte er sich daraufhin gegen die fünf übrigen Männer gestellt, deren einer sein Vorgesetzter gewesen war. Dieser hatte ihm die schrecklichsten Strafen angedroht, falls er es wagen sollte, das Unternehmen – was auch immer er damit gemeint hatte - so kurz vor dem Erfolg zu gefährden. Ich kann mich deutlich an die flammende Rede erinnern, mit der er seine Kameraden zu überzeugen versucht hatte, mich – ein Kind noch - freizulassen. Zuerst hatten sie ihn nur ausgelacht, dann beschimpft und zuletzt bedroht. Dennoch hatte er bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit meine Fesseln durchtrennt und mich zwei Tage und Nächte lang durch die Wälder nach Hause getragen, immer auf der Hut vor möglichen Verfolgern und in Sorge vor der Reaktion der Clansmänner, wenn sie ihn mit mir entdecken würden. Zum Glück hatte ich mich im Laufe dieser zwei Tage soweit erholt, dass ich ihm den Weg zeigen und vor allem meinem Vater und seinen Geistkrieger erklären konnte, dass mein Begleiter kein Feind war, nachdem wir von unseren Wachen entdeckt und umstellt worden waren. Und dieser Mann, der all dies geleistet und darüber hinaus schon zwei Aufgaben der Prüfung erfolgreich absolviert hatte, traute sich jetzt nicht zu, ein einfaches Samenkorn zum Keimen zu bringen?!
Ich setzte mich auf, griff in meine Hosentasche und zog eine Handvoll Getreidekörner hervor, die ich stets mit mir herumtrug, um die Vögel zu belohnen, nachdem ich sie mittels meiner Gabe für mich hatte singen lassen. Eines davon wählte ich aus und legte es auf meine offene Handfläche. Ich konzentrierte mich kurz und drang mit meiner Gabe in die Substanz des Korns ein. Geschwind zog es, unterstützt von meinem Willen, Feuchtigkeit aus der Luft, seine Schale wurde weich, es dehnte sich aus, die Haut platzte auf und ein kleiner grüner Halm wurde sichtbar, der zusehends länger und länger wurde, bis ich mich zurückzog. Die ganze Prozedur hatte kaum dreißig Atemzüge lang gedauert. „Hast du gesehen?“, fragte ich stolz.
Er schien mächtig beeindruckt. Er hatte sich ebenfalls aufgerichtet und berührte ungläubig den Keimling, den ich ihm auf meiner offenen Hand präsentierte.
„Hier, nun versuch du es“, forderte ich ihn auf und ließ ein neues Samenkorn in seine Hand fallen.
Er lächelte hilflos, doch er tat mir den Gefallen und hielt die Hand vor sich, blickte auf das Korn und richtete seine Gedanken darauf, es aufbrechen und keimen zu sehen. Wie er es erwartet hatte, ereignete sich nichts. „Ich kann das nicht“, flüsterte er schaudernd.
Dieses Mal widersprach ich nicht. Aber eine Idee reifte in meinem Kopf. Ich würde nicht zulassen, dass er bei der Prüfung versagte. Schließlich war er meinetwegen in diese Situation geraten. „Hab keine Angst“, sagte ich. „Ich werde dir helfen.“
Er blickte auf. „Dafür danke ich dir. Aber das solltest du nicht tun. Wir haben beide gehört, was denen droht, die ein Prüfungsergebnis verfälschen.“
Das stimmte. Vater hatte des Langen und des Breiten erklärt, dass ein Clansmann, der dem Fremden mittels seiner Gabe behilflich war, auf das Härteste bestraft werden würde, ohne allerdings die Strafe näher auszuführen. „Tu deinem Vater das nicht an. Er wird seinem Sohn gegenüber nicht mehr Milde an den Tag legen dürfen als jedem anderen im Clan.“
„Sicher nicht. Aber er muss es ja nicht mitbekommen.“ Ich grinste ihn verschwörerisch an.
„Ich will nicht, dass du meinetwegen in Ungnade fällst“, beharrte er.
„Du hast mir das Leben gerettet.“
„Nicht, um es dir in Zukunft zur Hölle zu machen. Du willst ein Geistkrieger werden. Glaubst du, das wird noch möglich sein, nachdem du eine solche Schuld auf dich geladen hast?“
Wohl nicht, und das wäre sehr bedauerlich. Meine Gabe war überaus stark, und ihr Gebrauch fiel mir leicht. Ich war der geborene Geistkrieger, so zumindest hatte mein Vater es ausgedrückt, und ich hatte sein Urteil nie in Frage gestellt. Das Ausüben der Macht, die mir die Gabe verlieh, machte mir Freude. Manchmal bedauerte ich, sie stets nur an Tieren und Pflanzen erproben zu dürfen, doch wenn ich erst zum Mann geworden war, würde meine Zeit kommen. Jeder Jungmann durfte beim Beaufsichtigen der Sklaven in den Bergwerken Dienst tun, und dort erlernten wir den Umgang mit der Gabe einem anderen Menschen gegenüber. Ich freute mich unbändig darauf. Was würde es für mich bedeuten, die Aussicht auf eine derart rosige Zukunft aufzugeben? War Wolfträumers Freiheit das Wert? Andererseits: Ich besaß die Gabe. Wer wollte mich daran hindern, sie nach meinem Belieben zu gebrauchen? „Ich werde ein Geistkrieger sein“, sagte ich fest. „Aber ich will nicht, dass du sterben musst!“
„Ich auch nicht“, entgegnete er trocken. „Aber wie kommst du auf ‚Sterben‘?“
Götter, ich hatte mich verplappert! Wolfsträumer konnte nicht ahnen, dass keiner unserer Sklaven länger als zwei, allenfalls drei Jahre in den Minen überlebte. Das Leben in ständiger Dunkelheit, die harte körperliche Arbeit, unzureichende Nahrung und hin und wieder ein „Unfall“, wenn einer der angehenden Geistkrieger die Kraft seiner Gabe während einer notwendigen Bestrafung nicht richtig eingeschätzt hatte… Kein Mann konnte dergleichen lange Zeit überstehen. „Unsere Sklaven werden nicht alt“, sagte ich lahm, doch er schien zu verstehen, denn sein Gesicht nahm einen ernsten Ausdruck an. „Du könntest auch vor der Prüfung fliehen“, schlug ich hoffnungsvoll vor. „Jetzt.“
Er schüttelte energisch den Kopf. „Hältst du mich für einen Feigling?“
„Natürlich nicht“, beeilte ich mich ihm zu versichern. „Aber für einen Narren, wenn du mit offenen Augen in den Tod gehst.“
„Ach Lich, du hast ja Recht“, seufzte er und blickte betreten zu Boden. „Aber wohin könnte ich gehen? Bei meinen Leuten droht mir dasselbe Schicksal wie hier.“
Das hatte ich nicht bedacht. Indem er mich gegen den ausdrücklichen Befehl seines Vorgesetzten befreit hatte und mit mir geflohen war, war er zum Verräter geworden. „Also musst du dir von mir helfen lassen.“
„Es wäre unredlich“, beharrte er. „Und zu riskant für dich.“
„Es ist kein Wagnis, nichts kann schief gehen. Und selbst wenn, ich glaube nicht, dass mein Vater bei mir so hart durchgreifen würde. Ich bin noch ein Kind, weißt du.“
Trotz der ernsten Situation lachte er leise. „Ich wette, das würdest du für gewöhnlich weit von dir weisen.“
„Da kannst du Recht haben“, erwiderte ich grinsend. Normalerweise legte ich größten Wert auf die Tatsache, in Kürze zu den Jungmännern zu gehören. Aber ja! Das war doch die Lösung all unserer Probleme! Warum war ich bloß nicht gleich darauf gekommen? „Hör mir zu, Wolfsträumer. Ich hab’s mir überlegt. Du sollst deine Prüfung allein bestehen, oder allein versagen.“
Er nickte. „Es ist besser so, glaube mir.“
„Gewiss.“ Ich grinste noch immer. „Wenn du versagst…“
„Werde ich deinem Volk als Sklave dienen“, beendete er meinen Satz. „Und alles daran setzen, so lange wie möglich zu überleben.“
„Gut“, lobte ich. „Und ich werde in Kürze, wenn ich ein Jungmann geworden bin, zu den Aufsehern gehören. Dann werde ich dafür sorgen, dass du ein gutes Leben hast.“
Er blickte mich zweifelnd an, doch er nickte wieder. „Ich danke dir für die gute Absicht“, sagte er mit einem traurigen Lächeln.
„Warum siehst du mich so an?“, fragte ich vorwurfsvoll. „Vertraust du mir etwa nicht?“
„Doch, natürlich“, beeilte er sich zu antworten.
„Aber?“
„Aber was?“
„Du wirkst, als wolltest du eigentlich das Gegenteil behaupten.“
„Bin ich so leicht zu durchschauen?“ Er lachte leise. „Also gut, ich werde dir meine Befürchtungen mitteilen. Du wirst deinen Dienst mit den besten Absichten, ein gerechter und milder Aufseher zu sein, beginnen. Doch mit der Zeit wirst du feststellen, dass deine Arbeit leichter wird, wenn du stattdessen ein strenger und gefürchteter Aufseher bist. Und dann wird es dir unmöglich sein, einen einzelnen Sklaven unter all den anderen zu bevorzugen oder besonders zu beschützen.“
„Niemals!“, protestierte ich. „Woher willst du das wissen?“
„Das ist die menschliche Natur, Lich. Wir alle unterliegen denselben Verhaltensregeln. Nur die Stärksten können sich darüber hinwegsetzen.“
Aber ich war stark! Für Wolfsträumer würde ich stark sein, jawohl! „Du wirst erleben, dass ich es kann“, beteuerte ich feierlich. „Ich schwöre es dir, beim Leben meines…“
„Nicht“, unterbrach er mich scharf. „Schwöre nicht. Ich glaube dir auch so, dass es dir ernst ist. Ich kann es sehen und fühlen. Ich vertraue dir.“ In seinem Blick lag etwas, was ich nicht recht zu deuten wusste. War es Zufriedenheit? Triumpf gar? Auf jeden Fall schien er deutlich entspannter, als er mich fragte, wann ich denn ein Jungmann sein würde und welche Rituale diesen Übergang begleiteten.
Nur zu gerne ließ ich mich ablenken und erzählte ihm, dass es schon beim nächsten Neumond so weit sein würde, und dass auch wir angehenden Männer eine Prüfung zu bestehen hatten, die darin bestand, einen Wolf zu zähmen. Ich hatte mir den Leitwolf des Rudels ausersehen. Das Leittier für einen künftigen Befehlshaber, dies empfand ich als angemessen.
„Ich bin sicher, dass dich das vor keine großen Schwierigkeiten stellt“, bemerkte er. „Aber ich möchte dich bitten, dir diese Wahl noch einmal durch den Kopf gehen zu lassen.“
„Warum?“, wollte ich verständnislos wissen.
„Du könntest dich mit dem zweitstärksten Rüden zufriedengeben. Dieser ist jünger und wird ohnehin früher oder später die erste Position einnehmen. Der Leitwolf dagegen hält jetzt das ganze Rudel zusammen. Indem du ihn aus seinem Rang entfernst, muss ein neuer Anführer gefunden werden, und das ganze Rudel muss sich neu erfinden. Es wird blutige Kämpfe geben, da sie einander im Gehege nicht aus dem Weg gehen können. Willst du das wirklich?“
„Nein, aber…“, stammelte ich. Als Sohn des Ersten Geistkrieger und mit meiner ausgeprägten Gabe fühlte ich mich geradezu verpflichtet, mir den Leitwolf und kein anderes Tier zu unterwerfen. Mein Vater würde es so und nicht anders von mir erwarten. „Es ist, weil… Ich muss…“ Mir fehlten die Worte.
„Lass nur. Du musst dich nicht rechtfertigen“, beschwichtigte Wolfsträumer mich. „Es ist deine Entscheidung.“
Ich atmete auf. „Woher weißt du das alles?“, fragte ich interessiert. „Ebenfalls von den Hunden bei euch daheim?“
„Nein, nicht wirklich“, gab er zu. „Ich habe das alles begriffen, während ich unter den Gehegewölfen weilte.“
‚Er übertreibt‘, dachte ich erleichtert. Während der wenigen Stunden, die er dort zugebracht und zum größten Teil auch noch verschlafen hatte, konnte er niemals so viele und derart konkrete Erkenntnisse über das Zusammenleben des Rudels gewonnen haben. Er wollte sich lediglich vor mir wichtig machen. Ich gönnte ihm das gute Gefühl, einen Barbaren belehrt zu haben und widersprach ihm nicht. Stattdessen fuhr ich fort, von den Mannbarkeitsriten zu erzählen. Von dem Festmahl, das auf die erfolgreich bestandene Prüfung folgte, bei dem ein gemeinsam mit dem Wolf erjagtes Wild zubereitet wurde, von der langen Festnacht mit Musik und Tanz und davon, dass der Jungmann erstmals mit den weiblichen Mitgliedern des Clans zusammentreffen würde. Beim Gedanken an diese Begegnung überlief mich wie jedes Mal, wenn ich sie mir vorstellte, eine Gänsehaut.
Wolfsträumer lauschte beinahe neidvoll. Als ich geendet hatte, seufzte er und flüsterte wehmütig: „Ich wollte, ich könnte dabei sein.“
Das würde er, wenn er seine Prüfung bestand, doch da er sich nicht von mir helfen lassen wollte, standen die Chancen dafür verschwindend gering. Daher begnügte ich mich mit einem aufrichtig gemeinten „Ich auch“ als Antwort und bat ihn, mir von seinem Leben jenseits des unendlichen Wassers zu erzählen und wie er zum Krieger geworden war.
Er wusste spannend zu berichten, und ich hätte ihm viele Stunden lang lauschen können, doch bald fand uns ein Knabe, den mein Vater gesandt hatte, mit dem Bescheid, Wolfsträumer möge sich umgehend bei ihm einfinden. Wir erhoben uns und folgten dem Jungen, der uns zur Jurte meines Vaters geleitete.
Vater, der uns gehört hatte, forderte uns auf, einzutreten. Er thronte auf einem Lehnstuhl, den kostbare Schnitzereien verzierten und war in sein Zeremoniengewand gekleidet. Vier Geistkrieger, seine Leibwächter, umstanden ihn. Zu seiner Rechten saß, auf einem niedrigen Hocker, der Hohepriester, zu seiner Linken der Heilkundige. Hinter Vater standen die Ältesten, dreizehn bewährte Männer unseres Volkes, die eingeladen worden waren, die Prüfung zu bezeugen. Die übrigen Männer und die Knaben würden warten müssen, bis ihnen das Ergebnis verkündet wurde, aber wir konnten ihr Murmeln und Raunen hinter der Zeltwand vernehmen.
Vor meinem Vater stand auf einem wertvollen, geknüpften Teppich ein niedriges Tischchen, bedeckt von einem Tuch mit kostbaren Stickereien, und darauf eine Messingschale, die einige Samenkörner enthielt.
„Komm näher“, forderte Vater Wolfsträumer auf, während er mich an seine Seite winkte.
Wolfsträumer folgte der Aufforderung, trat vor das Tischchen und verneigte sich vor Vater bis zum Boden.
„Lich, lass uns allein“, bat Vater in einem Ton, der zugleich freundlich war und doch keinerlei Widerspruch duldete. „Warte draußen bei den Knaben.“
Ich war zu verblüfft um aufzubegehren. Ahnte er, dass ich vorgehabt hatte, meinem Retter heimlich beizustehen? Ohne Sichtkontakt zu ihm würde ich nichts ausrichten können. Nun war ich froh und dankbar, dass wir beschlossen hatten, die Prüfung auf ehrliche Weise zu bestehen – oder zu versagen. Ich neigte den Kopf zum Zeichen des Gehorsams und huschte an Wolfsträumer vorbei hinaus, indem ich ihm „Viel Glück“ zuflüsterte. Glück, an das wir beide nicht wirklich glaubten.
„Knie nieder“, hörte ich meinen Vater sagen.
Ich huschte halb um die Jurte herum und warf mich an einer Stelle zu Boden, wo ich hoffte, einen Blick sowohl auf Vater als auch auf Wolfsträumer erhaschen zu können, indem ich die Zeltbahn leise und vorsichtig um eine Winzigkeit vom Boden hochhob. In der Tat hatte ich von hier aus einen unverstellten Blick auf die Szene vor mir.
Wolfsträumer kniete jetzt auf dem Teppich vor der Schale mit den Samenkörnern und blickte aufmerksam zu meinem Vater hin.
Vater räusperte sich und begann zu sprechen. „Der drei Teile der Prüfung bestehen darin, dass der Proband die Macht seiner Gabe beweist, indem er als erstes dem Einfluss anderer Menschen widersteht, dann sich als zweites gegen ein wildes Tier behauptet und als drittes auf eine Pflanze einwirkt. Ich werde dich nun auffordern, aus diesen Samenkörnern eines auszuwählen und es durch die Kraft deines Willens zum Keimen zu bringen.“ Er verstummte und beobachte scharf Wolfsträumers Reaktion.
Wolfsträumer griff in die Schale und nahm sich das erstbeste Korn. „Herr, Ihr wisst so gut wie ich, dass ich nicht über die Gabe verfüge“, sagte er ruhig. „Ich kann dieses Korn zum Keimen bringen, so wie ich die beiden anderen Prüfungen bestanden habe: auf meine Art. Wenn Ihr mir drei Tage Zeit gebt, sollt Ihr einen Keimling von mir bekommen.“
Die Geistkrieger, der Hohepriester und der Heiler rissen entsetzt Münder und Augen auf, aber Vater brach in schallendes Gelächter aus, woraufhin sich die anderen Anwesenden wieder entspannten. „Steh auf“, japste er, noch immer atemlos vor Lachen.
Wolfsträumer gehorchte verblüfft.
„Du weißt, was denen blüht, die bei der Prüfung versagen?“ Vater war auf einmal wieder ernst, so ernst, als habe sein Lachanfall nie stattgefunden.
„Ein Leben in Sklaverei“, erwiderte Wolfsträumer.
Vater wandte sich an seine Berater. „Es widerstrebt mir, ihn in die Minen zu schicken. Er hat meinem Sohn das Leben gerettet, und damit ist eine Rückkehr zu den Seinen für ihn nicht mehr möglich. Er hat bei uns um Aufnahme gebeten und zwei von drei Prüfungen bestanden. Ich kann und will mit ihm nicht so verfahren wie mit den anderen.“
„Ohne die Gabe darf er nicht unter uns leben“, behauptete der Hohepriester.
„Warum nicht?“ Der Heiler blickte den Gottesmann herausfordernd an. „Niemand sagt, dass ein Sklave in den Minen arbeiten muss. Ich könnte durchaus einen Helfer gebrauchen. Gib ihn in meine Dienste, mein Fürst. Somit hättest du keines unserer Gesetze gebrochen und doch ersparst du ihm das harte Los der anderen.“
„Ich bin dagegen!“, fauchte der Hohepriester.
„Was sagt ihr dazu?“, wandte sich Vater an die dreizehn Ältesten.
Sofort erhob sich aufgeregtes Stimmengewirr, von dem ich nur einzelne Wortfetzen verstand. Sie diskutierten, ja man könnte beinahe sagen, sie stritten sich eine lange Zeit, bis mein Vater energisch um die Schlussworte des Heilers und des Priesters bat, nach denen abgestimmt werden sollte.
„Wolfsträumer hat einen unserer angehenden Jungmänner vor seinen eigenen Leuten gerettet“, sagte der Heiler, nachdem sich alle einigermaßen beruhigt hatten. „Er hat zwei von drei Prüfungen mit Bravour bestanden und er hat unseren Fürsten zum Lachen gebracht. Ich finde, an ihm ist nichts, was wir fürchten müssten und daher wünsche ich, dass ihm gewährt wird, unter uns zu leben, wenn auch als Sklave, und ich biete mich an, ihn zu mir zu nehmen und ihn unter Kontrolle zu halten. Ich gebe euch mein Wort, dass er dem Clan keinen Schaden zufügen wird, so lange ich für ihn verantwortlich bin.“
Wolfsträumer nickte ihm dankbar zu.
Dann ergriff der Hohepriester das Wort. „Der Mann, dem ihr unglücklicherweise bereits einen ehrbaren Namen gegeben habt, hat zumindest bei zwei Prüfungen versagt und bewiesen, dass er nicht über die Gabe verfügt. Es mag sein, dass er den jungen Sohn unseres Fürsten gerettet hat, doch es mag ebenso gut sein, dass seine Landsleute die Entführung inszeniert haben, um ihn hier bei uns einzuschmuggeln. Wir sind uns doch alle im Klaren darüber, dass diese Fremden nur über das unendliche Wasser kommen, weil sie auf das Blut der Berge aus sind. Und wir wissen, sie sind bereits hier, stehen vor unseren Toren, bildlich gesprochen. Es muss unter allen Umständen verhindert werden, dass dieser Mann seine Landsleute trifft oder gar von ihnen befreit wird und das Wissen über unser Volk nach draußen weitergeben kann. Und dies ist nur dann gewährleistet, wenn er auf immer und ewig in den Minen verschwindet. Er mag euch noch so hoch und heilig versprechen, auf unserer Seite zu sein und im Augenblick die besten Absichten haben. Aber einem Mann, der uns nicht beim Verlust seiner Gabe die Treue schwört, können wir nicht vertrauen. Er hat nichts zu verlieren. Und deshalb muss er in die Minen. Es tut mir Leid, mein Fürst, denn ich sehe, dass er dein Herz berührt hat. Doch die Sicherheit des Clans geht vor. Denk wie der Herrscher der du bist und sei dir der Verantwortung für dein Volk bewusst. Du willst nicht der Fürst sein, unter dessen Herrschaft die Minen von den Fremden erobert werden und unser Volk vertrieben wird. Dieser Mann ohne Gabe muss wie jeder andere Mann ohne Gabe verschwinden, um unserer Sicherheit und unserer Zukunft Willen.“
Betretenes Schweigen folgte dieser Rede, bis mein Vater sich leise an Wolfsträumer wandte. „Was sagst du zu alledem?“
Der Gefragte hatte dem Hohepriester aufmerksam gelauscht, bei der Erwähnung des Blutes der Berge kurz die Stirn gerunzelt und mehrmals kaum merklich den Kopf geschüttelt. Er schien überrascht, um seine Meinung gefragt worden zu sein, doch er fasste sich schnell. „Es stimmt nicht, Herr, dass ich nichts zu verlieren habe“, entgegnete er prompt, an den Hohepriester gewandt. „Ich habe mein Leben zu verlieren. Ist Euch das nicht Sicherheit genug, um meiner Verschwiegenheit zu vertrauen?“
„Nein“ antwortete der Priester kalt. „Du bist ein Krieger und du hast deine Tapferkeit unter Beweis gestellt. Deine vermutlich nicht vorhandene Angst um dein Leben kann nicht mit der Angst eines Begabten vor dem Verlust seiner Gabe und damit seiner Freiheit verglichen werden. Ich bleibe bei dem, was ich gesagt habe.“
„Dann habe ich dem nichts mehr hinzuzufügen“, antwortete Wolfsträumer stolz. „Ich bitte euch Älteste und Euch, Herr, um ein gerechtes und weises Urteil. Möge euer Wille geschehen, und mögen die Götter mir Kraft geben.“
Die Ältesten steckten leise murmelnd die Köpfe zusammen, während mein Vater erschöpft die Augen schloss. Er ahnte bereits, wie das Urteil ausfallen würde, und ich ebenfalls. Ich hatte genug gehört, mehr als ich hatte hören wollen. Nun wunderte mich nicht mehr, dass Vater mich weggeschickt hatte. Noch nie war in all den Jahren meiner Erziehung die Rede davon gewesen, dass uns die Gabe genommen werden konnte! Ich konnte mir nicht vorstellen, wie das vonstatten gehen sollte, aber der Hohepriester war ein Mann von großer Macht, und nachdem er zweimal davon gesprochen hatte, glaubte ich, dass es die Wahrheit war. Wie eingeschränkt um alles in der Welt mochte man sich fühlen ohne die Gabe? Wie fühlte sich Wolfsträumer? Wie all die Sklaven, die ich bald kennenlernen würde? Sie alle waren, genau genommen, vergleichbar mit den Wölfen und all den übrigen Tieren. Welch ein armseliges Dasein!
Ich sprang auf und trottete nachdenklich davon, um mich zu den anderen Knaben zu gesellen. Unauffällig mischte ich mich unter sie, gerade rechtzeitig um zu sehen, wie die Stoffbahnen vor der Türöffnung von Vaters Zelt zur Seite gezogen wurden. Die dreizehn Ältesten kamen als erste heraus, ihnen folgten der verdrießlich dreinschauende Heiler und der Hohepriester an der Seite meines Vaters. Zwischen den vier Geistkrieger wurde Wolfsträumer hinausgeführt. Er wirkte ruhig, leistete keinerlei Widerstand. Ob sie ihn bereits ihrem Willen unterworfen hatten?
„Männer und Knaben des Wolfsclans, hört mich an“, ergriff Vater das Wort.
Augenblicklich war es so still, dass man ein Samenkorn hätte fallen hören können, und alle blickten gespannt zu ihm hin.

Offline Ariana

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« Antwort #3 am: 09. Dezember 2016, 19:23:00 »
Wolfsträumer Teil 3

Augenblicklich war es so still, dass man ein Samenkorn hätte fallen hören können, und alle blickten gespannt zu ihm hin.
„Dieser Mann“, sprach Vater die rituellen Worte und wies auf Wolfsträumer, „hat gebeten, bei uns zu bleiben und wie einer der unseren unter uns leben zu dürfen. Zu diesem Zweck wurde er nach den Gesetzen unseres Clans den vorgeschriebenen Prüfungen unterzogen, die er leider nicht bestanden hat. Geht eurer Wege und vergesst ihn. Es hat ihn niemals gegeben. Niemand hat ihn je gesehen oder mit ihm gesprochen, und niemand soll mehr seinen Namen nennen, nachdem ich es ein allerletztes Mal getan haben werde.“ Er wandte sich direkt an den Unglücklichen, der angesichts dieser harten Worte bleich geworden war und trat nah vor ihn hin. „Du hast es vernommen. Ab sofort bist du ein Niemand. Keiner aus diesem Clan wird mehr zu dir sprechen oder dich berühren. Ebenso wenig sollst du mit den anderen Sklaven sprechen oder sie berühren. Du wirst schweigend die dir aufgetragene Arbeit verrichten, deine Mahlzeiten einnehmen und ruhen, bis die Götter dir die Gnade erweisen, dich in die jenseitigen Gefilde zu leiten.“
Wolfsträumer lauschte entsetzt. Niemand hatte ihn auf die Umstände der Sklaverei bei unserem Volk hingewiesen, und mir waren sie ebenfalls unbekannt gewesen.
„Willst du noch ein letztes Mal zu jemandem sprechen?“
Wolfsträumer blickte umher, und als er mich entdeckte, nickte er. „Mit Eurem Sohn, wenn Ihr erlaubt“, bat er mit zitternder Stimme.
Vater winkte mich herbei. Betreten stand ich Wolfsträumer gegenüber und wusste nichts zu sagen, was nicht entweder ein Geheimnis zwischen uns war oder wahlweise zu dramatisch oder zu trivial geraten wäre. Er rettete mich aus meiner Verlegenheit.
„Hab Dank für die Zeit, die du mit mir verbracht hast“, sagt er leise. „Ich bin sicher, du wirst eines Tages ein angesehener, verantwortungsbewusster Geistkrieger sein, ein aufrichtiger Mann, der zu seinem Wort steht und sich ohne Gewalt Respekt zu verschaffen weiß. Und darum bereue ich nicht, was ich getan habe. Ich wäre gerne dein Freund gewesen. Lebewohl, Lichakthar.“
Ich hatte verstanden, was er mir damit sagen wollte, blickte ihm in die Augen und nickte zustimmend. „Auf Wiedersehen, Wolfsträumer“, flüsterte ich.
Vater schob mich zur Seite, umarmte den Mann, den er zuvor verurteilt hatte und tat etwas, was ich bei meinem Vater noch nie zuvor erlebt hatte. „Verzeih mir“, bat er. „Was ich getan habe und was ich noch tun werde.“
„Ich verstehe nicht.“ Der Delinquent blickte Vater fragend an.
„Du wirst es schon sehr bald verstehen. Und nun Lebewohl, Wolfsträumer.“
Auf einen Wink von Vater nahmen die Geistkrieger ihn in ihre Mitte und führten ihn davon. Er blickte sich noch einmal um, lächelte und winkte mir zu. Genau wie gestern, als er zu den Wölfen gegangen war. Wie konnte er so zuversichtlich wirken? Dieses Mal bestand nicht die geringste Hoffnung, dass sich jemand seiner erbarmen würde. Hoffentlich hielt er durch, bis ich ihn nach Neumond als JungGeistkrieger wiedersehen würde.
„Und nun zu dir, mein Sohn.“ Vater legte mir den Arm um die Schulter. „Ich habe eine Aufgabe für dich. Wenn du sie erfolgreich erledigst, ernenne ich dich zum Jungmann, und du musst keinen Wolf zähmen.“
„Ich will aber einen Wolf…“, wollte ich protestieren, doch Vater ließ mich nicht ausreden.
„Er hatte ganz Recht mit dem Rudel“, sagte er leichthin.
Ich starrte ihn schockiert an. „Woher weißt du…?“
Vater lächelte milde. „Ich wäre ein schlechter Clansfürst, wüsste ich nicht, was in meiner nächsten Umgebung vor sich geht. Deshalb wirst du auch nicht als Geistkrieger Dienst bei der Aufsicht der Sklaven tun. Es werden sich andere Aufgaben für dich finden. Doch zunächst diese eine.“ Er beugte sich zu mir herab und flüsterte mir einen einzigen Satz ins Ohr.
Ich machte einen Sprung von ihm weg. „Das kann ich nicht!“, rief ich entsetzt aus.
„Du hast gehört, was geschieht, wenn du es nicht tust. Meinst du nicht, es ist besser so?“
Ich starrte meinen Vater an. Wie konnte er das nur ernst meinen? „Bitte, nicht“, flehte ich.
„Oh doch. Das ist keine Bitte, mein Sohn, das ist ein Befehl. Es ist deine Mannbarkeitsprüfung. Und du hast gerade miterlebt, was denen passiert, die sie nicht bestehen.“
„Ich hasse dich!“, stieß ich hervor. Ja, in diesem Augenblick hasste ich meinen Vater. Ich hasste den Hohepriester, der das alles zu verantworten hatte und den schwachen, viel zu nachgiebigen Heiler. Ich hasste die dreizehn Ältesten, die sich in meinen Augen falsch entschieden hatten, und ja, ich hasste sogar die Gabe. In diesem Augenblick nahm ich mir vor, von hier wegzugehen. Ich wollte nicht länger Teil dieses Systems sein. Wolfsträumers Schicksal hatte mir die Augen geöffnet. Wenn er schon nicht fliehen konnte, ich würde fortgehen können und meine Gabe anderswo in der Welt erproben. Ich würde das unendliche Wasser überqueren und Wolfsträumers Heimat kennenlernen.
„Du wirst dich selbst eines Tages hassen, wenn du es nicht tust“, prophezeite mein Vater mit ruhiger Stimme. Im Übrigen: Ich erwarte Gehorsam, oder du verlierst deine Gabe und folgst deinem Freund in die Minen.“
Diese Drohung gab den Ausschlag. Nicht, dass ich die Minen gefürchtet hätte. Aber meine Gabe zu verlieren… nein! Eben noch hatte ich sie gehasst, doch nun war mir klar, dass ich ohne sie ein Niemand war. Ich benötigte sie, um weiterleben zu können und um meine Rachepläne zu verfolgen. Denn Rache hierfür würde ich nehmen. „Also gut. Ich werde es tun“, sagte ich.
„Nimm dir ein Pferd und beeil dich. Und tu es schnell. So schnell du kannst.“
Ich konnte durchaus, was Vater von mir verlangte. Ich hatte es bereits mehrmals getan, doch noch nie bei einem Menschen. Wie mochte es sich anfühlen?
„Worauf wartest du?“
„Ich bin schon weg.“ Ich ließ meinen Vater stehen, rannte zur Koppel und befahl eines der robusten Reittiere herbei. Behände sprang ich auf seinen Rücken und brachte es dazu, Anlauf zu nehmen und die Umzäunung zu überspringen. In rasendem Galopp ritt ich in Richtung der Minen.
Die fünf Männer waren bereits erstaunlich weit gekommen. Ich erblickte sie auf der Wachholderheide, die sich vor den Bergen erstreckte, zwischen denen sich die Eingänge zu den Minen verbargen. Ich ließ mein Pferd langsamer gehen und folgte ihnen, wobei ich naturgemäß immer mehr aufholte. Endlich bemerkte mich einer der Geistkrieger. Alle fünf wandten sich um und sahen mir entgegen.
Ich ritt so nah heran, wie ich es für nötig hielt und ließ mein Pferd stillstehen. Wolfsträumers hoffnungsvoller Blick – War ich gekommen, um ihn zu befreien? War die scheinbare Verurteilung nur eine weitre Probe gewesen? – brach mir beinahe das Herz. Langsam schüttelte ich den Kopf. „Mein Vater schickt mich“, rief ich und vollführte mit der Hand vor mir ein kompliziertes Zeichen, woraufhin die Geistkrieger verstanden und ein wenig von Wolfsträumer abrückten. Im Blick des einen erkannte ich Einverständnis, in dem eines anderen Zweifel an der Richtigkeit meines Tuns, doch niemals wäre einer von ihnen auf die Idee gekommen, zu verhindern, was ich vorhatte.
Wolfsträumer blickte mich verwirrt und verständnislos an. „Lich? Was tust du?“
„Das, wofür Vater dich um Verzeihung gebeten hat“, antwortete ich dumpf.
„Und das wäre?“
„Sei still!“, herrschte einer der Geistkrieger ihn an.
Verwundert wandte er sich zu dem Mann um. Vermaledeit! Wir mussten Blickkontakt haben, wenn mein Vorhaben gelingen sollte. Schnell hätte ich sein sollen, aber es fiel mir so erbärmlich schwer. Endlich schaute er wieder zu mir hin, schweigend dieses Mal. Erwartungsvoll, vertrauensvoll. Ach, wie konnte ich ihn nur so enttäuschen? Ich spürte einen Kloß im Hals und kämpfte mit mir, umzudrehen, mein Pferd zu wenden und davon zu reiten. Warum nicht jetzt schon von hier weggehen? Das Reittier würde mir einen enormen Vorteil vor den unvermeidlichen Jägern verschaffen.
Der Geistkrieger, der Wolfsträumer eben angebrüllt hatte, löste sich aus der Gruppe und trat neben mich. „Ruhig atmen“, flüsterte er eindringlich. „Konzentriere dich. Wenn du es wünschst, helfe ich dir.“
„Nein, nicht, bitte“, brachte ich mühsam hervor. Ich war es Wolfsträumer schuldig, es selbst zu tun und es vor allem so zu tun, dass er keine Schmerzen litt. Entschlossen sammelte ich meine Macht, bis ich glaubte, sie nicht mehr fassen zu können. Ich formte daraus eine übergroße, starke Hand und griff damit nach dem Herzen des Mannes, der mein Freund hätte werden sollen und dem ich meine Hilfe zugesagt hatte. Es war überraschend einfach, seinen Herzschlag mit einem schnellen, kraftvollen Griff anzuhalten. Viel zu einfach, dachte ich später. Erstaunt riss er die Augen auf, doch im selben Moment als er begriff, was ich tat, war es bereits vorbei. Er stürzte ohne einen Laut zu Boden, wo er tot liegenblieb.
Anerkennend nickte der Geistkrieger, der neben meinem Pferd stand, mir zu, doch sein wortloses Lob bedeutete mir nichts. Erschöpft ließ ich mich vom Pferd gleiten, befahl den Geistkrieger, den Toten wegzubringen und wandte mich von ihnen ab, während sie Wolfsträumers leblosen Körper auf den Rücken des Pferdes hoben. Ohne nachzudenken, wohin, setzte ich einen Fuß vor den anderen und entfernte mich von ihnen. Und mit jedem Schritt, der mich von Wolfsträumer wegbrachte, wuchs eine innere Distanz zu meinem Vater, zu meinem Clan und zu meiner Vergangenheit.
Ich war nun ein Mann und als ein solcher würde ich entscheiden, was ich als nächstes tun würde. Das Festmahl und die Mädchen konnten mir gestohlen bleiben. Ich hatte beschlossen, den Clan zu verlassen, und genau das würde ich tun, und zwar jetzt sofort, so lange mein Zorn noch heiß genug brannte, um mir den nötigen Mut zu verleihen. Ich wusste, das unendliche Wasser lag im Osten, und dorthin lenkte ich meine Schritte.

Einige Tage später stand ich im Heck eines Segelschiffes und sah meine Heimat allmählich mit dem Dunst am Horizont verschmelzen. Es war einfach gewesen, den Kapitän dazu zu bringen, mich mitzunehmen, und es war noch einfacher, mir die neugierigen Matrosen vom Hals zu halten. Zuversichtlich, dass ich in Wolfsträumers Heimat mein Glück machen würde, wandte ich mich ab und ging gemächlich zum Bug. Vor mir lagen nichts als der dunkelblaue Ozean und eine ungewisse Zukunft. Doch keine Zukunft konnte schlechter sein als das Leben, das ich zurückgelassen hatte. Ich besaß die Gabe, und damit gehörte mir die Welt. Unter diesen machtlosen Menschen würde ich es weitaus leichter haben, im Leben voranzukommen als unter meinesgleichen. So traurig ich über Wolfsträumers Tod und den Verlust eines Freundes war, so sehr erfüllte mich das Versprechen meiner erwachenden Macht mit Freude. Ich würde Großes schaffen, und man würde noch in vielen hundert Jahren voller Ehrfurcht über Lich, den Mann, der den sanften Tod brachte, sprechen.

Offline Ariana

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Orkischer Heeresführer
« Antwort #4 am: 09. Dezember 2016, 19:26:00 »
Titel: Bericht eines aufmerksamen Kundschafters


Wenn man den Legenden glaubt, gibt es sie schon beinahe so lange wie die erde selbst.

Aus dem Urschlamm sind sie entstanden. Um sich überall dort anzusiedeln, wo es Nahrung für sie gibt.

Der erste seiner Art gab all sein mächtiges Wissen weiter an dessen Nachkommen, die es wiederum an ihre gaben. Der ständige Überlebenskampf und unzählige, harte Kämpfe hatten sie nicht etwa zu Grunde gerichtet, sondern von Generation zu Generation gestärkt und unverwundbarer werden lassen.

Nicht Mensch, nicht Tier sind sie eine ganz eigene Rasse, die ihre eigenen Normen und Werte vertritt. Mit welchen Mitteln auch immer.

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Den Blick aufmerksam gen Boden gerichtet stieg ich, wie beinahe jeden Morgen den Hügel hinauf, um Posten auf einem, meiner Meinung nach viel zu schmalen und bemoosten, Felsvorsprung zu beziehen.

Zwar schien mir dort oben fast unentwegt die Sonne auf den Kopf und bleichte meine Haare aus, doch nur von diesem kleinen Felsplateau hatte ich eine gute Sicht auf das Tal, das nahe unserer Stadtmauern lag und in der Sprache seiner Bewohner „Tul‘rak“ hieß.

In den vergangenen Monaten waren immer öfter die Männer nicht mehr von der Jagd zurückgekommen, die Beute in eben diesem Tal machen wollten. Einige wenige, die schnell genug flüchten konnten oder stark genug waren einen einzelnen Angreifer zu töten, berichteten von bewaffneten Kriegern, die durch das Gelände streunten. Dabei schienen sie alle aus der selben Richtung zu kommen, aus der Mitte des Tals nämlich.

Und so wurde ein Mitglied der Stadtwachen auserkoren, das der Aufgabe eines Kundschafters als einziger wirklich würdig war.

Und wie es der dumme Zufall so wollte habe ICH beim Knobeln eben den Kürzeren
Gezogen. Mann, was habe ich nicht immer für ein Glück ...Verzeihung...

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Die meiste Zeit ging es dort unten recht gesittet zu. Jedenfalls für orkische Verhältnisse.

Die jüngeren bewarfen sich friedlich mit Steinen und Essensresten, rannten herum und rissen hier und da ein paar junge Bäume aus, während die älteren Orks jagen gingen.

In der größten Stadt Tul‘raks, die Shul‘tek genannt wird, wie ich mittlerweile herausgefunden hatte, war am meisten Betrieb.

Dralle Orkfrauen fütterten einen hornhelmigen, grünen Hünen mit handtellergroßen Stücken von totem Tier, fächerten ihm unentwegt frische Luft zu und grunzten anerkennende Worte in seine riesenhaften, schuppigen Ohren, sobald er auch nur eine Silbe verlauten ließ.

Auch ohne das ansässige Ork-Volk schon länger zu beobachten hätte ich gewusst, dass das ihr Anführer sein musste. Und genau so war es auch.

Obgleich man es ihm auf den ersten Blick nicht ansehen konnte und wohl auch nicht auf den zweiten oder dritten, war der orkische Heeresführer doch ein nicht nur tapferer, sondern auch äußerst intelligenter Recke. Als einziger seines Stammes beherrschte er die menschliche Sprache. Dies tat er so gut, dass man sogar annäherungsweise erfassen konnte, was er zu erzählen gedachte. Auch das Zeichnen hatte er sich angeeignet. Er markierte täglich die Gebiete, in die seine Krieger ausgeschickt werden sollten, um nach Eindringlingen zu suchen und diese gegebenenfalls zu Grunde zu richten.

Er war trotz seiner Größe uns seines beträchtlichen Gewichts flink. Beinahe lautlos bewegte er sich in vertrautem Territorium.

Und ich musste es ja wissen, denn vor zwei Tagen hatte er mich überrascht und ...nun, sagen wir... auf ein Tässchen Tee eingeladen.


Hinterrücks überrumpelt wurde ichvon ihm, als ich beim Spähen eingedöst war.
Er packte kurzerhand meinen Arm und schleppte mich wortlos auf Shul’teks Marktplatz,
wo er mich am Kragen an eine umgeknickte Linde hängte und mich aufdringlich mit
seinen spitzen, dicken Hörnern piekte, während er Fragen stellte
und immer wieder unwillig schnaubte und grunzte.

Immerhin, er befand, dass ich ehrlich war. Ich erschlich mir also geschickt sein Vertrauen, indem ich ihn auf sein beträchtlich üppiges Nasenhaar ansprach, was zu meinem Glück tatsächlich wie ein Kompliment wirkte.

Er bot mir dann sogar einen Trunk an. Doch weil dieser roch wie modriges Tümpelwasser, lehnte ich ab. Er selbst trank in gierigen Zügen. Und je mehr er intus hatte, desto gesprächiger wurde er. Zunächst stellte er mir alle seine 12 Frauen und 27 (vielleicht habe ich mich auch verzählt) Kinder vor, auf die er wohl sehr stolz war. Doch dann irgendwann blickte er nachdenklich in den Himmel und begann von früher zu berichten.

„Gronx... Uralt bin ich. Schon geholfen diese Stadt hier aufzubauen habe ich. Doch vorher kam ich von weit weit her aus den ewigen Sümpfen. Viele Wochen Wanderschaft. Einer wie du wäre verhungert. Oft hatten wir nichts zu speisen außer unsere Toten. Shak‘rak!“, unterbrach er sich verdrossen und wischte sich eine nicht vorhandene Träne aus dem Augenwinkel.

„Wo ich vorher war, die Menschen kamen und haben gefällt alle Bäume und gegessen alle Tiere. Wollte ihnen nichts tun, war ein friedlicher Ork. Schon mein Vaters Vater mir immer gesagt hat „Esla a-lan, Sohn. Hör gut zu. Keine Kreatur, die dir nichts hat getan darfst du verletzen. Außer wenn du musst sie essen.“


Aber Menschenfleisch schmeckt den Orks nicht. Nur waren damals andere Zeiten. Die Menschen waren friedlich, als ich ein junges Ork-Kind war. Zuerst sie aßen nur Beeren, nicht Tiere. Und ihre Waffen waren nur Spielzeuge in unseren Augen.

Doch dann es wurden immer mehr. Und sie begannen zu verteilen sich auf der ganzen Erdkugel.

Wo ich wohnte, in meinem Wald, blieben Männer und Weiber zurück, mit Federn in Haaren und langen Namen.

Am Anfang wir haben uns gut verstanden, sogar zusammen gejagt. Doch als mein Vater starb, sie veränderten sich. Dachten ich wäre zu jung um zu übernehmen Verantwortung für die ganze Kaste.
Alle wussten nicht, dass ich ein ganzes Leben älter war, als ihre Väter.

Die wollten jetzt alles entscheiden ...shel’zak! ... Ich war wütend und habe befohlen uns zurück zu ziehen. Dann kamen sie und stahlen unsere Waffen, damit sie schneller Tiere erlegen konnten und wir hungern und sie satt sind.

Ich danach glaubte nicht mehr an Frieden und machte öffentlich eine Kampfansage. Worüber sie lachten.

Dachten, die wären uns voraus und kamen mit Pfeilen, aber wir sind stärker, größer und jeder Ork aus meiner Kaste kann kämpfen und töten, seit er ein Baby ist. Das Blut unserer Vorfahren pocht in unseren Adern, welches uns unbesiegbar sein lässt.“

Ich hakte nach, ob denn nicht doch schon einmal einer von ihnen getötet wurde, doch meine Frage wird unhöflicherweise ignoriert.

„shnirk-shnark! Frauen hatten noch Angst. Wollten nicht den Kampf und die Opfer sehen. Aber ich habe befohlen und sie haben gehorcht! Ganz wie ich gelehrt wurde von meinem Vater.

Irgendwann die Menschlinge haben begonnen Tiere sich zu halten und für sie arbeiten zu lassen. Wir Orks sind weder Mensch noch Tier, aber anschauen wollte ich mir nicht wie Lebewesen aus Freude gequält werden.

Wir zogen fort. Ich mit ganzer Kaste, vielen kleinen und jungen Orks, die die Kraft noch nicht hatten es zu bestehen.

Wo wir Halt machten, Menschen erschraken und denkten sich böse Geschichten über uns aus. Erzählten ihren Jüngsten wir kämen aus der Unterwelt und brächten nur den Tod.

Kein Ort an dem ich bleiben wollte. Weiter gezogen sind wir. Und wo wir hinkamen waren schon Geschichten. Niemals hat ein neuer Beginn Erfolg gehabt mit den Menschen.

Das war mein Kummer. Wütend wurde ich auf dumme Menschen, die nur versuchen uns zu jagen und auszustopfen für ihre Stuben als Trophäen.

Doch dann passierte das Schlimmste seit ich lebe ... Sie, also solche wie du einer bist, haben mir meine erste Frau genommen. Mit einem Geschoss haben sie sie aus dem Hinterhalt getroffen. Zu Boden ging sie... Tot war sie sofort...

Und ab diesem Augenblick begann ich die Menschen zu verabscheuen. Denn sie hatten keinen Grund. Sie wollen uns nicht essen und meine Erste hat ihnen nichts getan. Nicht bemerkt hat sie die Jäger, aber dennoch musste sie sterben.

Es war gar nicht weit von hier. Eine große Stadt lag gerade hinter uns. Vielleicht ist es die Stadt aus der du kommst, Mensch.

Dass wir uns hier niederlassen würden, in diesem unberührten Tal, beschloss ich. Alles habe ich hier selbst mit aufgebaut. Mit Kindern. So wie damals, als ich selbst noch jung war.

Nur die Einstellung zu Menschen hat sich geändert. Junge Orks hassen sie. Alle wollen werden Krieger, wenn sie älter sind.

Nicht in die Städte der Menschen gehen wir. Nur wenn sie in unser Reich eindringen, dass ohnehin schon so begrenzt ist, dass es keinem Ork-Volk würdig ist, dann wehren wir uns.

Und ich kann versprechen dir, Menschling, dass wir jeden Einzelnen von euch zerquetschen und mit Pfeilen spicken, der, in Absicht oder nicht, sich hier her wagt.

Alle Krieger patrouillieren. Gnade kennt keiner von ihnen, denn Gnade verbiete ich.

Und muss es sein, dann verlasse ich selbst unsere Hauptstadt, um für meinen Grund zu kämpfen. Wer durch meine Hand stirbt, der hat keinen schönen Tod...“

Ab hier schnaubte er nur noch und pulte gedankenverloren Essensreste aus seinen Zahnzwischenräumen.

Ich fragte mich kurz, ob er seine „Gäste“ menschlicher Natur möglicherweise immer mit seiner Lebensgeschichte erfreute, bevor er sie verspeiste. Dann jedoch viel mir wieder ein, dass Orks ja gar keine Menschen aßen.

Sie zerquetschten sie und spickten sie mit Pfeilen ... Auch nicht so optimal, befand ich.

Unschlüssig baumelte ich mit den Beinen. Der orkische Heeresführer wandte sich wieder mir zu.

„Nicht vor gehabt jemand zu töten hast du. Nur spionieren wolltest du. Aber Menschling, schlecht hast du gemacht das. Jeden Tag vom selben Platz? Nach zwei Tagen habe ich mehr über dich gewusst, als du über uns.

Immer so klug glaubt ihr zu sein, aber seit es nicht... Menschen...“

Nach Angst riechst du, ich mag diesen Geruch nicht. Aber keine Sorge. Mensch schmeckt uns nicht, wie oft soll ich das noch sagen? Hau ab und erzähle deinem Stamm alles was du weißt. Wenn sie schlau sind, sie verstehen warum sie nicht ausgerechnet jagen sollen in diesen Wäldern.

Aber am Ende sind es doch nur Menschen... Sie werden, wie immer, nichts verstehen...“

.......

Und sehr, sehr nachdenklich gestimmt, sowie froh mit dem Leben davon gekommen zu sein machte ich mich auf den Weg zurück nach Elteran. Wobei ich mich unentwegt fragte, ob wirklich Kreaturen wie Orks die Bösen und wir die Guten waren ...

Offline Ariana

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Zentaurenanführer
« Antwort #5 am: 09. Dezember 2016, 19:27:40 »
Eine denkwürdige Begegnung



Dies ist ein Auszug aus meinem (noch unveröffentlichten) Roman "die verbotene Gabe." Der Magier Rikian hat an einem magischen Bannritual teilgenommen und durch den Kontakt mit einem Drachen die Gabe des "Geistlesens" entwickelt. Das bedeutet, er kann sich in jedwedes Lebewesen einfühlen und Gedankenbilder mit ihm austauschen. Daraufhin (und aufgrund einiger anderer, hier unerheblicher Vorkommnisse) hat er sich von der Magie abgewendet.
Mit dem König des nördlichen Nachbarreiches von Arthoria (Embras), dessen Gefolge und seinem besten Freund (Janomar) ist er unterwegs zur Königsburg, als es kurz vor dem Ziel in einem Wäldchen zur Konfrontation mit einigen Zentauren kommt, bei der mehrere Soldaten und Zentauren ums Leben kommen. Der Magier Janomar will in den Wald eindringen und den letzten der Zentauren erledigen, um den Weg freizumachen, doch Rikian hat eine andere Idee...
[Für den Wettbewerb wurden die Namen der Protagonisten geändert sowie die Szene gekürzt und leicht abgewandelt.]


‚Es ist beinahe wie früher‘, dachte Janomar bei sich, als er neben Rikian her auf den Wald zuging. Wie oft waren er, sein Freund und zuweilen noch weitere Gildenmitglieder gemeinsam losgezogen, um ihre Übungskämpfe zu absolvieren. Eine gute Zeit war das gewesen, und einmal mehr stellte Janomar den plötzlichen Sinneswandel seines besten Freundes in Frage, sich von der Magie loszusagen. Doch er hatte es längst aufgegeben, deswegen weiter in ihn zu dringen. Sich damit zufrieden gebend, wenigstens einmal mehr mit ihm gemeinsam auf die Jagd nach einem magischen Gegner zu gehen, verdrängte er das Bedauern und bemühte sich, den Augenblick auszukosten.
Als sie die Quelle am Waldrand erreicht hatten, zerstörte Rikian auch diese letzte Illusion. „Würdest du bitte hier zurückbleiben?“, bat er und lieferte die Begründung für sein Ansinnen gleich hinterher. „Der Zentaur wird gewiss nicht erfreut sein, dem Mörder seiner Begleiter erneut zu begegnen.“
„Mir ist es gleich, ob er begeistert ist oder nicht, wenn mein Zauber ihn tödlich trifft“, begehrte Janomar auf. „Du führst mich zu ihm, und ich erledige den Rest.“
Rikian blickte ihn traurig an. „Ich dachte, du kennst mich besser. Wir sind nicht hergekommen, um den Zentauren zu töten.“
Janomar starrte verständnislos zurück. „Nein? Wozu denn sonst? Du treibst mich in den Wahnsinn.“
Das brachte Rikian zum Lachen. „Entschuldige, Janomar“, sagte er jedoch, als er merkte, dass der Freund nicht zum Scherzen aufgelegt war. „Ich denke, ich kann ihn überzeugen, uns passieren zu lassen. Vielleicht sogar, nach Arthoria zurückzukehren. Aber du musst es mich auf meine Art versuchen lassen. Keine Waffen, kein Kampf.“
„Du bist entweder größenwahnsinnig“, grollte Janomar, „oder lebensmüde. Anders kann ich mir diesen Leichtsinn nicht erklären. Wir beide gehen entweder gemeinsam in diesen Wald hinein oder gar nicht. Das ist mein letztes Wort.“
„Ich hatte vergessen, wie hartnäckig du sein kannst“, seufzte Rikian. „Also gut, wir gehen zusammen. Vermutlich kann ich dich auch nicht dazu überreden, deinen Stab hier bei der Quelle zurückzulassen?“
„Nein.“
„Das dachte ich mir. Tu mir wenigstens den Gefallen und bleib ein Stück hinter mir. Du darfst den Zentauren nicht bedrohen. Lass mich mit ihm sprechen. Sollen wir zu keiner Einigung gelangen, magst du es meinethalben auf deine Art zu Ende bringen.“
„Ich hoffe, du weißt, was du tust.“
Liebend gerne hätte Rikian dem Freund die Wahrheit gesagt, nämlich, dass er in solchen Situationen vorher nie wusste, was er tun oder sagen würde, da er sich von seinen Gefühlen und vor allem von denen seines Gegenübers leiten ließ. Doch ihm war klar, dass Janomar dafür kein Verständnis aufgebracht hätte. Daher bemühte er sich um einen zuversichtlichen Ton, indem er sage: „Vertrau mir einfach.“
„Curulum sei uns gnädig.“ Seufzend senkte Janomar seinen Stab und ließ den Freund einige Schritte vorangehen.
Rikian öffnete seinen Geist und trat in den Schatten zwischen die Bäume. Beinahe sofort nahm er den Zentauren wahr. Nach menschlichen Maßstäben schien es ein sehr junges Wesen zu sein, er wirkte wild, aufsässig und unreif. Er stand, mit gespanntem Langbogen und aufgelegten Pfeil, nur wenige Schritte entfernt und erwartete sie. Angespannt wie sein Bogen war seine Stimmung, zu gleichen Teilen voller Zorn, Argwohn und Angst.
„Sei gegrüßt“, sagte Rikian laut und gewährte ihm zugleich Zutritt zu seinen Gedanken.
Überrascht ließ der Zentaur die Sehne seines Bogens zurückgleiten, beließ ihn jedoch in Schusshaltung. In diesem Augenblick trat Janomar hinter Rikian, woraufhin der Pferdemensch die Sehne sofort wieder spannte.
„Bitte warte und höre mich an“, bat Rikian. „Ich gebe dir mein Wort, dass wir nicht angreifen werden.“
Zähneknirschend senkte Janomar seinen Kampfstab und sah erleichtert, wie der Zentaur die Bogensehne wieder langsam losließ.
„Wer seid ihr, und was wollt ihr?“, fragte der Zentaur. „Mit welchem Recht wagt der Mörder meiner Brüder, mir unter die Augen zu treten?“ Seine Stimme klang bedrohlich, rau und trotz seiner offensichtlichen Jugend sehr tief.
Janomar glaubte, zu träumen. Noch niemals zuvor hatte er Stimme eines Zentauren vernommen. Doch weshalb sollten sie nicht sprechen können, hatten sie doch menschliche Oberkörper.
„Der Mörder deiner Brüder, wie du ihn nennst, ist mein Freund Janomar. Es ist wohl müßig, darüber zu streiten, wer die Auseinandersetzung vorhin begonnen hat. Auf jeden Fall hat er, ebenso wie du, nur versucht, zu überleben. Dabei wollen wir es belassen. Mein Name ist Rikian. Dieses Mal kommen wir in Frieden und wünschen keinen Kampf.“
Der Zentaur zögerte, dann spannte er, ohne sich seinerseits vorzustellen, die Sehne seines Bogens erneut und richtete den Pfeil auf Rikian. „Was wollt ihr von mir?“
Janomar brach der Schweiß aus, als er zusehen musste, wie sein Freund sich seelenruhig auf dem Waldboden niederließ und ihm ein Zeichen gab, das Gleiche zu tun. Widerwillig gehorchte er, den Blick noch immer auf die Waffe des Zentauren konzentriert.
„Ich möchte dir eine Frage stellen und eine Bitte äußern“, sagte Rikian. „Da dies vielleicht einige Zeit in Anspruch nehmen wird, möchtest du vielleicht lieber deinen Bogen so lange aus der Hand legen?“
Der Zentaur lachte, ohne seine Haltung zu ändern. „Nein. Stell deine Frage, wenn du es dennoch wagst.“
„Gerne, hab Dank.“
Janomar konnte kaum glauben, was er hörte und sah. Wie brachte Rikian es fertig, derart ruhig zu bleiben und obendrein noch höflich zu dem Monster zu sprechen? Und doch bewirkte sein Verhalten, dass der Zentaur fast unmerklich ein weiteres Mal die Sehne losließ und Rikian interessiert und neugierig zugleich anstarrte.
„Wie kommt es, dass wir euresgleichen so weit entfernt von eurer Heimat in Arthoria antreffen?“, fragte dieser.
„Wir kamen nicht aus Arthoria“, erklärte der Zentaur zu Janomars Verwunderung. „Wir waren unterwegs dorthin.“
Nun war es an Rikian, erstaunt zu sein. „Ich wusste nicht, dass auch anderswo noch Zentauren leben.“
„Ihr wisst so gut wie nichts über uns“, schnarrte der Pferdemensch aufgebracht. „Und das soll auch so bleiben. Wir wollen mit euch Zweibeinern nichts zu tun haben. Es bringt nur Unglück, sich mit euch abzugeben. Unglück und Tod“, endete er verbittert.
„Dann solltest du wissen, dass man euch in Arthoria jagt“, wandte Rikian ein. „Menschen zu begegnen, ist dort im Zentaurenwald unvermeidlich.“
„Das ist mir nicht neu“, erwiderte der Zentaur. „Auch wenn es dich nichts angeht, wir hatten unsere Gründe für unsere Reise. Ein neuer Anführer soll bestimmt werden, und ich habe vor, jener Anführer zu werden. Wie ihr gesehen habt, sind wir gegen Angriffe gewappnet. Diese Soldaten zu erledigen, war ein Kinderspiel.“
„Ein Kinderspiel, welches fünf Leben gekostet hat?“
„Fünf, oder sieben. Es spielt keine Rolle mehr.“ Der Zentaur wirkte auf einmal tief traurig, hoffnungslos, als sei ihm alles gleichgültig. Erneut hob und spannte er seinen Bogen und zielte auf den vor ihm sitzenden Mann.
Janomar ergriff seinen Stab und richtete die Spitze auf den Schützen. „Wage es nicht!“, rief er, doch dieser lachte nur.
„Mein Pfeil ist schneller losgelassen als dein Zauber gewirkt, Magier. Du allein hältst das Leben dieses Mannes in der Hand.“
„Bitte, hört auf damit, alle beide.“ Rikian wandte sich zu Janomar um, welcher daraufhin den Stab vor sich ablegte und hilflos die Hände hob. Als er wieder nach vorne schaute, hatte auch der Zentaur seinen Bogen wieder gesenkt. Rikian atmete auf. „Wo waren wir stehengeblieben? Ah ja, eure Reise. Wirst du sie allein fortsetzen?"
„Ja, auf jeden Fall.“
„So geh. Wir werden dich nicht aufhalten, noch dich verfolgen.“
Rikian spürte, dass der Zentaur einen inneren Kampf auszufechten schien. Einerseits drängte ihn alles, diesen Ort des Unglücks so schnell wie möglich zu verlassen, erst recht, so lange er darauf vertrauen konnte, dass sein menschliches Gegenüber Wort hielt und seine Begleiter in Schach hielt. Auf der anderen Seite war da etwas, was ihn hier hielt, ihm nicht erlaubte, sich zu entfernen bevor…
„Zeig es mir“, flüsterte Rikian. „Vertrau mir.“
… bevor er nicht seine verschossenen Pfeile wiedergefunden und wieder an sich genommen hatte. Niemals gab ein Zentaurenschütze einen seiner magischen Pfeile verloren. Er wusste, zwei Pfeile steckten noch immer nahe dem Pfad außerhalb des Wäldchens in der Erde. Er hätte die Pfeile zurücklassen und fliehen können. Oder… Der Zentaur hob und spannte seinen Bogen erneut und lächelte höhnisch.
„Oh, das ist nicht ehrbar“, protestierte Rikian.
„Wer hat dir gesagt, dass Zentauren Ehre im Leib haben?“ Der Pferdemann nickte Rikian auffordernd zu. „Sagst du ihm, was er zu tun hat, oder soll ich es tun?“
Janomar, der nicht mitbekommen hatte, was sich zwischen Rikian und dem Zentauren abgespielt hatte, blickte alarmiert zwischen den beiden hin und her und griff nach seinem Stab.
Rikian zwang sich zur Ruhe. „Janomar, würdest du bitte seine Pfeile suchen? Sobald der Krieger sie wieder hat, wird er weiterreisen, und uns steht der Heimweg durch den Wald offen.“
„Was?“
„Bitte?“
Die verständnislosen Blicke der beiden brachten Rikian beinahe zum Lachen. Der Zentaur fasste sich als erster. „Du hast gehört, was er gesagt hat. Lass diesen Stab liegen, geh und bring mir meine Pfeile. Und keine Tricks, hörst du? Falls du vorhast, mir eine Falle zu stellen, solltest du jetzt von deinem Freund Abschied nehmen. Für immer, versteht sich.“
Janomar warf den Stab von sich und stand zitternd auf. „Rikian…“
„Beeil dich!“, befahl der Zentaur.
„Geh nur, es ist gut“, versicherte Rikian.
Verzweifelt wandte Janomar sich ab und stolperte tränenblind aus dem Wald hinaus.
„Wie kommst du dazu, in meinem Namen Versprechungen zu machen?“, fragte der Zentaur aufgebracht, nachdem Janomar ihn mit Rikian allein gelassen hatte. „Davon, dass ich euch den Wald überlasse, war nie die Rede.“
„Doch. Du hast mir selbst mitgeteilt, dass du nach Arthoria gehen wirst.“
„Aber ich habe nicht gesagt, wann.“
„Das war auch nicht nötig, weil ich es dir jetzt sage.“ Rikian fühlte Zorn in seinem Gegenüber aufwallen. „Nicht“, warnte er, als er sah, wie der Zentaur den Pfeil wieder auf ihn richtete. „Wenn du jetzt auf mich schießt, wirst du deine Pfeile nicht wiederbekommen. Nur lebend bin ich deine Garantie dafür.“
Der Zentaur grollte unverständliche Flüche vor sich hin und senkte den Bogen wieder.
Rikian atmete auf. Dieser Zentaur war launisch und unberechenbar. Er hatte es sich sehr viel einfacher vorgestellt, mit ihm zu verhandeln. Aber es geschah ihm ganz recht, dass ihn einmal ein Wesen an seine Grenzen brachte. Bloß weil er die Gabe hatte, die Gefühle anderer Lebewesen wahrzunehmen und ihnen seine zu offenbaren, musste das noch lange nicht heißen, dass er sie nach Belieben manipulieren durfte. Die Lehre, die ihm der Zentaur heute erteilte, war längst fällig gewesen, sagte er sich reuevoll, und er hatte sie verdient. Doch Reue würde ihm jetzt nicht weiterhelfen. Es blieb nur zu hoffen, dass der Zentaur, sobald er seine Pfeile endlich wieder hatte, tatsächlich seine Reise fortsetzen würde.
Während sich das Warten in die Länge zog, wurde der Zentaur zusehends nervöser. Rikian konnte seine Zweifel wahrnehmen, ob er seine Pfeile wiederbekommen würde oder ob ihm der Magier und die Soldaten des Königs eine Falle stellen würden. Er teilte seine Besorgnis, kannte er doch seinen Freund und glaubte darüber hinaus, Embras als einen Mann einschätzen zu können, welcher ungern eine Niederlage einsteckte.
„Hast du eigentlich keine Angst, zu sterben?“, wollte der Zentaur unvermittelt wissen.
„Doch, natürlich“, gab er zu, und das entsprach der Wahrheit.
Die Antwort des Zentauren erstaunte ihn über alle Maßen. „Ich ebenfalls. Ich frage mich die ganze Zeit, warum dein Magierfreund mich nicht einfach angegriffen hat. Weshalb bringst du dich in Gefahr, indem du versuchst, mit mir zu verhandeln?“
„Das frage ich mich inzwischen auch“, seufzte Rikian. „Aber ich werde dir den Grund nennen. Ich halte nichts von sinnlosem Blutvergießen. Und ich war neugierig, von dir zu erfahren, was euch hierher geführt hat.“
„Es geht dich eigentlich nichts an, aber ich will es dir sagen, denn du kannst ohnehin nichts daran ändern. Wir waren unterwegs zur Wahl eines neuen Zentaurenanführers.“
Rikian glaubte ihm. Er glaubte ihm auch, was er als nächstes sagte. „Ich habe vorhin meine Brüder sterben sehen, das war grauenvoll. Ich will nicht ebenfalls sterben. Aber das werde ich, nicht wahr? Wenn ich dich töte, werden die Soldaten und dieser Magier mich überwältigen. Wenn ich dich am Leben lasse, erst recht. Wir haben es verpatzt. Wenn ich könnte, würde ich fliehen. Aber ich kann nicht ohne meine Pfeile fortgehen. Alles ist verloren.“
Rikian schöpfte Hoffnung. „Nichts ist verloren“, sagte er tröstend. „Wenn du mir vertraust, wirst du den Wald lebend und mit deinen Pfeilen verlassen. Willst du?“
„Ob ich will? Dumme Frage! Aber wehe, du versuchst, mich zu betrügen! Wie ist dein Plan?“
„Du müsstest mir deinen Bogen aushändigen.“
„Niemals!! Du willst mich hereinlegen. Hab‘ ich’s doch gewusst!“
Wieder fühlte Rikian den Grimm, der den Zentauren so unberechenbar machte. „Keine Sorge. Ich könnte deinen Bogen niemals ziehen. Es geht nur darum zu zeigen, dass von dir keine Gefahr mehr ausgeht“, beteuerte Rikian. „Im Übrigen höre ich jemanden herannahen. Entscheide dich.“
Auch der Zentaur vernahm jetzt Schritte auf dem Weg, der zu dem Wäldchen führte. Entschlossen nahm er den Pfeil von der Sehne und ließ ihn in seinen Köcher gleiten. „Also gut“, stieß er hervor. „Komm her und hol ihn dir, wenn du dich traust.“
Jetzt war es an Rikian, zu überlegen, ob ihm der Zentaur eine Falle stellte, doch er entschied sich, aufs Ganze zu gehen. Er richtete sich auf, trat auf den Zentauren zu und streckte eine Hand aus, und tatsächlich reichte der Pferdemann ihm seinen Bogen. Rikian trat vor ihn und erwartete, den Bogen in der Hand, die Ankömmlinge.
Sie waren nur zu fünft: Janomar zu Fuß und vier von Embras Elitesoldaten, welche ebenfalls mit Pfeil und Bogen bewaffnet waren und Helme sowie Kettenhemden trugen, zu Pferd. Sie hatten auf den Zentauren zielen wollen, doch irritiert, weil Rikian ihnen im Weg stand, senkten sie ihre Waffen.
„Nicht schießen!“, rief Rikian ihnen zu.
Zu seiner Erleichterung hielten sich die Soldaten zumindest vorläufig zurück.
„Ich bringe die Pfeile“, sagte Janomar unsicher. Sein verwunderter Gesichtsausdruck angesichts der veränderten Situation hätte Rikian amüsiert, wäre er weniger angespannt gewesen.
„Danke, Janomar. Gibst du sie mir, bitte?“
Janomar trat vorsichtig auf Rikian zu. „Alles in Ordnung?“, flüsterte er, als er vor ihm stand.
„In bester Ordnung“, erwiderte Rikian lächelnd und nahm die Pfeile entgegen. „Würdet ihr euch jetzt bitte zurückziehen?“
„Ich gehe nicht ohne dich.“
„Dann mögen wenigstens die Soldaten abrücken. Und niemand soll dem Zentauren folgen, bitte.“
„Und du?“
„Ich bleibe, bis sich unser Freund hier unversehrt und sicher auf dem Heimweg befindet.“
„Unser Freund…“ Seine Zweifel standen Janomar deutlich ins Gesicht geschrieben.
„Vertrau mir“, bat Rikian.
„Das hast du heute schon einmal gesagt, und es ist entsetzlich schiefgegangen.“
„Ist es nicht. Bitte, Janomar.“
Janomar gab nach und wandte sich den Soldaten zu. „Ihr habt ihn gehört. Wir ziehen uns zurück.“
„Wie Ihr meint“. Erst jetzt erkannte Rikian Embras, der sich, gekleidet wie einer von ihnen, unter seinen Soldaten befand. Jener blickte skeptisch drein, entschied sich jedoch, Rikians Spiel mitzuspielen. Auf ein Zeichen von ihm wendeten sie ihre Pferde und verließen den Wald.
Janomar schielte zu seinem Stab hin, der noch immer auf der Erde lag, wo er ihn zuvor auf Befehl des Zentauren fallen gelassen hatte.
„Nein. Bitte warte.“ Rikian schüttelte den Kopf, und wieder gab Janomar nach.
„Sie sind weg“, verkündete der Zentaur. „Wenn du mir jetzt meinen Bogen und die Pfeile wiedergibst, seid ihr mich los. Könnt ihr mir garantieren, dass man mich nicht verfolgen wird?“
„Wir reiten zur Burg“, sagte Rikian. „Hierzulande wird niemand dich mehr behelligen. Doch was Arthoria angeht…“
„… bin ich gewarnt“, vollendete der Zentaur seinen Satz. „Schon gut. Kann ich jetzt gehen?“
„Natürlich.“ Rikian reichte dem Zentauren die Pfeile. „In den Köcher, bitte.“
Der Pferdemann grinste und nahm sie an sich. „So viel zum Thema ‚Vertrauen‘, sagte er mit seinem rauen Lachen, doch er tat wie geheißen.
„Danke“, sagte Rikian und hielt ihm seinen Bogen hin.
„Ich muss dir danken“, sagte der Zentaur, noch immer lachend. „Das wird mir keiner meiner Gefährten glauben. Ein Zentaur, ein Magier, vier Krieger und ein verrückter Mensch, und alle überleben die Begegnung! So etwas hat es noch nie zuvor gegeben. Diese Geschichte hat das Zeug, zur Legende zu werden. Wisst ihr übrigens, wie wir unsere Anführer wählen?“
„Nein", gab Rikian zu.
„Derjenige, der am meisten erlebt hat und davon zu erzählen weiß, also im Grunde derjenige, der die spannendsten Geschichten zum Besten gibt, darf über das Volk der Zentauren herrschen."
Rikian lachte leise. „Dann bist du wohl ein recht aussichtsreicher Kandidat. Wir fühlen uns geehrt, Teil einer Zentaurenlegende zu sein. So hab eine gute Reise, und grüß mir meine Heimat Arthoria.“
„Lebt wohl. Ich werde nun aufbrechen und den Wald auf der Westseite verlassen. Vielleicht behältst du den Zentauren Sommorwokwok aus dem Land hinter den Drachenbergen in deiner Erinnerung.“
„Das werde ich“, versprach Rikian. „Allein schon dadurch, dass du mir meine Grenzen aufgezeigt hast. Gehab dich wohl, Sommorwokwok.“
Der Zentaur ließ noch einmal sein wildes Lachen ertönen, dann wandte er sich ab und galoppierte in den Wald hinein.
Janomar stürzte zu seinem Stab und riss ihn an sich. Doch seine Wachsamkeit war nicht vonnöten gewesen. Der Pferdemann war ohne anzuhalten und ohne sich noch einmal umzublicken zwischen den Bäumen verschwunden. „Den Göttern sei Dank“, seufzte er und zog seinen Freund stürmisch in seine Arme. „Ich dachte schon, ich hätte dich verloren.“
Rikian ließ sich die Umarmung gefallen und widersprach nicht. Auch er war sich nicht sicher gewesen, diese Begegnung unbeschadet zu überstehen. „Danke für deine Hilfe“, sagte er. „Gehen wir zurück zu den anderen? Ich glaube, ich könnte jetzt eine kleine Stärkung vertragen.“
Arm in Arm kehrten die beiden Freunde zurück zu Embras, der ebenfalls einen nach dem anderen in den Arm nahm, ehe er, nachdem Rikian ihm versichert hatte, dass man den Wald nun unbesorgt passieren könne, ankündigte: „Lasst uns endlich nach Hause reiten!“

Offline Ariana

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Sultan der Wüste
« Antwort #6 am: 09. Dezember 2016, 19:43:28 »
Eine ungewöhnliche Allianz Teil 1

„Wirst du mich wohl nicht so unverschämt anstarren!“, herrschte ich den Jungen an, den zwei unserer Männer zwischen sich herangeführt und vor mir auf die Knie gezwungen hatten. Ich bin Kholkh’an-Thar, der älteste Sohn des Sultans und sein designierter Nachfolger. Mich hat man ebenso wenig anzustarren wie meinen Vater. Meine Bediensteten wissen das, und dieser nichtswürdige neue Sklave würde es ebenfalls bald begriffen haben.
Offenbar verstand er unsere Sprache, denn er senkte umgehend den Kopf.
Schade eigentlich. Ich hätte liebend gerne meine neue Peitsche an ihm ausprobiert. Aber die Gelegenheit dazu würde sicherlich noch kommen.
Vater lächelte zufrieden und nickte mir wohlwollend zu. Es gefällt ihm, wenn ich mich durchzusetzen weiß.
Ich trat einen Schritt auf den Gefangenen zu. „Wie heißt du?“
„Mein Name ist Leas.“ Er hob den Kopf, als er die Worte aussprach. Wieder traf mich sein Blick aus diesen ungewöhnlichen, grauen Augen.
Ohne Vorwarnung schlug ich ihm ins Gesicht. Hoppla. Mein Siegelring hatte einen blutenden Riss in seiner Wange hinterlassen.
Leas zuckte zusammen, gab jedoch keinen Laut von sich.
„Weißt du, wofür das war?“, fragte ich ihn. Meine Stimme hörte sich kalt, ruhig und freundlich an.
Er schüttelte den Kopf.
„Antworte gefälligst, wenn ich dich etwas frage!“, brüllte ich.
Leas hob den Kopf und blickte mich erneut an. „Nein, ich weiß es nicht.“
Was ihm die nächste Ohrfeige eintrug. „Weißt du es jetzt?“
„Ich beginne, es zu ahnen“, murmelte er, dieses Mal mit gesenktem Blick.
„Kluges Kerlchen“, sagte ich in einem Tonfall als würde ich meinen Hund loben und bedeutete den beiden Männern, die ihn zwischen sich hielten: „Schafft ihn fort und legt ihn in Ketten.“
Vater wartete, bis wir allein miteinander waren, bevor er mir anerkennend auf die Schulter klopfte. „Gut gemacht, Sohn.“
„Danke, Vater“, sagte ich aufrichtig. „Ihr habt mir mit diesem Geschenk eine große Freude bereitet.“
„Ebendies war meine Absicht“, erwiderte er. „Aber nimm dich vor ihm in Acht. Wir haben ihn am südlichen Rand von Tarun aufgegriffen, und er hatte einen merkwürdigen Stab und einen Beutel voller Wüstenkristalle bei sich. Es könnte sein, dass er einer von diesen Magiern ist.“
„Er ist nicht viel älter als ich“, wandte ich ein.
„Du musst noch viel lernen“, seufzte Vater. „Lass dich niemals vom Äußeren eines Feindes täuschen. Es stimmt, er ist sehr jung und wirkt überaus harmlos. Auch hat er keinerlei Widerstand geleistet, als wir ihn überwältigt haben. Doch das muss nichts heißen. Deine Aufgabe wird es sein, herauszufinden, ob er magiebegabt ist oder nicht. Wie, das überlasse ich dir.“ Damit ließ er mich stehen, wandte sich ab und schritt auf das prunkvolle Zelt zu, welches er bewohnte, so lange wir außerhalb unserer Festung auf Beutezug waren.


Leas war in der Tat magiebegabt. Das herauszufinden stellte keinerlei Schwierigkeit dar. Ich ging in das Zelt, wo er, angekettet an eine Zeltstange und bewacht von einem unserer Krieger erschöpft eingeschlafen war, weckte ihn mit einem groben Fußtritt und fragte geradeheraus: „Bist du ein Zauberer?“
Ich hatte noch nie jemanden so blitzschnell erwachen und Kampfhaltung einnehmen sehen, zumindest versuchte er es, bevor ihn seine Ketten von den Füßen rissen und er vor mir im Staub lag. Beschämt hob er den Blick, erkannte mich und erinnerte sich rechtzeitig daran, dass er mich nicht anstarren sollte. Daher antwortete er, während er sich wieder aufsetzte, mit abgewandtem Gesicht. „Ja. Und ändert das irgendetwas an meiner Situation?“
„Die Fragen hier stelle ich“, wies ich ihn energisch zurecht. „Sag mir, was du kannst.“
„Ich beeinflusse die Elemente“, gab er Auskunft. „Ich kann, wenn ich will, Steine auf dich regnen lassen oder dich mit Feuer verbrennen oder dir Schmerzen zufügen.“
Ich war derart verblüfft ob dieser Antwort, dass ich vergaß, ihn für das respekt- und distanzslose „du“ zu bestrafen. Hielt er mich zum Narren oder beherrschte er solche Zauber wirklich? Wenn er die Wahrheit sprach, weshalb hatte er dann nicht schon längst seine Zauber gewirkt, um freizukommen? „Das will ich sehen“, sagte ich. „Das mit den Steinen. Auf ihn hier.“ Ich wies auf seinen Wächter, welcher erbleichte, aber nicht zu protestieren wagte.
Leas jedoch schüttelte den Kopf. „Das werde ich aus zweierlei Gründen nicht tun“, sagte er ruhig und bestimmt. „Zum einen widerstrebt es mir zutiefst, jemandem grundlos Schmerzen zuzufügen. Zum anderen bin ich ohne meinen Stab nicht in der Lage, meine Macht zu kanalisieren.“
Der Krieger atmete hörbar auf, und zum zweiten Mal war ich vollkommen perplex. Jetzt spätestens hätte ich Leas meine Peitsche spüren lassen und ihn daran erinnern müssen, wen er vor sich hatte: Den zukünftigen Sultan der Wüste! Doch ich war schlichtweg sprachlos. „Dein Stab?“, wiederholte ich dümmlich.
„Ja. Ein Feuerstab. Etwa mannshoch, und er sieht aus, als bestünde er aus flüssigem Feuer. Bedauerlich, dass eure Krieger ihn nicht zu berühren wagten, als sie mich überwältigt haben. Nun liegt er irgendwo da draußen im Sand und ich kann nur hoffen, dass wenigstens ein anderer Magier ihn findet.“ Er lachte leise. „Ein einfacher Stab aus Holz würde mir allerdings auch genügen.“
Nun war ich so schlau wie zuvor. Falls er die Wahrheit sprach, riskierte ich mein Leben, indem ich ihm einen Stab in die Hand gab. Ließe ich es jedoch bleiben, würde ich nie erfahren, ob mein neuer Sklave ein Magier war oder ein Hochstapler. Ich beschloss, das Wagnis zunächst nicht einzugehen. Mit den Worten „Das könnte dir so passen“ verließ ich verdrossen das Zelt und lief in die Wüste hinaus.
Wie stets übte die gleichförmige Landschaft aus den endlos scheinenden Sanddünen unter der gleißenden Sonne ihre beruhigende Wirkung auf mich aus. Die Hitze, unter der viele Menschen hier litten, machte mir nichts aus. Ich war ein Sohn dieser Wüste und eines Tages würde ich ihr Herrscher sein. Allerdings nur, wenn ich die Prüfung, die mein Vater mir auferlegt hatte, eine von vielen, die ich bereits hinter mir hatte und die mir noch bevorstanden, bewältigte. Es galt herauszufinden, ob dieser Leas ein Magier war oder nicht, und zwar, ohne dass er sich, sollte er einer sein, befreite. Ich ließ mich im Sand nieder und begann zu meditieren.
Als ich kurz darauf wieder unserem Lager zustrebte, wusste ich, wie ich ihn prüfen würde.

Offline Ariana

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Sultan der Wüste
« Antwort #7 am: 09. Dezember 2016, 19:44:40 »
Eine ungewöhnliche Allianz Teil 2

„War das nötig?“ Vater blickte mich grimmig an. „Deinetwegen haben wir einen Säbelrassler und eine Kaktuswachen verloren.“
„Dafür wissen wir jetzt, dass mein Sklave ein Zauberer ist“, konterte ich. „Du hattest mir aufgetragen, es herauszufinden.“
Vater seufzte. „Allerdings. Und er ist weitaus mächtiger als er sein dürfte in seinem Alter.“
Das entsprach der Wahrheit. Leas hatte, obwohl angekettet und lediglich mit einem Holzstab ausgerüstet, nacheinander zwei unserer besten Krieger getötet. Allerdings hatte er auch einige Verletzungen einstecken müssen und lag im Augenblick bewusstlos in einem Verlies der Festung, in die wir mittlerweile wieder heimgekehrt waren. Dabei hatte er sich zunächst geweigert, gegen die Streiter zu kämpfen, die ich für ihn bestimmt hatte. Er sei noch nicht so weit in seiner Ausbildung, hatte er behauptet, Gegner aus der Festung der Wüstenräuber – so nannten sie uns in Elteran – anzutreten. Doch dazu hatte er sich schnell bereitgefunden, nachdem ich ihm das Mädchen präsentiert hatte, das unsere Krieger in meinem Auftrag entführt hatten. „Du hast die Wahl“, hatte ich gesagt. „Entweder du demonstrierst mir deine Zaubermacht und sie lebt, oder…“ Mehr hatte ich nicht sagen müssen. Er hatte sich erhoben und ergeben den Holzstab entgegengenommen, den mein Agent in Elteran bei einem Händler erstanden hatte. „Lässt du sie frei?“, hatte er wissen wollen, doch ich hatte ihn ausgelacht. „Sei nicht unverschämt! Ich sagte, sie wird am Leben bleiben, wenn du tust, was ich verlange. Wo und wie, darüber hast du nicht zu bestimmen. Doch du kannst dich darauf verlassen, dass ich mein Wort halte, so lange du dich an meine Spielregeln hältst.“ Also hatte er sich unseren Kriegern gestellt. Und ich hatte seine Zauber gesehen! Er konnte weitaus mehr als Steine fliegen zu lassen und Feuer auf den Gegner zu werfen oder diesen unheimlichen Fluch der Schmerzen, der seine Gegner mehr und mehr schwächte, so lange der Kampf währte. Er hatte sich gezwungen gesehen, alles was er beherrschte auch zur Anwendung zu bringen, wenn er überleben wollte, und das wollte er ganz offenbar.
„Wie willst du ihn in Zukunft kontrollieren?“, unterbrach mein Vater meine Gedanken.
„Das lass meine Sorge sein“, beschied ich ihm. Ich hatte das Mädchen meinem Harem einverleibt. Noch war sie unberührt. Ob und wie lange sie es blieb, lag in den Händen des Magiers. So wie ich ihn einschätzte, würde er ausgesprochen fügsam sein.
„Wie du meinst.“ Vater seufzte und murmelte leise: „Ich glaube, es war ein Fehler, ihn hierher zu bringen.“
Noch ahnte keiner von uns, dass er damit Recht behalten würde.


Leas genas schnell, nachdem er mich um die Heiltränke gebeten hatte, die sich in seinem Gepäck befunden hatten. Ich gewährte sie ihm unter der Bedingung, dass er mir die Rezeptur verriet. Jorugawurzeln und Guljakbeeren wuchsen zwar nicht in der Wüste, doch ich würde mir schon ausreichende Vorräte davon zu beschaffen wissen. Später würde ich feststellen müssen, dass sie bei Nichtmagiern nicht wirkten, doch zu dem Zeitpunkt ahnte ich davon noch nichts, denn Leas erwähnte dies natürlich mit keinem Wort. Also sandte ich unsere Krieger aus, die Zutaten zu finden und zu sammeln und hieß meinen Sklaven, diese Heiltränke daraus herzustellen.
In diesen ersten Tagen in der Festung gab der junge Magier sich erstaunlich fügsam und kooperativ. Er verlangte lediglich einmal am Tag das Mädchen zu sehen und drohte mir, wenn er feststellen müsse, dass es ihr nicht gut ginge, würde ich es büßen. Für diese Frechheit ließ ich ihn auspeitschen, doch letztendlich gab ich nach. Er war mir nützlicher, wenn er meine Befehle bereitwillig befolgte. Und ich muss sagen, er erledigte sämtliche Arbeiten, die ich ihm auftrug, auch die unangenehmsten und erniedrigendsten, willig, geduldig und sorgfältig. Dafür, dass ich das Mädchen in Ruhe ließ, versuchte er niemals, irgendeinen Zauber zu wirken.
Mit der Zeit begann ich, Leas‘ Nähe, seine unerschütterliche Ausgeglichenheit und seine freundliche, offene Art zu schätzen. Zudem verstand er es, mir Respekt entgegenzubringen, ohne unterwürfig aufzutreten. Anstatt ihn nach getaner Arbeit wegzuschicken, behielt ich ihn immer öfter bei mir und ließ ihn mir von seiner Ausbildung und seinen Reisen durch Arthoria erzählen. Es faszinierte mich, wenn er von Landstrichen sprach, die ich noch nie gesehen hatte und von deren Bewohnern, gegen die er bereits gekämpft hatte. Vor meinen inneren Augen ließ er Sümpfe, ausgedehnte Wälder, verlassene Bergwerke und Höhlen sowie hohe Berge entstehen, Seen, Flusslandschaften und das Meer. Schier ungeheuerlich waren die Wesen, welche diese Welten bewohnten, und Leas hatte sie alle bekämpft und besiegt. Als es nichts Neues mehr zu erzählen gab, brachte er mir Tamoa bei und wir spielten viele spannende Partien gegeneinander.
Mein Vater sah dies alles mit Missfallen, doch ich schaffte es immer wieder, seinen Argwohn zu zerstreuen, indem ich Leas hin und wieder öffentlich bestrafen ließ. Dass er sich anschließend regelmäßig mit seinen Tränken wieder heilte, brauchte Vater nicht zu erfahren, so dachte ich. Oh, wie ich mir geirrt hatte!
Eines Tages ließ er mich zu sich rufen. Ich eilte zu ihm - meinen Vater ließ man nicht warten - und wurde von einem Lakaien in seinen Salon geführt, wo eine festliche Tafel opulent gedeckt war. Staunend begrüßte ich meinen Vater und nahm auf sein Geheiß hin gegenüber von ihm Platz.
„Weißt du, welcher Tag heute ist?“, begann er, nachdem wir einander mit Guljakweißwein zugetrunken hatten. Noch nie zuvor hatte mir mein Vater ein alkohlisches Getränk zugestanden!
„Nein?“
„Es ist der 17. Jahrestag deiner Geburt. Der Tag, an dem der Sohn eines Wüstenfürsten erstmals die Chance erhält, seinen Vorgänger vom Thron zu stoßen.“
Ich erschrak. Was Vater sagte, war richtig. Und es bestätigte, was ich schon seit einiger Zeit zu wissen glaubte: Vater ging es nicht gut. Doch eine solche Tatsache durfte niemals ausgesprochen werden. „Das mag sein, mein Vater“, sagte ich daher ehrerbietig. „Doch Ihr seid gesund und kräftig. Ich sehe dafür keine Notwendigkeit.“
„Wirklich nicht?“ Vater lächelte wissend. „Lass uns speisen. Wir unterhalten uns anschließend weiter.“
Während des Mahls rasten meine Gedanken unaufhörlich. Also stimmte es, was ich schon seit einigen Wochen beobachtet hatte: Vater war krank. Und er musste seine Nachfolge regeln, so lange er noch dazu imstande war. Er bot mir die Möglichkeit, Sultan der Wüste zu werden. Die Möglichkeit, endlich frei von Bevormundung meine Entscheidungen zu treffen. Endlich den Krieg gegen die Orks zu führen, vor dem mein Vater immer gewarnt hatte, es würde zu nichts Gutem führen. Den Handel mit den Wüstenkristallen zu kontrollieren und den Elteranern das Sammeln zu verbieten. All die Pläne zu verwirklichen, die ich entwickelt hatte. Und nicht zuletzt Vaters Harem zu übernehmen. Je länger wir zu Tisch saßen, desto besser gefiel mir der Gedanke, meinen Vater abzulösen. Und so kam es, dass ich nach dem Nachtisch, als er sein Anerbieten wiederholte, nickte und fragte: „Was muss ich tun? Werden wir gegeneinander kämpfen müssen?“
„Oh nein, Sohn“, rief er aus. „Wir Männer eines Clans kämpfen nicht gegeneinander. Du erhältst das Amt aus meinen Händen, wenn du mir bewiesen hast, dass du seiner würdig bist.“
„Und das bedeutet?“, fragte ich gespannt.
„Das bedeutet, dass du mir zeigst, dass du, wenn es darauf ankommt, allein die Interessen deines Volkes vertrittst und dass du ohne Schwäche und falsche Rücksichtnahme für dein Volk tust, was zu tun ist. Selbst dann, wenn es dir möglicherweise widerstrebt. Traust du dir das zu?“
Natürlich traute ich mir das zu! Ich war der Sohn des Sultans und würde selbst Sultan sein. Ich war in dem Bewusstsein aufgewachsen, die Wüstenkrieger eines Tages anzuführen und ich glaubte zu wissen, wie ich mein Volk voranbringen und schützen konnte. „Gewiss“, sagte ich daher mit fester Stimme.
Vater nickte anerkennend. „So höre, was von dir erwartet wird. Die Krieger werden dir folgen, wenn du endlich diese Jungfrau aus Elteran zur Frau nimmst und deinen Sklaven, diesen Magier, der vielen in unserem Clan Angst macht, aus dem Weg schaffst.“
Mir verschlug es die Sprache. Ich sollte eigenhändig meinen Freund - und zu einem solchen war Leas mir inzwischen geworden - töten? Wie konnte Vater das von mir verlangen? Warum schickte er mich nicht auf einen gefährlichen Beutezug? Warum ließ er mich nicht kämpfen?
„Ich sehe dich zögern“, bemerkte Vater spöttisch. „Möglicherweise bist du noch nicht reif für die Übernahme des Throns. Lass es uns in sieben Jahren erneut angehen. Wir werden die Angelegenheit nicht weiter erwähnen, einverstanden?“
„Wartet!“, keuchte ich erregt.
„Das werde ich“, sagte Vater freundlich. „Bis zum morgigen Sonnenuntergang. Dann wirst du entweder Sultan der Wüste sein oder weitere sieben Jahre auf deine nächste Chance warten. Und nun gehab dich wohl.“
Mit diesen Worten war ich entlassen. Ich stand auf, verneigte mich vor meinem Vater und suchte meine Gemächer auf, um in Ruhe nachzudenken. Von Ruhe allerdings konnte keine Rede sein. Nicht einmal draußen in der Wüste fand ich den inneren Frieden, den mir der Aufenthalt dort sonst stets schenkte, und ich gelangte zu keinem Entschluss. Der Verzicht auf meinen vielseitigen Sklaven wollte mir ebenso schwer fallen wie der Verzicht auf die Macht, obwohl ich diese noch gar nicht gekostet hatte. Allein die Vorstellung davon war berauschend! Und weitere sieben Jahre darauf warten zu müssen, eine Zumutung. Außerdem ahnte ich, dass mein Vater keine sieben Jahre mehr leben würde.
Gegen Abend befahl ich Leas zu mir, um mir aufzuwarten. Nachdem ich gegessen und er die Reste wieder abgetragen hatte, zog ich die Tamoakarten hervor und bedeutete ihm, sich zu setzen. Wir spielten, doch ich war derart unkonzentriert, dass ich eine Partie nach der anderen verlor.
„Was ist?“, fragte Leas leise – und unaufgefordert, doch ich war zu zerstreut, ihn darob zu tadeln.
Da kam mir eine Idee. „Gib Acht, Leas. Ich habe eine Aufgabe für dich, eine Art Rätsel, und du sollst es für mich lösen. Willst du?“
„Ich höre.“ Er legte seinen Kartenstapel beiseite und hob den Kopf, ohne mich anzublicken.
„Stell dir einen Prinzen in einem fernen Land vor“, begann ich. „Dieser Prinz soll bald zum König gekrönt werden. Er hat einen Berater, den er überaus schätzt. Doch sein Hofstaat und seine Untertanen und nicht zuletzt der alte König fürchten diesen Berater und begegnen ihm mit Ablehnung und Misstrauen. Und so steht der Prinz also vor der Wahl, entweder diesen Berater zu liquidieren oder auf sein Amt zu verzichten. Da es die Pflicht des Beraters ist, dem Prinzen immer und unter allen Umständen klug beizustehen, fragt ihn der Prinz, was er tun soll. Was glaubst du, Leas, was wird der Berater dem Prinzen antworten?“
Leas erbleichte, denn er hatte sehr wohl verstanden. „Der Prinz könnte den Berater einfach fortschicken. Ein derart gewandter Mann wird anderswo eine Anstellung finden“, schlug er vor.
„Das genügt nicht“, murmelte ich. „Sie wollen ganz sicher gehen, dass der Mann, den sie fürchten, niemals wiederkehrt.“
„Warum habe ich mir das bloß gedacht?“, flüsterte Leas. Plötzlich hob er den Kopf und blickte mir geradewegs in die Augen. „Wenn wir Freunde sind, verzichte auf deinen Anspruch“, bat er. „Wenn du jedoch nur einen Sklaven in mir siehst, oder wenn es dir wichtiger ist, deinen Vater abzulösen, musst du das Erforderliche tun.“
Wieder maßregelte ich ihn nicht. Stattdessen finge ich an, mich stammelnd zu rechtfertigen. „Mein Vater ist er alt und krank. Seit Monaten leidet er schreckliche Schmerzen. Er versucht, es sich nicht anmerken zu lassen und glaubt, dass keiner es weiß, aber wer ihn näher kennt, weiß Bescheid. Er und ich wissen, dass es an der Zeit für ihn ist, mir die Macht zu übertragen. Wenn wir die Gelegenheit verstreichen lassen und er stirbt, wird es Kämpfe unter den Kriegern geben und unser Volk wird sich entzweien und in alle Winde zerstreuen. Mich als seinen rechtmäßigen Nachfolger jedoch würden die Krieger anerkennen.“
„Du wärst der Sultan der Wüste.“
„Ja.“
„Und ich bin dir dabei im Weg?“
Ich schwieg betreten.
„Dir ist klar, dass es für die Magier in Elteran günstiger und sicherer wäre, wenn du dein Amt nicht antrittst. Mit meiner Unterstützung darfst du also nicht rechnen. Aber falls dir das weiterhilft: Du hast deine Entscheidung bereits getroffen. Also tu, was getan werden muss. Ich bitte dich nur um eine letzte Gunst.“
„Um welche?“
„Gewähre mir einen letzen Kampf. Lass mich als Magier sterben und keinen ehrlosen Tod als Sklave. Auch dir bringt es keinen Ruhm, einen wehrlosen Mann zu töten.“
„Ich soll dir deinen Stab geben? Und damit die Möglichkeit, mich zu verletzen oder gar zu besiegen? Hast du den Verstand verloren?“
„Nein. Zum einen bin ich noch lange nicht mächtig genug, gegen einen Sultan der Wüste zu bestehen. Und zum anderen fehlt mir jegliche Rüstung. Du hast doch gelernt, dass wir den Großteil unserer Kraft aus unserer Bekleidung ziehen. Ihr habt mir all mein Eigentum genommen. Ich laufe barfuß und trage einen Kaftan. Der Schmuck, den ich trug, gehört dir. Du brauchst mich wahrhaftig nicht zu fürchten. Doch ein Kampf, selbst wenn ich weiß, dass ich unterliegen werde, gibt mir die Gewissheit, als Magier zu sterben. Ich habe dir treu gedient, Kholkh’an-Thar, und ich habe es gerne getan. Nun ist die Gelegenheit für dich gekommen, mir meine Ergebenheit zu vergelten.“
„Nichts verpflichtet mich dazu, Sklave!“, stieß ich hervor.
„Das ist richtig“, sagte Leas ruhig und senkte endlich wieder den Blick. „Du schuldest deinem Sklaven nichts. Mein Ansinnen war fehl am Platz.“
„Ich werde darüber nachdenken“, versprach ich gegen alle Vernunft. „Geh mir aus den Augen!“
Leas gehorchte wortlos und ließ mich allein.


Im Wüstensand war ein kreisrunder Kampfplatz abgesteckt worden. Leas und ich standen uns gegenüber. Er trug einen hölzernen Stab, denselben, mit dem er mir einst seine Macht demonstriert hatte, doch darüber hinaus weder Waffen noch Rüstung. Ich war gekleidet wie die Krieger meines Volkes und führte meinen mächtigen Säbel. Alle unsere Krieger waren zugegen und umstanden die kleine Arena. Mitten unter ihnen befand sich mein Vater. An seiner bekümmerten Miene erkannte ich, dass er von diesem Zweikampf nicht begeistert war. Er traute Leas nicht über den Weg. Auch ich war nicht ohne gewisse Bedenken in diesen Kampf gegangen, hatte ich doch mit eigenen Augen gesehen, wie der Magier die Kaktuswache und den Säbelrassler besiegt hatte. Für den Fall jedoch, dass er mich belogen haben sollte, als er behauptete, er wäre einem Sultan der Wüste auf keinen Fall überlegen, hatte ich ihm in Aussicht gestellt, nach dem Sieg über mich dabei zusehen zu dürfen, wie unsere Krieger sich mit dem Mädchen, an dem ihm so viel zu liegen schien, amüsierten. Entkommen würde er auf keinen Fall. Sollte er mich überwinden, standen unsere Bogenschützen bereit, ihn auf ein Zeichen meines Vaters aus sicherer Ferne kampfunfähig zu machen. Das alles war ihm bewusst, ebenso wie mir bewusst war, dass ich ihn nicht wirklich gut genug kannte um einschätzen zu können, ob der das Risiko eingehen würde, nur um mich zu besiegen. Ich glaubte es nicht, doch ich war mir auch nicht ganz sicher.
Wir standen einander lauernd gegenüber und warteten, bis sich das unruhige Gemurmel unter den Männern gelegt hatte. Wir traten nebeneinander vor meinen Vater und verneigten uns. Ich hob grüßend meine Waffe, und Leas tat dasselbe mit seinem Stab, und auf ein Nicken von Vater stürmten wir aufeinander los. Während ich bemüht war, den wechselnden Salven aus Feuer, Eis, Steinen oder Blitzen auszuweichen und meinen Gegner gleichzeitig mit dem Säbel zu treffen, vergaß ich Zeit und Raum. So entgingen mir zunächst das anfängliche Raunen, die lauter werdenden Rufe und das Keuchen unter meinen Männern, oder ich hielt all das zumindest für Reaktionen auf unsere Kampfmanöver.
Bis Leas zurückwich, seinen Stab senkte und mir bedeutete, mich umzuwenden. Argwöhnisch trat ich einige Schritte zurück. Stellte er mir eine Falle? Offenbar nicht, denn endlich vernahm ich die Rufe der Krieger, die meinen Namen brüllten und zu dem Platz hin deuteten, wo zuvor noch mein Vater unseren Gruß entgegengenommen hatte. Wo war er? Die Krieger winkten mich heran, traten beiseite und öffneten eine Gasse, an deren Ende mein Vater reglos am Boden lag. Tot. Schockiert ging ich zu ihm hin und kniete neben ihm im Sand nieder.
„Er ist einfach zusammengebrochen“, brachte einer der Männer hervor.
„Es ging blitzschnell“, ergänzte ein anderer. „Er war auf der Stelle tot und hat nicht leiden müssen.“
Verwirrt starrte ich auf meinen Vater hernieder. Ich hatte gewusst, dass er krank war. Aber dass es ihm so schlecht ging, hatte ich nicht geahnt. Oder hatte da etwa jemand nachgeholfen? Ich sprang auf die Füße und fuhr herum.
Leas stand noch immer, wie ich ihn zurückgelassen hatte. Ruhig erwartete er meine Rückkehr und blickte mir erwartungsvoll entgegen. Nur den Stab hatte er neben sich auf die Erde gelegt wie um mir seine Harmlosigkeit zu demonstrieren. Konnte es möglich sein…? Mit dem blanken Säbel in der Hand schritt ich auf ihn zu. Er neigte den Kopf, kniete nieder und sprach laut und für alle vernehmlich: „Ehre, Ruhm und ein langes Leben Kholkh’an-Thar, dem Sultan der Wüste.“
Als hätten alle Anwesenden nur darauf gewartet, wiederholten sie die Worte und skandierten sie im Chor, jedoch nicht knieend, sondern jubelnd und winkend. Ich stand wie im Traum in der Mitte des abgesteckten Kampfplatzes und nahm ihre Huldigungen entgegen. Ich, Kholkh’an-Thar, war Sultan der Wüste. Ohne Kampf, ohne Prüfung, ohne Bedingung. Mein war nun die Macht. Die Macht, den Orks den Krieg zu erklären, die Macht, künftig den Handel mit Wüstenkristallen zu kontrollieren, die Macht eine Jungfrau zur Frau zu nehmen oder sie einem meiner Getreuen zu überlassen, und die Macht, einen Magier aus Elteran meinen Berater zu nennen. „Steh auf“, raunte ich Leas zu und reichte ihm die Hand.
Unsicher nahm er sie. „Kämpfen wir zu Ende?“, fragte er, ohne mich anzublicken.
„Nein“, entgegnete ich. „Du und ich werden niemals mehr gegeneinander kämpfen.“
„Gut zu wissen.“ Lächelnd erhob er sich.
„Nimm deinen Stab“, befahl ich ihm. „Komm mit. Es gibt viel zu tun.“
Er bückte sich und hob ihn auf. „Hab Dank“, sagte er. „Im Grunde benötige ich ihn nicht mehr. Aber es hängen interessante Erinnerungen daran.“

Offline Ariana

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Zentaurenanführer
« Antwort #8 am: 10. Januar 2017, 12:52:18 »
Die Abkehr der Zentauren

Erzählungen und Berichte, zusammengefasst von Telan, dem Bibliothekar

Einst kämpften die Menschen Elterans Seite an Seite mit einigen der mächtigsten Lebewesen Arthorias. Zu ihnen gehörten die Zentauren - mystische Kreaturen, deren Oberkörper dem eines Menschen glich, doch der restliche Teil ihres physischen Wesens eindeutig jener eines Pferdes war.
 
Wie so oft führten Neid und Missgunst der Menschen, aber auch Missverständnisse unter den beiden Völkern dazu, dass diese Allianz zerbrach. Was folgte war ein grausamer Krieg zwischen Elterans Armee und ihren ehemaligen Verbündeten.
Die Zentauren waren zahlenmässig zwar unterlegen, hatten jedoch dank ihrer Anführer stets einen taktischen Vorteil an der Front. Während die Zentaurenkrieger ihre Stärke im Nahkampf für sich nutzten, kämpften Horden von Zentaurenschützen aus der Distanz mit ihren treffsicheren Zentauren-Langbögen und rieben Reihe um Reihe der anrückenden Feinde auf. In der Hierarchie der Zentauren waren stets mehrere Anführer verschiedener Clans in die Führung der ganzen Herde miteinbezogen und führten diese tapfer an. Auf Elterans Seite waren neben den Elitekämpfern und -kundschaftern der Stadt auch einige Magier dem Feldzug gegen die Zentauren beigetreten.
 
Die Kämpfe auf dem Schlachtfeld verliefen grausam und blutig, doch nie konnte sich eine der beteiligten Parteien einen wirklichen Vorteil erkämpfen. Beide Seiten erlitten erhebliche Verluste und so kam es, dass die Oberen Elterans sich dazu gezwungen sahen Friedensverhandlungen mit den letzten beiden verbliebenen Anführern der Zentauren aufzunehmen.
Tifalas, jener Anführer, der vor diesem Krieg ehrenvoll als taktischer Berater der Heerführer Elterans diente und den Menschen gegenüber stets aufgeschlossen war, stimmte diesen Verhandlungen zu. Obgleich sein Bruder Barnabas, der Wilde –wie er von seinem Clan gerufen wurde– immer nur Böses in den Menschen sah, wusste auch er von der Notwendigkeit diplomatischer Gespräche und entschied sich als zweiter Anführer ebenfalls dafür. Die Menschen hatten für diese Gespräche ihren obersten Kundschafter Arthos entsandt, da dieser in besonders heiklen Lagen jederzeit die Übersicht behalten konnte und mit Feingefühl sowie Verhandlungsgeschick glänzte. Um den guten Willen zu einer friedlichen Lösung hervorzuheben, brachte Arthos seinen vierzehnjährigen Sohn mit zu den Gesprächen – ein Familienmitglied als Begleitung galt als Akt großen Vertrauens in die jeweiligen Verhandlungspartner.
 
Es dauerte einige Tage um von Elteran aus zu dem Waldstück östlich des Flusses Rindori zu kommen, in welchem die Herde der Zentauren sich vorläufig niedergelassen hatte. Taktisch ein kluger Schachzug, denn dadurch war auch der Weg zur im Norden gelegenen Stadt Rindoria unter Kontrolle der Pferdemenschen und Elteran von einem seiner wichtigsten Außenposten abgeschnitten.
 
Arthos, sein Sohn und die anderen Kundschafter und Jäger aus Arthos Truppe setzten grade erst einen Fuss in den Wald und wurden sogleich von einer wild mit den Hufen scharrenden Gruppe Zentauren begrüsst, welche sie vorbei an unzähligen Eichen und Kiefern nahe des Flusslaufes zu einigen provisorisch aufgestellten Behausungen führte. Einige dieser Behausungen führten eigene Banner, andernorts standen riesige Zelte, welche die Lebensweise ihres jeweiligen Clans repräsentierten. Ganze Gruppen von Zentauren sammelten sich um Lagerfeuer und erzählten sich Geschichten aus lange vergessenen Tagen. Im Grunde sah es in einem Lager der Menschen meistens nicht anders aus als hier. Arthos wusste das und hoffte von Herzen auf die kulturellen Gemeinsamkeiten und die fruchtbare Zusammenarbeit, welche diese beiden Völker in der Vergangenheit führten, aufbauen zu können um mit froher Kunde nach Elteran zurückzukehren.
 
In einem unbeobachteten Moment hatte sich Arthos Sohn einige Meter von der Gruppe weggeschlichen und erlag dabei zum ersten Mal der Faszination beim Anblick eines der vielgerühmten Zentauren-Langbögen. Er beobachtete, wie zwei Zentauren sich daran machten aus einem Haufen Pferdehaar Sehnen zu knüpfen und diese auf aus Eichen- und Kiefernholz geschnitzte Langbögen zu ziehen. Sein Vater hatte oft davon geschwärmt wie treffsicher doch diese Bögen seien und irgendeine Art Magie darauf liegen musste. Nun konnte zumindest sein Sohn die einmaligen Geheimnisse dahinter entdecken. Zumindest dachte er so, als er sich vorwärts in Richtung des großen Zeltes mit den beiden Zentauren schlich. Doch seine Tagträume davon, einen solchen Bogen in der Hand zu halten, wurden jäh vom Anblick einer Speerspitze, welche vor seine Nase gehalten wurde, unterbrochen.
 
„Für dich gibt es hier nichts zu sehen, Menschenkind!“, sprach ihn der vor ihm aufgerichtete Zentaur an. Er war bunt bemalt und mit Federschmuck verziert und deutlich größer und muskulöser als die anderen Zentauren, die er bisher gesehen hatte und so wich der Knabe voller Ehrfurcht zurück.
„Dieses Zelt ist ein heiliger Ort, der nur von geweihten Mitgliedern unseres Stammes betreten werden darf. Hier werden unsere Toten geehrt und ihre Seelen kehren in den Kreislauf des Lebens zurück.“, fuhr der Pferdemensch fort, welcher sich dem Jungen dann als Tifalas vorstellte. Erst schnaubte er und scharrte aufgeregt mit den Hufen, doch dann schien er zu lächeln und brachte Arthos Sohn wieder zu den Anderen, welche mittlerweile um einen runden Tisch aus Holz standen und sich auf die Gespräche vorbereiteten.
„Da bist du ja!“, rief Arthos erleichtert, als er seinen Sohn in Begleitung von Tifalas erspähte. Der oberste Kundschafter zog ihn zu sich und begann ihm ins Ohr zu flüstern. „Weiche mir nicht noch einmal von der Seite, Junge! Nicht alle Zentauren sind uns so freundlich gesonnen wie der alte Tifalas hier.“ Sein Blick wanderte auf die andere Tischseite, an welcher sich ein mürrisch dreinblickender Barnabas platziert hatte und das weitere Geschehen mit Argusaugen beobachtete. Der Pferdelord stand was seine Statur und den Körperschmuck betraf dem älteren Tifalas in nichts nach.
 
Die Verhandlungen begannen und es wurde mal freundlich diskutiert, dann aber auch wieder lauthals miteinander gestritten. Keine der beiden Parteien am Tisch wollte viele Zugeständnisse zusichern und trotz alledem wollte man doch für sich selbst das optimale Ergebnis erzielen. So zogen sich die Gespräche bis weit in die Nacht, wo zur Freude aller endlich eine Einigung erzielt werden konnte. Zentauren wie auch Menschen waren ziemlich erschöpft, gönnten sich aber doch einen kleinen Moment um das Erreichte mit Wein und Schmaus zu zelebrieren. Der endgültige Abschluss wurde auf den Morgen danach verlegt und die Zentauren stellten Arthos und seiner Truppe einen Platz nahe den Zelten zum Übernachten zur Verfügung.
 
„Mörder!“, hallten die Rufe durch die Nacht und rissen Arthos und seine Mannen aus dem Schlaf. Hufgetrampel drang quer über den Platz und die Herde der Zentauren schien in Aufruhr zu sein. Arthos blickte nach links zu seinem Sohn, doch dort wo er hätte nächtigen sollen war nur ein Abdruck im Heu zu finden. Dem Kundschafter wurde flau in der Magengegend bei dem Gedanken, was mit seinem Sohn geschehen sein könnte und er stürmte dorthin, wo das Geschrei der Pferdemenschen am Lautesten erschien. Sein Atem stockte bei dem Anblick des Leichnams, der vor ihm lag. Es war Tifalas! In seiner Brust steckte noch ein Pfeil, die Augen waren jedoch ausdruckslos und leer. Sein Blick wanderte weiter über den Ort des Verbrechens um das Geschehene erfassen zu können und den Schock zu verarbeiten.
 
„Edaros!“, schoss es aus Arthos heraus, als er seinen Sohn mit einem gespannten Zentauren-Langbogen auf Barnabas zielen sah. Der Wilde hatte sich vor ihm aufgebäumt und holte mit seinen Vorderhufen aus um den Jungen zu Fall zu bringen. Arthos stiess seinen Sohn im letzten Augenblick vor dem mächtigen Tritt des Zentaurenanführers zur Seite. Edaros verlor dabei sogleich den Bogen, welchen er zuvor noch auf den Pferdemenschen gerichtet hatte.
„Bitte Herr, verzeiht meinem Sohn! Er wusste nicht, was er tat!“, flehte der Kundschafter noch am Boden kauernd den Pferdelord an.
„Er wusste nicht...?!“, schnaubte Barnabas vor Wut und griff sich Arthos um ihn dicht vor sein Gesicht heranzuziehen.
„Dein Sohn lächelte, als er den Pfeil auf meinen Bruder schoss. Das Böse funkelte in seinen Augen!“, sprach er zu ihm und stiess ihn sogleich wieder auf den Boden zu seinem Sohn.
„Ihr Menschen seid hier als Mörder ins Lager gekommen um Unglück und Tod über uns Zentauren zu bringen!“ Wütend scharrte er mit einem Huf in der Erde und es sah für einen Moment so aus, als ob er Anlauf nehmen wollte um wild auf die Menschen loszustürmen. Dann hielt er inne und Sekunden vergingen wie Minuten voller Stille, ehe er wieder sprach.
„Kein Frieden! Ihr geht. SOFORT! Auch wenn ich euch auf der Stelle alle töten würde, weiss ich, dass mein Bruder es anders gewollt hätte. Lauft!“, brüllte der Anführer der Herde die Menschen an. Arthos zögerte keinen Augenblick und sammelte seine Mannen um sich, während er seinen Sohn am Arm griff und hastig in Richtung des Pfades eilte, der sie durch den Wald hierher geführt hatte. Barnabas und zwei andere Zentauren folgten ihnen um sicher zu gehen, dass sie den Wald auch wirklich verliessen.
Als sie endlich die Strasse in Richtung Elteran erreicht hatten, rief ihnen Barnabas noch einmal warnende Worte zu.
„Ihr und euresgleichen seid in unserem Wald nicht mehr willkommen. Solltet ihr oder sonst ein Mensch jemals wieder einen Fuss in den Zentaurenwald setzen, so seid ihr unweigerlich zum Tode verdammt. Berichtet jedem davon.“ Dies waren die letzten Worte, die ein Zentaur für lange Zeit wieder an einen Menschen richten sollte.
 
Die Zentauren trauerten, wie es ihre Traditionen verlangten, eine Woche um ihren verschiedenen Anführer. Die Herde war unruhig, denn ihnen war klar, dass sie nun einer ungewissen Zukunft entgegenschritten. Früher oder später würden weitere Anführer gewählt werden, denn so verlangte es die Tradition und Barnabas war selbst ein Anhänger dieser alten Bräuche. Für den Augenblick waren dies jedoch die Tage, an welchen zum allerersten Mal ein einziger Anführer alle Clans einte und deren Führung übernahm. Zu unser aller Bedauern richtete sich diese Vereinigung gegen uns Menschen und insbesondere die Bewohner unserer schönen Stadt Elteran...
« Letzte Änderung: 10. Januar 2017, 14:41:57 von Ariana »