Autor Thema: Obrigkeiten und Widrigkeiten  (Gelesen 3685 mal)

Offline Kerredis

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Obrigkeiten und Widrigkeiten
« am: 30. Mai 2008, 13:55:39 »
Vor etwas mehr als einem Jahr habe ich mit einem anderen Charakter in einem anderen Spiel eine Geschichte begonnen, bei der meine Muse irgendwann in den Streik gegangen ist. Nach einigen langen Verhandlungen mit der Musengewerkschaft ging es zwar weiter mit der Geschichte, aber leider nicht mehr mit dem Spiel und dem Forum. Und da stand ich nun mit einer fast fertigen Geschichte…. Also schrieb/schreibe ich sie um und werde sie hier veröffentlichen, unabhängig von dem gerade laufenden Thread


„Hilfe! Helft mir! Bei den Göttern, helft mir!“
Ich fuhr herum als die Rufe begannen über die Mauern meines Anwesens zu dringen und langsam näher kamen. Die Frauenstimme benutzte das Caladanische mit eben den grammatikalischen Fehlern, die die Einheimischen an den Tag legen. Die Art von Sprachgebrauch eben, der entsteht, wenn die Macht der Gewohnheit die Regeln und Gesetze einer Sprache an den Rand drängt.
Vielleicht war es ein Fehler, doch wenn eine vermeintliche Landsmännin um Hilfe rief und vielleicht in ernsthaften Schwierigkeiten steckte, brachte ich es doch nicht fertig, es zu ignorieren. „Zum Haupttor und seid leise!“ rief ich über die Mauer, als die Schritte lauter wurden und setzte mich in Bewegung. Obwohl ich die Abkürzung durch den Garten nahm, sie war schneller als ich. Wenn es stimmte, dass Gefahr die Schritte beflügelt, dann hatte sie wirklich Probleme. Ich öffnete das Tor einen Spalt breit.

„Rein mit Euch!“ Sie huschte hindurch und ich schloss das Tor hinter ihr. „Kommt und beeilt Euch!“ zischte ich und schob die vermummte Gestalt den Hauptweg entlang vor mir her.. Aus der Ferne konnte ich Männerstimmen hören, vielleicht diejenigen, die nach ihr suchten. Falls dem so war, würde man vermutlich irgendwann ohnehin an meine Tür klopfen, kein Grund also den Dingen vorzugreifen. Nadji hob nicht einmal den Kopf als wir durch die Halle des Hauses eilten, nur Rugi warf mir wieder einen ihrer verzweifelt-resignierenden Blicke vor die Füße. Ich war mir sicher, dass meine doch oft sehr unkonventionelle Art sie oft vor einige Probleme stellte, doch andererseits…. Sie würde es nie zugeben, dass es eben jene Eskapaden waren, die ihr Leben hier doch ziemlich interessant gestalteten und sie diese Abwechslungen in hohem Maße genoss.

Ich brachte die Frau mit einem Griff an die Schulter zum Stehen. „Legt Eure Hände darauf und schwört.“ Ja, sie war tatsächlich eine Landsmännin von mir. Ohne zu zögern oder eine Erklärung von mir abzuwarten stellte sie sich zwischen die beiden Götterstatuen von Ona und Venarion, die die Tür zu meinem Arbeitsraum flankierten und legte ihre Hände auf deren Füße. „Kein Unheil, kein Unrecht und nichts Böses wurde von mir über die Schwelle dieses Hauses getragen.“ Ihre Stimme klang fest, wenn auch etwas gehetzt. Doch sie hatte den alten Schwur geleistet, ohne mit der Wimper zu zucken (Wobei wohl nur die Wenigsten unter uns tatsächlich daran geglaubt hatten, dass es bei einem Meineid zu einem göttlichen Strafgericht kommen würde) und das zählte. „Bring sie nach oben,“ ordnete ich an, als eine Dienerin erschien um weitere unangemeldete Besucher zu melden. „Und bringt mir den halboffiziellen Ornat.“

Wenige Augenblicke später stapelten sich mehrere Lagen schweren Brokats auf meinen Schultern und meine Sicht wurde durch den formellen Kopfputz eingeengt, der mein Gesicht verhüllte. Ich deutete auf die Tür und machte einen Schritt nach vorn. „Öffnet das Haupttor, wenn wir die Treppe runter sind. Rugi?“ Sie streckte ihre rechte Hand aus und ich legte meine Linke darauf ab. Es mochte imponierend oder hoheitsvoll erscheinen, als wir die Treppe herunter schritten, in Wahrheit bot mir Rugis Hand den einzigen Schutz davor, über die Roben zu stolpern und sehr wenig hoheitsvoll die Treppe herunter zu fallen. Das schwere Haupttor, an das inzwischen recht energisch geklopft wurde, öffnete sich, als wir den Hauptweg betraten. „Dann wollen wir ihnen mal eine Vorstellung bieten….“ 

Es waren zwei und beide trugen schwer an ihren Rüstungen. Das Wappen des Stadtvogtes prangte auf den Harnischen. Oha!’ dachte ich. ‚Nicht, dass du gerade einen bösen Fehler gemacht hast...’ Doch sie hatte den Eid geleistet und Nadji hatte sie eingelassen.
„Gebt sie heraus!“ Die Stimme klang befehlsgewohnt, einigermaßen einschüchternd und vor allem unhöflich. Sie konnten  nicht gesehen haben, dass ich die Frau eingelassen hatte, dennoch wurde die Frage *Wo ist sie?* geflissentlich übersprungen. „Seid gegrüßt.“ Rugi verbeugte sich leicht vor den beiden. „Was kann ich für Euch tun?“ „Gebt sie heraus! Wir wissen, dass Ihr sie versteckt.“

Ich machte eine unbestimmte Geste mit meiner Rechten und Rugi begann leicht amüsiert die Worte des Büttels ins Caladanische zu übersetzen. „Wessen Herausgabe wünscht Ihr?“ begann sie schließlich meine gemurmelte Antwort zu übersetzen. „Dies ist caladanischer Boden. Und alles, was diese Mauern umgeben, ist Eigentum Caladans. Ihr solltet das eigentlich wissen. Schließlich prangt die Unterschrift des Stadtvogtes neben der des Ersten von Ryleh auf dem Vertrag, der diesem Ort seine Immunität garantiert.“
Gut, das war eine leichte Verdrehung der Tatsachen. Es gab die Immunität der caladanischen Matriarchinnen, es gab auch diesen Vertrag, doch er war bereits vor sehr sehr vielen Jahren abgeschlossen worden. Was natürlich bedeutete, dass es weder die Unterschrift dieses Ersten noch die dieses Stadtvogtes waren… nicht, dass ich ernsthaft die Absicht hatte, es ihnen zu erzählen.

„Gebt die Frau heraus!“

Rugi deutete auf das Haus hinter uns. „Ich befürchte, Ihr habt nicht verstanden. Niemand betritt diesen Grund und Boden ohne die Einladung der Matriarchin. Und welchen Grund sollte sie haben, irgendwelche Frauen einzulassen, die nicht zu den unseren zählen? Sollten sich Eindringlinge hier befinden, so ist es Eure Aufgabe, die Sicherheit der Matriarchin sicherzustellen anstatt sie mit Euren schlechten Manieren zu belasten.“

„Aber sie zählt…“

Ein kurzer Rippenstoss ließ ihn verstummen, doch die Katze war aus dem Sack. Die Unbekannte war ohne jeden Zweifel Caladanerin. Was natürlich hies, dass sie nicht zufällig an diesem Ort Schutz gesucht hatte. „Tu so, als hättest Du es nicht gehört.“ bedeutete ich Rugi, die weiter sprach, ohne dass es diesen Einwurf gegeben zu haben schien.
„Ihr solltet jetzt besser gehen und Eure Verbrecherin fangen, oder der Vogt wird erfahren, wem er für die plötzliche Abwanderung seiner caladanischen Handwerker zu danken hat. Schließlich können wir kaum in einer Stadt arbeiten, in der man seines Lebens nicht sicher ist.“ Rugis letzte Worten waren nahezu unverschämt hoch gepokert und übertrieben schamlos den Einfluss, den ich tatsächlich auf die Handwerker hatte, doch auch dies würde wohl unter dem Punkt *Das klären wir ein anderes Mal* rangieren. Aber der Bluff funktionierte, zumindest fürs Erste. Die beiden Männer murmelten noch einige Drohungen a la *Wir kommen wieder* und *Das wird ein Nachspiel haben*, dann entfernten sie sich.

Wir blieben noch einige Sekunden stehen, bis das Haupttor wieder hinter ihnen geschlossen wurde. „Uff…“ Ich riss mir den Kopfputz herunter. „Das war haarscharf. Erst Geister, jetzt so etwas. Dann wollen wir mal sehen, was uns dieser Gast zu erzählen hat.“
« Letzte Änderung: 30. Juni 2008, 21:01:16 von Kerredis »
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Re: Obrigkeiten und Widrigkeiten
« Antwort #1 am: 02. Juni 2008, 12:58:41 »
Als wir das Haus betraten, kam sie bereits die Treppe herunter, die Kapuze ihres Umhangs auf den Schultern. Einiges älter als Rugi und ich, musterte sie uns aus hellen Augen und strich sich nervös eine Strähne hinter das Ohr, die sich aus ihrem festen Haarknoten gelöst hatte.
„Sie sind weg…“ stellte ich fest.
„Zumindest vorläufig…“ ergänzte Rugi und sie nickte zu beiden Aussagen.
„Also, warum…“
Sie schüttelte den Kopf, ohne meine Frage abzuwarten.
„Sie sind nicht hinter mir hergewesen. Ich habe nichts getan. Es ist wegen meiner Herrin. Sie ist es, die Eure Hilfe braucht!“.
„Wer ist Deine Herrin? Was ist mir ihr?“
„Lady Nehari, Theneis’sa und sie stirbt…“

Theneis’sa… es war recht lange her, dass ich die altertümliche Bezeichnung meines Ranges gehört hatte. Nur Angehörige der höheren Kasten, bei denen eine gründliche Ausbildung und ein noch größeres Bewusstsein für Formen und Traditionen zur Grundausstattung gehörten, verwendeten ihn noch. Das erklärte auch, warum die Dame mich zu sehen wünschte. Es entsprach durchaus den Gepflogenheiten meines Volkes, wenn man vor seinem Ableben seine Angelegenheiten noch auf eine Art und Weise in Ordnung brachte, die den Hinterbliebenen hinterher möglichst wenig Arbeit machte. Dazu gehörte neben den Begräbnisvorbereitungen auch die Regelung der Hinterlassenschaften. Vor allem die reicheren Caladaner nutzten die Gelegenheit, ihren letzten Willen in Anwesenheit einer Matriarchin kundzutun, um so Streitereien zwischen den Erben ein für alle Mal vorzubeugen.
Den Namen hatte ich jedoch nie gehört, vielleicht war sie auf der Durchreise gewesen, um ihr Leben auf heimischen Boden zu beenden und hatte die ihr verbleibende Zeit falsch kalkuliert. Doch warum waren die Büttel des Vogtes dann derartig interessiert?
Doch vermutlich gab es nur einen Weg, Antworten zu bekommen. „Wir brauchen drei Roben der Verhüllung. Lasst den Umhang hier, nach dem werden sie als Erstes Ausschau halten.“ Ohne zu zögern ließ sie den Mantel von den Schultern gleiten und zum ersten Mal hob schließlich auch Nadji den Kopf, um sie neugierig aber nicht unfreundlich zu mustern. Sie trug die Kleidung einer Dienerin, doch die Qualität des Stoffes und der Stickereien an den Säumen verrieten uns, dass sie ihrer Herrin wohl kaum auf dem Feld oder in der Küche zu Diensten war. Ich tippte vielmehr auf eine Position wie Rugi sie innehatte; die einer engen Vertrauten und persönlichen Dienerin.
Hastig warfen wir uns die Roben über. „Folgt mir, Theneis’sa.“

Trotz des Kleides und der langen Robe legte sie ein beachtliches Tempo vor, wir liefen halb neben, halb hinter ihr und ich ließ meinen Gedanken freien Lauf. Was an dem baldigen Ableben ihrer Herrin stellte ein Problem für den Vogt dar? Wenn sie wirklich dem Tode nahe war, würde man doch nur abwarten müssen? War mir irgendein pikanter Skandal entgangen? Normalerweise war der Klatsch, der am Brunnen ausgetauscht wurde, recht aktuell und die Dienerinnen, die dort unsere Wäsche wuschen, versäumten es eigentlich nie, Rugi über jedes Detail unserer Reichen und Edlen auf dem Laufenden zu halten. Und warum liefen wir nach Osten, wo doch die Villen und Paläste der noblen Herrschaften im Westen der Stadt waren? Doch die Frau hielt stetig auf das Hafenviertel zu, während die Häuser zusehends kleiner, windschiefer und unwirtlicher wirkten.

Irgendwann bogen wir in eine Gasse ein, sie öffnete ein altes Lattentor und wir eilten durch einige Hinterhöfe. Vor einer Tür blieb sie stehen. „Da hinein, Theneis’sa.“
Ich stieg eine schmale Treppe hinauf und wußte bereits, daß ich zu spät kam. Das Treppenhaus war erfüllt von einem vertrauten metallischen Geruch: Blut. Viel Blut, viel zuviel, um den Verlust zu überleben… Ich öffnete die Tür.

„Ihr kommt zu spät, Matriarchin. Sie ist tot.“ Ich erkannte die Stimme, noch bevor ich deren Besitzerin sah. „Seid gegrüßt, Agady. Ich weiß…“

Agady! Die alte Meisterin der Hebammenzunft hatte ihr Haus in einem der wohlhabendsten Viertel der Stadt, nahe den Wohnsitzen ihrer Klientinnen. Ihr Geschick und ihre Erfahrungen waren ebenso legendär, wie ihre trockene fast schon grobe Art, mit der sie ihre Schützlinge anzuranzen pflegte. Gerüchte sagten, es gäbe Spitzentaschentücher mit der eingestickten Botschaft *Ich habe Agady überstanden*, gesehen hatte ich noch keines. Doch die edlen Damen rannten ihr förmlich die Tür ein und selbst unter den Gemahlinnen unserer Handwerker galt sie aufgrund ihres Könnens als Caladanerin ehrenhalber.

Ihre Anwesenheit bot einige mögliche Antworten, stellte jedoch noch mehr Fragen. Sicher, es gab Kasten, die Ehebruch mit dem Tode bestraften. Doch die Damen hatten ihre Domizile, um derartige Probleme zu lösen, bevorzugt in der Nähe ihrer Sommerresidenzen. Dann hätte Agady irgendwo am Südtor eine verschwiegene Sänfte oder Kutsche erwartet… Doch hier? Und warum ich? Agadys Blick fiel auf unsere Begleiterin. Sie deutete zur Tür „Du wartest draußen! Und paß auf!“ Die Frau huschte hinaus, Rugi wechselte noch einen kurzen Blick mit mir und folgte ihr nach.

„Das Kind?“ Schweigend legte mir Agady ein Bündel in den Arm. Ich schlug das Tuch auseinander. Ein Sohn, wohlgestaltet doch still, entsetzlich still. Vorsichtig nahm ich eine der kleinen Hände in meine. Sie war noch warm. Ich hatte einen Kloß im Hals, er war so zerbrechlich, so klein und viel zu jung um bereits das Schicksal seiner Mutter zu teilen. Übergangslos schlug das Baby die Augen auf und begann zu schreien. Agady und ich tauschten erleichterte Blicke, dann begann sie hastig in ihrer Tasche zu wühlen. Nach einigen Sekunden brachte Agady ein gefülltes Fläschchen zum Vorschein. „Gebt mir das Kind.“ Ich legte den Jungen in ihre ausgestreckten Arme zurück. Sie begann den Säugling zu füttern.

Der Kloß in meinem Hals war noch immer da, als ich mich an das Bett der Toten setzte. Sie war blaß, fast weiß. Jemand, vermutlich Agady, hatte ihr die Decke bis zur Hüfte gezogen. Das Laken darunter würde rot und naß von ihrem Blut sein. Sie war einfach ausgeblutet, wie ein Faß, dessen Boden ausgeschlagen war. Nichts, was man dagegen hätte tun können. Ich sah Agady an. „Ihr hättet nichts tun können.“ Sie nickte. „Wer war sie?“ Agady zuckte mit den Schultern. „Ihre Dienerin holte mich gestern abend. Sie hat in Gold bezahlt und mich um Verschwiegenheit gebeten. Ich kannte sie nicht, aber das Problem an sich war mir vertraut, also bin ich gekommen. Als offensichtlich wurde, wie es endet, bat sie um Eure Anwesenheit.“
„Meine? Sie ist keine Angehörige meines Volkes.  Fragte sie tatsächlich ausdrücklich nach mir?“
„Ausdrücklich und mit Nachdruck. Es schien ihr wichtig zu sein.“

 Ich war verwirrt. Kannte sie mich? Oder sollte ich sie kennen? Ich sah ihr ins Gesicht. Noch im Tod war sie beneidenswert schön. Ebenmäßige Gesichtszüge, hochstehende Wangenknochen, umrahmt von einer Fülle schwarzen Haares. Selbst wenn ich einen guten Tag hatte und Rugi ihr bestes gab, würde ich nicht an sie heranreichen. Selbst jetzt nicht.
„Es tut mir leid.“ murmelte ich und faltete ihre Hände. „Aber dein Sohn wird leben.“
« Letzte Änderung: 02. Juni 2008, 13:01:10 von Kerredis »
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Re: Obrigkeiten und Widrigkeiten
« Antwort #2 am: 03. Juni 2008, 12:53:25 »
Für eine Weile herrschte Schweigen, nur vom Schmatzen und Schlucken des Kindes unterbrochen. Ich richtete ihre Kleidung, so gut ich konnte. Irgendwann würde ihre Dienerin zum Friedhof gehen und die Letzten Dienste anfordern, man würde sie waschen, neu einkleiden und entsprechend der Gebräuche ihrer Familie bestatten. 

„Wer ist der Vater?“

Der Junge war ein Bastard, da war ich mir ziemlich sicher, doch bei Söhnen waren die Väter meistens etwas großzügiger, vor allem wenn sie keine ehelich geborenen hatten. Agady zuckte mit den Schultern. „Der Stadtvogt.“

„Häh?“ Die Frage war wenig elegant formuliert, brachte jedoch meine Verwirrung und Ratlosigkeit recht treffend auf den Punkt. Ich schüttelte den Kopf. „Agady, ich bitte Euch, warum dann dieser Aufstand? Es ist nicht unbedingt ein Geheimnis, dass der Vogt hinter allem her ist, was Rock trägt und Puls hat.“ Agady schnaubte belustigt.
„Und ich glaube auch, Ihr habt den weit besseren Überblick, wie viele kleine Vögtchen hier durch die Straßen laufen.“ Ein spöttisches Feixen löste das Schnauben ab. „Warum also sollte er bei einem weiteren Ableger einen solchen Wirbel veranstalten? Er hat sich niemals um seine Bastarde geschert, außer vielleicht bei seinen Favoritinnen. Und auch da hat er sich nicht gerade überschlagen, wie ich hörte. Ein kleines Pöstchen hier, eine Heirat mit einer Hofschranze da…. “

Kopfschüttelnd betrachtete ich das Gesicht der Toten. Es ließ sich absolut nicht leugnen, sie wäre dem Vogt aufgefallen und sicherlich eine bevorzugte Jagdbeute für ihn gewesen. Und wenn sie nur halb so klug wie schön gewesen war, hätte sie sich als Favoritin sehr, sehr lange halten können. Aber trotzdem, irgendetwas passte hier ganz und gar nicht zusammen.
Agady war gestern geholt worden und heute Morgen waren die Schergen des Vogtes schon so weit gegangen, auf das Gebiet einer Matriarchin einzudringen. Ich ließ die vergangenen Momente Revue passieren, bis meine Gedanken an einem Punkt abrupt stoppten.

„Ihr habt mir nicht alles gesagt, Agady! Ihr wusstet, dass man hinter ihr und dem Kind her war, sonst hättet Ihr ihre Dienerin nicht rausgeschickt um Wache zu halten. Also raus damit, was ist hier los?“
Agady seufzte resignierend. „Fällt Euch nichts auf an ihr?“ 
„Agady…“ Meine Geduld ging allmählich zur Neige.
„Sie ist schön, nicht wahr?“
„Agady!!“
„Um ihren Hals...“

Vorsichtig schlug ich den steifen Kragen ihres Kleides zurück. Die schmale Goldkette um ihren schlanken Hals war lang und reichte bis in ihr Dekollete hinab. An ihrem Ende baumelte ein kleiner Siegelring, für den schmalen Finger einer Frau gefertigt. Behutsam drehte ich das kleine Schmuckstück und keuchte auf.
„In was habt Ihr mich rein gezogen, Agady?“ 
Das Siegel zeigte nur einen einzigen Buchstaben: M.

M wie Minga.

Meine Hände waren kalt, in meinem Kopf summte es. Der Orden der Minga war dafür bekannt, dass er die erlesensten Konkubinen hervorbrachte, die weit, weit über dem Niveau einer herkömmlichen Geliebten standen. Die Schönheit der Mingas war ebenso sagenhaft wie ihre Fähigkeiten zwischen den Seidenlaken. Vom dritten Lebensjahr an wurden handverlesene Kandidatinnen in Musik, Tanz, Protokoll, Sprachen, Heilkunst, Kampftechnik und anderen Dingen unterwiesen. Die Bandbreite ihrer Fähigkeiten war immens: Geliebte, beste Freundin der Ehefrau (was das Leben für den Besitzer einer Minga erheblich vereinfachte), Unterhalterin und Leibwächterin. Die Preise für den Kontrakt einer Minga waren astronomisch, ich kannte Straßenzüge in der Stadt, die weniger kosteten, das Inventar inklusive. Verblüffenderweise ging der Titel einer Minga mit einem hohen gesellschaftlichen Status einher (nicht zuletzt, weil ein Drittel des Kontraktpreises an die Familie der Minga ging).

Mich fröstelte. Es erklärte ihre Schönheit und den offensichtlichen Reichtum. Doch mit dem Einpassen dieses Puzzelteils wurden vom Schicksal gleich eine Handvoll neuer Teile auf das Spielfeld geworfen, von denen mir keines gefiel.
„Gehörte ihm der Kontrakt?“
Agady runzelte die Stirn. „Es ist nicht seine Art, ein derart teures Spielzeug so einfach wegzuwerfen…“ sagte sie gedehnt und ich nickte. Das erklärte ziemlich klar, warum seine Leute so erpicht darauf waren die Dienerin einzufangen.
„Wenn nicht, würde es seine Chancen auf einen gemütlichen Lebensabend erheblich verringern.“ konstatierte sie trocken. Dazu gab es nichts weiter zu sagen. Sich an einer Minga zu vergreifen, war wohl das Dümmste, was man tun konnte. Wenn an den Gerüchten nur die Hälfte dran war, hatte man viel, sehr viel Zeit diesen Fehler auf das Heftigste zu bereuen, bevor man seinem Schöpfer davon erzählen konnte….
„Jecha…“ fluchte ich leise mit dem Gefühl der Hilflosigkeit. Agady grunzte.

Unruhig begann ich in der kleinen Kammer auf und ab zu marschieren. Es brachte mir etwas Erleichterung, weitere missbilligende Blicke von Agady und leider keinerlei Antworten oder Erleuchtung. Durch das schmutzige kleine Fenster glaubte ich den Zipfel meiner Robe in einem Torbogen zu erkennen.

„Wir müssen den Orden verständigen.“ Ich unterbrach meine Wanderung und sah Agady an.

„Ihr wisst, welche Maschinerie Ihr damit in Bewegung setzt?“

Ich nickte. Abgesehen von der Tatsache, dass im schlimmsten Falle der Stadtvogt auf sehr unschöne Weise sein Leben beenden würde, wäre seine Familie gezwungen, den Preis für gleich zwei Kontrakte zu entrichten: einmal an den Orden als Ersatz für die tote Minga und an die Familie des Besitzers, um einen neuen Kontrakt erwerben zu können. Zwei Punkte, die in der Regel bewirkten, dass kommende Generationen den Verblichenen in nicht allzu guter Erinnerung hatten. „Er wird es sich leisten können… Auch wenn er sämtliche Residenzen verliert, seine Familie wird vor der Schuldversklavung sicher sein.“

Agady seufzte. „Das wird ein ziemlicher Skandal werden... Und er wird alles daran setzen, ihn zu vermeiden.“ Ich schnaubte. „Was will er tun? Uns alle umbringen?“ Ich erhielt prompt eine Antwort auf meine Frage, nur nicht von Agady…
Ich konnte leise Schritte die Treppe hinaufeilen hören, die Tür öffnete sich und Rugi winkte uns hastig zu. Ein schrilles Kreischen erfüllte die kleine Gasse, ging in ein heiseres Röcheln über, brach dann ab… Ich erstarrte, das Geräusch schien noch Ewigkeiten in meinen Ohren nachzuhallen. Agady fuhr herum, mit einer ihrem Alter keinesfalls angemessenen Geschwindigkeit. „Was..?“ Ich hob die Hand, sie brach ab. Aus dem Torbogen sah ich in Bodenhöhe ein paar Stiefel hervorragend, umspielt von dem Saum meines Umhangs.

„Wir müssen hier weg!“ Rugi sah die Treppe hinunter, die Hand an ihrem Messer. Agady war bereits auf den Füßen, griff ihre Tasche, wickelte den Säugling in ein Tragetuch und schlang es sich um den Leib. Wir stürmten die schmale Treppe hinunter, die Stufen knarrten. Ich ließ die Tote nur mit einem flauen Gefühl zurück, doch in dieser Situation darauf zu bestehen, ihr die letzten Ehrungen zu erweisen, wäre unserer Gesundheit wohl wenig zudringlich gewesen. Ich konnte nur hoffen, dass man sie noch finden würde, wenn wir den Orden verständigt hätten.

Der Hinterhof war leer, wir hasteten durch die benachbarten Gärten, immer wieder über die Schulter zurückschauend...

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Re: Obrigkeiten und Widrigkeiten
« Antwort #3 am: 04. Juni 2008, 14:15:13 »
Wir blieben in den Gärten, stoppten, lauschten, hasteten weiter, Rugi weit vor uns mit der Hand an der Waffe. Irgendwann schlängelten wir uns schließlich durch einen Hinterausgang in den Lagerraum eines Geschäftes und kehrten auf die Straßen zurück. Ich sah mich um. Nichts kam mir großartig bekannt vor, wir hatten uns vermutlich gründlich verirrt. „Ich denke, wir haben sie abgehängt…“

Agady schnaufte und schlug den Umhang vorsichtig ein Stück auseinander. Zwei blaue Augen starrten schläfrig zurück und schlossen sich wieder. Sie wandte sich zum gehen…
„Wo wollt Ihr hin, Agady?“
„Nach Hause, es muss versorgt werden und ganz sicher nicht hier auf der Strasse…“
Ich hielt sie an der Schulter fest… „Glaubt Ihr allen Ernstes, sie würden Euch dort nicht erwarten? Der Vogt mag wahnsinnig sein, aber dumm ist er sicher nicht. Sollten sie nicht bereits dort sein, werden sie sicherlich kommen…“
Agady zog die Brauen zusammen, ihr Gesicht verfinsterte sich. „Wie sollen sie wissen, dass ich da war? Sie hätten zuschlagen können, als ihre Dienerin Euch holen ging.“ Ich schüttelte müde den Kopf. „Gebraucht Euren Verstand, Agady. Sie hätten nichts unternommen, solange sie nicht genau wussten, wen die Dienerin holen ging. Erst als sie Gewissheit hatten, alles unter den Teppich kehren zu können….“ Ich ließ offen, wie das ausgesehen hätte, Agady würde genug Phantasie haben.

Sie hatte. „Und wo sollten wir nun hingehen?“
Ich legte den Kopf schief. „Zu mir. Dort seid Ihr sicher… während ich den Orden verständige.“
Agady starrte mich an, als hätte sich mein Verstand in die Ewigkeit verabschiedet, sie drückte es jedoch etwas kürzer und einiges deutlicher aus. „…, wollt ihr mir erzählen, die Büttel hätten vergessen, wo die Dienerin Euch abgeholt hat?“
Ich lächelte breit. „Ganz sicher nicht. Der Auftritt war beeindruckend genug… und wir hatten mit Sicherheit ein dankbares Publikum. Wenn ich meine Leute richtig einschätze, wussten die benachbarten Gilden bereits davon, als wir aufbrachen. Und spätestens jetzt sollte auch das Viertel rings um das Anwesen darüber Bescheid wissen, was sich abgespielt hat. Was die Möglichkeiten des Vogtes, die Sache unauffällig zu bereinigen, erheblich einschränkt. Meine Residenz offen anzugreifen, kommt nicht mehr in Frage. Seine Leute würden vermutlich aufgerieben werden, bevor sie das Tor auch nur berühren könnten. Von den nötigen Erklärungen, die das caladanische Herrscherhaus verlangen würde, mal ganz zu schweigen.“
Agady schnaubte missbilligend, drehte sich schließlich um… „Also gut…“

Wir brauchten eine Weile, bis wir einen Teil der Stadt erreicht hatten, den wir wieder erkannten. Nach dem Weg zu fragen, wagten wir nicht, Agady war zu bekannt. Die Gesichter unter unseren Roben verborgen, erreichten wir das Anwesen und ich freute mich insgeheim zu sehen, dass sich auf dem Vorplatz bereits eine dichte Traube von Gildenangehörigen gebildet hatte, die zu beschäftigt war, die Vorfälle ausführlich und leidenschaftlich zu diskutieren, um großartig Notiz von uns zu nehmen. Wir schlüpften unbemerkt durch das Tor.

„Habt Ihr Milch?“ Agady ließ uns gerade so viel Zeit, das Tor leise hinter uns zu schließen. Ein paar Dienerinnen eilten auf uns zu.
Rugi nickte. „In der Küche. Habt Ihr genügend Kräuter, um sie anzureichern?“ Agady grunzte, vermutlich voller Vorfreude auf die kommenden Zeiten. „Wir werden jetzt gehen, Ihr werdet hier sicher sein, Agady. Sollten wir bis zum Abend nicht zurück sein, wird man Mittel und Wege finden, Euch aus der Stadt zu schaffen.“
„Dann kommt gefälligst wieder, ich bin zu alt, um wieder Muttergefühle zu entwickeln. Und jetzt raus mit Euch.“
Ich hob die Brauen, prüfte den Sitz meines Messers und zog meine Robe zurecht. Vor dem Tor hatte der Geräuschpegel mittlerweile zugenommen…
Das erste Stück des Weges bereitete wenig Sorgen, ich kannte das Viertel, die Bewohner kannten uns und eine Verhaftung auf offener Straße hätte mehr Staub aufgewirbelt als eine Kuhherde vor den Stadttoren. Nur lag das Ordenshaus nicht in unserem Viertel, sondern seinem Status angemessen am Großen Platz, direkt gegenüber dem Dienstsitz des Stadtvogtes…

Mit jedem Schritt begann ich mich unwohler zu fühlen. *Langsam, geh schön langsam, Du bist einfach jemand, der seinem Dienst nachgeht.* Ob Rugi sich wohl dasselbe Mantra aufsagte? Sie schritt neben mir her, den Kopf erhoben. Ich wusste nicht, ob es wirkte oder ob man schlicht nicht nach uns suchte, doch wir erreichten den Großen Platz ohne jede Schwierigkeiten. Die Wachen vor dem Tor des Stadtpalastes schenkten uns nicht mehr Aufmerksamkeit als allen anderen und begnügten sich damit, uns wie die übrigen Vorbeigehenden grimmig anzustarren.

Die Minga hatten ihren hiesigen Hauptsitz in einem großen Gebäudekomplex an der Südwestecke des Großen Platzes untergebracht. Hohe Mauern aus Sandstein und Marmor verbargen Innenhöfe, Gärten und Pavillons vor den Blicken Neugieriger. Das große zweiflügelige Tor zum Platz hin wurde nur zu den Sonnenwendtagen geöffnet, wenn Tausende Mütter ihre dreijährigen Töchter den gestrengen Blicken der Zuchtmeisterinnen präsentierten, in der Hoffnung eine zukünftige Minga geboren zu haben. Der eigentliche Eingang lag in einer Nebenstraße und sah deutlich weniger spektakulär aus. Rugi klopfte, wartete, klopfte erneut. Irgendwann öffnete sich die Tür, eine junge Frau in der Kluft einer Dienerin (ähnlich der, die ich bereits an diesem Morgen sah, registrierte ich nebenher) und sah uns freundlich an. „Ihr wünscht…?“ „…die Oberin zu sehen..“ unterbrach sie Rugi in geschäftsmäßigem Ton. Allmählich drängte es mich, die Eingangstür hinter mir geschlossen zu sehen. Man konnte nie wissen, ob es nicht doch irgendeinem Büttel gelang, eins und eins zusammen zu zählen und sich bei dem Anblick von verhüllten Caladanerinnen vor dem Ordenshaus der Minga seinen Teil zu denken. Es mochte unwahrscheinlich sein, aber immerhin war es möglich…

Sie zeigte keine Reaktion, das Lächeln blieb wie festgemeißelt in ihrem hübschen Gesicht. Stattdessen trat sie zurück und ließ uns ein. Ich konnte nicht anders, doch sobald die Tür hinter uns ins Schloss fiel, sah ich mich um. Dieser Ort hatte etwas legendäres, nur wenige Außenstehende überschritten jemals diese Schwelle und die zeigten nur wenig Neigung darüber zu sprechen. Die Eingangshalle spannte sich hell und luftig über die gesamte Höhe, durchbrochen von einer zentralen Wendeltreppe aus hellem Holz. Ein leises Gewirr von Stimmen, Musikfetzen und entfernten Geräuschen durchzog die Luft, sehen konnte ich niemanden. „Ich bleibe hier unten.“ Rugi nahm den Kopfteil der Robe ab und sah die Dienerin an. „Habt Ihr ein Fenster von dem aus man Straße einsehen kann?“ Ohne einen Kommentar trat die junge Frau zu einem Alkoven und schob einen Vorhang ein Stück beiseite. Rugi nickte befriedigt. „Nur für alle Fälle…“
Die Dienerin führte mich die Treppe hinauf, in einem der Gänge erhaschte ich schließlich einen flüchtigen Blick auf eine Gruppe von Kindern, hatte aber nicht die Zeit sie zu  beobachten. Direkt unter der Kuppel bogen wir ab, durchschritten einen Gang, bis sie vor mir eine Tür öffnete. „Bitte wartet hier, Lady Umeno wird in Kürze bei Euch sein.“ Sie deutete mit der Hand in den Raum und verschwand…

Das Zimmer war offensichtlich der Arbeitsplatz der Oberin. Regale mit ledergebundenen Büchern an den Wänden, das Wappen des Ordens über der Tür, ein großer Schreibtisch in der Mitte, ein bequemer Stuhl dahinter und ein paar Sessel davor. Eigentlich nichts außergewöhnliches, schwer nur zu glauben, dass hier eine der einflussreichsten Personen der Stadt, vielleicht sogar des Reiches aufhielt. Ich nahm in einem der Sessel Platz, hob die Kapuze vom Kopf, sah durch das Fenster hinter dem Tisch den Palast des Vogtes... Wer war sie gewesen? War sie das Ziel gewesen oder das Kind? Fragen über Fragen…
Die Tür hinter mir ging auf und wieder zu. Ich zwang mich, sitzen zu bleiben und geradeaus zu sehen, bis sie hinter ihren Schreibtisch trat. Dann stand ich auf und sah meiner ersten lebenden, unverschleierten Minga ins Gesicht.

Umeno war eine Schönheit, daran gab es zu meinem Bedauern keinerlei Zweifel. Groß, schlank, perfekte Proportionen, weißgraues Haar, zu einem losen Zopf geflochten, hellgraue, weit auseinander stehende Augen und ein ebenmäßiges Gesicht, das man stundenlang betrachten konnte. Ich schätzte sie auf einiges älter als Agady (und bei weitem besser erhalten) und nahm im Geiste Wetten an, dass sich einige von meinem Volk in ihre Ahnenreihe verirrt hatten.

« Letzte Änderung: 06. Januar 2012, 17:49:49 von Kerredis »
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Re: Obrigkeiten und Widrigkeiten
« Antwort #4 am: 05. Juni 2008, 15:31:31 »
Wir lächelten uns höflich und salbungsvoll an, während wir die üblichen Verbeugungen austauschten und die obligaten Rituale durchspielten, die die guten Umgangsformen uns beiden vorschrieben. Schließlich setzten wir uns. „Was führt Euch zu uns, Matriarchin?“ Ihre Stimme war seidig und tief, der Tonfall freundlich neutral. Ich senkte den Blick. Was wusste sie? Wie weit konnte ich ihr trauen? Konnte ich das überhaupt? „Es sind traurige Pflichten, die mich hierher führen….“ Ich entschied mich für eine abgespeckte Version der Geschehnisse. Ergänzen konnte ich jederzeit, zurücknehmen war schwieriger… Sie sah mich unbewegt an, die Hände lose gefaltet auf der Tischplatte.

„Gestern Abend wurde Lady Agady zu einer Wöchnerin gerufen…“ Ein kurzes Nicken, nicht überraschend. Zweifellos war ihr Agady ein Begriff. Der Orden mochte seine eigenen Geburtshelfer besitzen, ausgebildet wurden diese jedoch von der Hebammenzunft und ohne Agadys Segen würde sich keine dieser Frauen Hebamme nennen dürfen. „Die Geburt verlief nicht ohne Komplikationen, am Morgen schickte die Wöchnerin ihre Bedienstete um mich zu holen…“ Keine Reaktion. „Ich kam zu spät, um noch irgendwas für die Mutter tun zu können, doch das Kind lebt.“ Ich ließ die Aussage so im Raum stehen, was danach geschehen war, würde ich Umeno vielleicht später sagen, vielleicht.

Sie legte den Kopf leicht zur Seite. „Ich bedaure, doch Keine der Meinen ist in Erwartung, Keine der Meinen wird vermisst.“ Ich zuckte mit den Schultern, legte die Kette mit dem Anhänger auf den Tisch. „Dann verzeiht. Doch solltet Ihr vielleicht dieses Schmuckstück seiner Besitzerin wieder zukommen lassen. Sie mag dessen Verlust möglicherweise nicht mehr einklagen können, doch die Formen sollten zumindest gewahrt werden, meint Ihr nicht auch?“ Zum ersten Mal bemerkte ich eine Regung bei ihr. Sie griff nach dem Anhänger, betrachtete ihn, nahm eine Lupe, studierte ihn genauer. Schließlich läutete sie eine kleine Glocke. Die Tür öffnete sich hinter mir, meine Führerin huschte in den Raum. Umeno schrieb etwas auf ein Blatt Papier, faltete es in der Mitte und übergab es. Die Dienerin verließ schweigend das Zimmer.

Für eine halbe Ewigkeit schwiegen wir uns lächelnd an, die Gedanken eines jeden hinter einer heiteren Fassade verborgen. Irgendwann betrat die junge Frau erneut Umenos Arbeitszimmer und gab den gefalteten Zettel zurück. Umeno las den Inhalt und ihre Augen erwachten zum Leben. Sie legte den Zettel beiseite, stützte ihr Kinn auf ihre Handrücken und betrachtete mich mit einer Mischung aus Neugier und Skepsis. „Wir hatten beide recht“, sagte sie schließlich. „Sie war eine Minga, doch keine der Meinen.“ Ich erwiderte ihren Blick, nicht minder neugierig. „Ihr Name war Temissa.“
Ich schluckte. Es war immer ein seltsames Gefühl, wenn eine Tote auf einmal einen Namen bekam, ein Gesicht, eine Identität, ein Leben… etwas was nun nicht mehr zählte. „Ihr Kontrakt wurde vor einigen Jahren veräußert.“ Ich nickte beklommen. Umeno hob eine ihrer schön geschwungenen Brauen. „Ihr kommt aus Caladan?“ Ich breitete schweigend die Hände aus, die Antwort auf diese Frage war offensichtlich. „Dem Nordosten, der Markgrafschaft Tikore.“ sagte ich schließlich. Sie lehnte sich in ihrem Stuhl zurück. „Das ist nicht weit weg von Ryleh, nicht wahr?“ Ich nickte. Die Ausbildungsstätte der Matriarchinnen war sehr bekannt, ein gewaltiger Komplex, an dem sämtliche Matriarchinnen unterwiesen und geprüft wurden.

Ihre Finger spielten gedankenverloren mit dem Papier, ihr Blick wanderte an meinem Kopf vorbei in die Ecke. „Interessant,“ Sie löste ihre Finger von dem Zettel, presste die Fingerspitzen konzentriert aneinander. „Wirklich interessant. Es würde einiges erklären.“ Diesmal wanderte meine Braue eine Etage höher und Umeno lächelte amüsiert. „Temissas Kontrakt wurde nach Valoret verkauft.“

Valoret! Die Festung, die Markgraf Vance von Tikore vor vielen Jahren zu seiner Hauptstadt ausgebaut hatte. Wie oft war ich mit meiner Familie durch die Gassen geschlendert, hatte am Markt die Erzeugnisse unserer Kräuterfarm angepriesen, die Ritter bestaunt, die tief verschleierten Matriarchinnen bewundernd angestarrt. Es war schon so lange her, Jahrzehnte… lange für einen Menschen und trotz der Langlebigkeit meines Volkes ging diese Zeit auch man mir nicht spurlos vorüber.

Ein wehmütiges Lächeln breitete sich auf meinem Gesicht aus und Umeno neigte den Kopf. „Ich sehe, der Name ruft einige Erinnerungen in Euch wach, Matriarchin.“ Ich schluckte den Kloß in meiner Kehle hinunter. „Wir alle haben eine Vergangenheit, Mylady, auch wenn man es gern vergessen möchte.“
„Ich fürchte, ich werde noch einige weitere Saiten in Euch zum Klingen bringen müssen.“ Ich sah sie fragend an, das ungute Gefühl in meiner Magengegend nahm stetig zu. „Der Klient, der ihren Vertrag kaufte, war Tarian von Kildar.“
Irgendwo in meinem Hinterkopf begann sich etwas zu regen, etwas an diesem Namen kam mir bekannt vor, doch es gelang mir nicht diesen losen Faden zu greifen… Meine Grübeleien mussten meinem Gesicht anzusehen gewesen sein. Umeno nickte, ihre Mundwinkel kräuselten sich ein wenig. „Er kommt Euch bekannt vor, nicht wahr?“ Meine Hände wurden kalt, ich schwieg. „Vielleicht fällt es Euch etwas leichter, wenn ich Euch sage, dass Tarian eigentlich Vierbeiner ist und mit einer Minga nur wenig anfangen kann.“

Meine Kehle wurde trocken, ich konnte regelrecht fühlen, wie ich blass wurde. „Antyr? Antyr von Kildar?“ Meine Stimme brach. Umeno nickte und das Blut in meinem Kopf begann wie ein Wasserfall zu dröhnen und zu rauschen….
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Re: Obrigkeiten und Widrigkeiten
« Antwort #5 am: 06. Juni 2008, 12:14:07 »
Das Brausen wurde langsam weniger, das Gefühl in meinem Körper kehrte allmählich zurück. Ich fühlte etwas Kaltes in meiner Handfläche und etwas Warmes an der Außenseite meiner Hand. Ich öffnete meine blicklosen Augen, schloss und öffnete sie erneut. Umeno hockte neben der Lehne meines Sessels und drückte mit besorgtem Gesichtsausdruck meine linke Hand um ein Glas Wasser. „Ich bitte um Verzeihung. Ich wusste nicht…“ Ich versuchte abzuwinken, es wurde ein mattes Wedeln mit der Rechten. „Einen… einen Moment…“ Sie nickte… „Nehmt Euch die Zeit, die Ihr braucht…“

Sie vergewisserte sich, dass ich das Glas nicht mehr fallen lassen würde, erhob sich und trat zurück. Ich fuhr fort, in mein Glas zu starren und meinen Gedanken freien Lauf zu lassen…
Antyr von Kildar, der wohl berühmteste Traumseher, der je gelebt hatte… und noch immer lebte, wie ich jetzt wohl annehmen durfte. Personen, die in Träume Anderer einsteigen und sich darin bewegen konnten, hatten schon immer ein gewisses Ansehen gehabt, oder eher ein sehr spezielles. Die Meinungen gingen weit auseinander, zwischen Verehrung, Anbetung, Faszination, Ablehnung, Furcht, Verfolgung und Hass war alles möglich, wobei letztes überwog. Eines natürlichen Todes oder gar friedlich zu sterben, war kaum einem von ihnen vergönnt gewesen, die Meisten waren unschönen Unfällen oder Anschlägen zum Opfer gefallen. Genauer gesagt, alle… alle bis auf Antyr.
Er war bereits eine Legende gewesen, als ich auf kurzen unsicheren Beinchen durch die Auen stolperte und andächtig den Worten meines Großvaters lauschte, der die alten Mythen vor mir lebendig werden ließ. Er würde an den Höfen dieser Welt ein und ausgehen, so hieß es, hätte das Ohr unzähliger Herrscher und Gelehrter. Die Liste der Kriege, die er verhindert und der Verschwörungen, die er aufgedeckt hatte, war mindestens ebenso lang wie die Liste der Anschläge, denen er entgangen war. Und dennoch wusste niemand zu sagen, wie er aussah oder wo sich seine Heimstatt befand. Es gab reichlich Wortführer, die Stein und Bein schworen, ihn gesehen zu haben oder gar mit ihm befreundet zu sein, doch wenn man auch nur der Hälfte von ihnen glauben schenkte, war Antyr ein Wesen, dass an einem Dutzend Orte gleichzeitig auftauchen konnte…

Doch langsam erhielt dieser Mythos eine feste Form, etwas Reales, wenn man so wollte. Ich trank einen Schluck, argwöhnisch und besorgt beobachtet von Umeno, lächelte schief. „Tarian…“ Ich brachte den Satz nicht zu Ende, Umeno verstand mich dennoch. „Wir hielten dieses Pseudonym damals für recht … passend.“ Ich nickte schwach. Der Sage nach wurden alle Traumseher von einem Tier begleitet, über die Gründe gab es nur wilde Spekulationen. Antyrs Begleiter war ein grauer Wolf… Tarian…

„Geht es Euch besser?“ Umenos Stimme klang etwas energischer. Ich trank das Wasser aus, lehnte mich zurück und sah sie an. „Danke ja, ich muss um Entschuldigung bitten, die Dinge laufen gerade in eine Richtung, die mir nicht gefällt, nein, ganz und gar nicht.“ „Dann solltet Ihr eure Geschichte um die Teile ergänzen, die Ihr vorhin nicht erwähntet, Matriarchin.“ Umeno klang nicht verärgert, eher amüsiert. Vermutlich, weil sie in meiner Situation dasselbe getan hätte.
Und für die nächste halbe Stunde tat ich genau das.

Als ich geendet hatte, war es erst einmal still. Die Uhr an der Wand tickte sacht hinter mir und ich konnte das metallene Pendel leicht quietschen hören. Umeno presste die Fingerspitzen aneinander und sah mich konzentriert an.

„Das ändert die Lage beträchtlich…“ sagte sie schließlich und ich hatte dem nicht viel hinzuzufügen. „Agady sagte, der Voigt sei der Vater?“
Ich nickte.
„Aber Ihr wisst nicht, woher sie diese Information hatte?“
Kopfschütteln meinerseits.
 „Temissa verschwand zu Beginn des Jahres.“ Umeno legte den Kopf auf die Seite und ich begann im Geist zu rechnen.
„Das Kind war weder eine Frühgeburt noch ein Siebenmonatskind.“ erklärte ich schließlich. „Davon ist auszugehen.“ Umeno nickte, scheinbar hatte sie damit gerechnet. Ich spann den Gedanken weiter. „Antyr ist möglicherweise von meinem Volk…“ Umeno schwieg dazu. „Temissa war es nicht. Wonach es also logisch ist anzunehmen, dass der Eigentümer des Kontraktes auch der Vater des Kindes ist.“ Ein weiteres Nicken. Der Gedanke, der sich daran anschloss, war schwerwiegend genug. Und wieder schwiegen wir beide für einige Minuten. Das Kind eines Traumsehers und einer Minga… dieser Gedanke würde bei jedem Sklavenhändler für Ohrensausen und Herzrasen sorgen.

„Wo ist das Kind?“ Umenos Frage kam unvermittelt. „In meiner Residenz, Agady ist bei ihm.“ antwortete ich. „Es schien mir der sicherste Platz zu sein. Caladan duldet keine Eindringlinge.“ Umeno nickte. „Eine berechtigte Annahme. Der Vogt sollte sich eigentlich hüten, etwas zu unternehmen, das Eurer Volk erzürnen würde.“ Dieser Aussage konnte ich an sich nur zustimmen, doch der Unterton ihrer Worte machte mich neugierig. „Er hat bereits etwas unternommen.“ erinnerte ich sie vorsichtig an den Vorfall vor meinem Haus. „Eben dies beunruhigt mich.“ Umeno erhob sich. „Wir wissen nichts Verbindliches, doch die Gerüchte sagen seine Gemahlin sei schwanger….“ Und damit brach der nächste Schock über mich herein… 

„Das passt nicht zusammen!“ brach es aus mir heraus. Umeno schwieg und ich beließ es dabei sie verwirrt anzustarren. Der ganze Tag bestand nur aus Ungereimtheiten, losen Fäden und undurchsichtigen Verwicklungen. Ich fragte nicht nach ihrer Quelle, noch zweifelte ich den Wahrheitsgehalt an. Allein die Tatsache, dass sie es mir mitgeteilt hatte, sagte mir, dass sich dieses Gerücht in Bälde auch in der Stadt verbreiten würde. Dass sie meine Meinung hinsichtlich der Sicherheit des Babys teilte, beruhigte mich nur wenig.

„Agady wird das Haus bald verlassen müssen.“ Umeno hatte die Hand wieder nach der kleinen Glocke ausgestreckt. „Und Ihr werdet vermutlich auch nicht die Möglichkeiten haben, Euch um das Kind zu kümmern.“ Ich nickte. Sicher, ich konnte meine Landsleute fragen, doch wie sollte ich die Herkunft des Säuglings erklären. Selbst wenn mir eine gute Geschichte einfiel, es würde Gerede geben. Sie läutete, die junge Frau erschien, empfing ein paar leise gemurmelte Anweisungen und huschte hinaus. „Ich denke da an einen kleinen Austausch.“ „Austausch?“ ich sah sie fragend an. „Wartet es ab. Ich denke, es wird Euch gefallen. In der Zwischenzeit werden wir Antyr verständigen, was hier geschehen ist.“ Ich schluckte. „Wir werden über die weiteren Schritte nachdenken, wenn wir seine Antwort haben.“ Sie ging zur Tür, öffnete sie und ich stand auf.

Gemeinsam gingen wir zur Haupttreppe, stiegen sie hinunter. In der Halle, gegenüber der Tür, stand halb abgewandt eine vertraute Gestalt in der Robe der Hebammenzunft.
„Verflucht, Agady!“ Ich brach ab, als sich die Gestalt vollends zu mir umdrehte und japste verblüfft auf. Umeno gluckste amüsiert. „Darf ich Euch mit Hulda bekannt machen, Matriarchin?“ Rugi sah nach unten, einer ihrer Mundwinkel zuckte leicht; für mich ein deutliches Zeichen, dass auch sie bereits darauf hereingefallen war. Die Frau lächelte mich an, sie hatte annähernd die gleiche Statur wie Agady, das Profil war ähnlich genug, um flüchtige Blicke zu täuschen. Sie trat einen Schritt beiseite und griff nach dem großen Korb neben ihr. „Kleidung, Windeln, Kräuter zum Anreichern von Milch und noch einiges mehr.“ Umeno nickte und verbeugte sich kurz zum Abschied vor ihr, bevor sie das Haus verließ. „Geht über den Kräutermarkt zurück. Hulda wird Euch dort ansprechen und Euch begleiten. An Ihrer Stelle kann Agady das Haus wieder verlassen und keiner wird bemerken, dass es sich nicht um dieselbe Person handelt.“ „Elegant…“ Ich begriff. Jeder würde sehen, das Agady mit mir zum Anwesen ging und jeder würde sie auch wieder herauskommen sehen, ein ganz normaler Vorgang um diese Zeit. „Und dann? Man hat sie zweifelsohne gesehen, als sie gerufen wurde.“ „Sie soll hierher kommen. Wir garantieren für ihre Sicherheit. Sobald wir mehr wissen, werden wir Euch verständigen.“ Umeno öffnete die Tür und ich war entlassen.
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Re: Obrigkeiten und Widrigkeiten
« Antwort #6 am: 09. Juni 2008, 17:22:17 »
Wir warteten noch einige Minuten, dann traten auch wir vor die Tür. Eine der Dienerinnen folgte uns und begann sich lautstark für den Besuch und die guten Beziehungen zu den caladanischen Handwerkern zu bedanken, die doch gerade in dieser Zeit so willkommen seien. Umeno dachte mit… aus meinem Besuch ein Geheimnis machen zu wollen, hätte nur zu Fragen geführt. Ich erwiderte die Verabschiedung mit einem huldvollen Lächeln, dann machten wir uns auf den Rückweg, strikt bemüht, nicht über die letzten Stunden nachzudenken.

Hulda würde uns vermutlich auf dem Kräutermarkt erwarten, irgendwann… wir sollten also tunlichst den Anschein erwecken, noch ein paar Besorgungen machen zu wollen. Das ich ein Faible für Märkte hatte war ein offenes Geheimnis, ich liebte die Geräusche, die Gerüche und das Gefühl ein überraschendes Schnäppchen gemacht zu haben. Beim Papierhändler erstand ich einige Rollen frischen Pergaments, der Tuchmacher erhielt einen Auftrag, ein paar Proben seines Könnens bei der Schneidergilde vorbei zu bringen um einige Schleier zu ersetzen. Als ich einen Buchstand entdeckte, konnte mich Rugi gerade noch vorbeizerren… Schließlich langten wir auf dem Kräutermarkt an.
Auf den ersten Blick konnte ich sie nicht sehen, sie zu suchen, konnten wir uns nicht leisten. So schritten wir durch die Reihen, suchten mal hier nach frischer Ware, schnüffelten an einigen Pulvern, kauften einige Säckchen getrockneter Blumen und wechselten einige Worte mit den Händlern. Die meisten kannten wir schon eine Weile und so wurde über Ernten, verzögerte Lieferungen, die hohen Preise, die ungeschickten Lieferanten und all die anderen Unbillen eines Händlerlebens geklagt. Irgendwann konnte ich hinter meinem Rücken die Stimme hören, auf die ich gewartet hatte.

„Was soll das heißen, Ihr habt keinen Klettwurz! Die Ernte sollte längst beendet sein und Ihr wisst verteufelt noch mal, wie dringend ich das brauche!“ Eine Männerstimme versuchte einige Entschuldigungen über schlechtes Wetter und Hochwasser anzubringen, die die Ernte und Anlieferung verzögert hatten… und wurde gnadenlos zum Schweigen gebracht. Ich schmunzelte innerlich und vermutlich tat Rugi unter ihrer Robe dasselbe. „Sie ist gut.“ raunte sie mir leise in unserer Muttersprache zu. „Begnadet…“ pflichtete ich ihr bei. „Warten wir noch ein paar Minuten, dann mischst Du Dich ein.“
Agady brauchte Klettwurz als wehenhemmendes Mittel und würde ganz besonders in dieser Zeit keine Lieferschwierigkeiten tolerieren. Jeder Kräuterhändler wusste dies, würde aber gewiss nicht so mutig sein, sie zu fragen, warum sie sich nicht beizeiten mit einem Vorrat eingedeckt hatte.

Wir ließen den armen Mann noch etwas schmoren, doch als selbst mein Gesprächspartner mit mitleidsvoller Miene der Demontage seines Kollegen zusah, wandte sich Rugi schließlich um und trat an die beiden heran. „Dürfen wir behilflich sein?“
Agady sah sich um, knurrte unwirsch. „Dieser…“  Sie suchte nach Worten und wedelte stattdessen mit der Hand in Richtung des Mannes, der sich wohl schon am liebsten unter der Bank versteckt hätte. „.. hat kein Klettwurz und nur die Götter wissen, was ich stattdessen nehmen soll.“ Rugi breitete begütigend die Arme aus… „Wann erwartet Ihr die Lieferung?“ „In zwei bis drei Tagen…“ Der Händler wirkte sichtlich erleichtert.
„Nun,…“ Sie drehte sich zu mir um, wartete mein Nicken ab  und wandte sich wieder an Agady. „..wir verwenden Klettwurz gewöhnlich als einen beruhigenden Aufguss, wir sollten noch einen kleinen Vorrat haben. Es wäre uns eine Freude, ihn Euch zur Verfügung zu stellen, bis die neue Ernte eingetroffen ist.“ Eifriges Nicken von Seiten des Händlers begleitete Rugis Worte. „Agady“ knurrte nur und nickte schließlich. „Ich danke Euch, Matriarchin. Darf ich Euch begleiten? Dann kann ich es gleich mitnehmen.“ Ich nickte „Gewiss.“ Sie nahm ihren Korb auf, ging ein paar Schritte voraus und ich verabschiedete mich von den Händlern. Nach eins, zwei Metern drehte sie sich noch einmal zu dem Händler um. „Über den Preis reden wir noch!“ Dann verließen wir den Markt.

Es war schwierig für uns alle, nicht aus der Rolle zu fallen, doch es achteten nur Wenige auf uns und die beschränkten sich auf die normalen Grußworte. Eine halbe Stunde später erreichten wir das Anwesen und betraten es offen und ohne Heimlichkeiten durch das Haupttor. Kaum hatten sich die Flügel hinter uns geschlossen, huschte Hulda nach oben. Kurz darauf schallte ein Ausruf des Erstaunens durch die Halle, gefolgt von dröhnendem Gelächter. Agady hatte ihre Doppelgängerin kennen gelernt.
Als sich beide wieder in der Halle einfanden, schilderte ich das Gespräch mit Umeno. Agady runzelte die Stirn, als ich zu dem Teil mit der möglichen Schwangerschaft der Vögtin kam. „Das wäre mir neu.“ erklärte sie schließlich und das ungute Gefühl in meiner Magengegend setzte wieder ein. „Meint Ihr, sie wollte das Kind austauschen?“ fragte ich schließlich. Dreimal Stirnrunzeln antwortete mir. „Es wäre möglich…“ fuhr ich fort. „Wäre ihnen die Mutter nicht entkommen, hätte man Agady irgendwann in den Palast gerufen, still und heimlich zum Schweigen gebracht, ebenso wie die Kindsmutter und andre missliebige Mitwisser. Niemand hätte davon erfahren, niemand hätte Verdacht geschöpft und der Vogt hätte endlich einen Erben, der seine ehrgeizigen Ambitionen in die Tat umsetzen könnte.“ Agady rieb sich die Stirn. „Das gefällt mir nicht. Das gefällt mir immer weniger. Ich werde die Ohren offen halten. Vielleicht erfahre ich noch etwas.“

Der Austausch verlief unspektakulär. Hulda entlud ihren Korb, ich ließ unseren Klettwurzvorrat in der Küche in einen Beutel füllen und übergab ihn Agady, die von Hulda ins Bild gesetzt wurde. Agady warf ihren Umhang über, ergriff den Korb, gab Hulda die letzten Instruktionen und ging zur Tür. „Wie geht es jetzt weiter?“
„Ihr geht ganz normal heim, das Mutterhaus hat bereits verbreitet, dass man Euch hochgradig dankbar sei, eine schwere Mondblutung bei einer Schülerin glimpflich beendet zu haben und man Euch für die zwei Tage, die Ihr an ihrem Lager verbracht habt, fürstlich entlohnen werde.“ Hulda lächelte und Agady grinste wölfisch… „Ihr solltet nicht vergessen, in einigen Tagen bei dem Händler vorbei zu schauen und nach den neuen Preisen für Klettwurz zu fragen.“ Agadys Grinsen wurde breiter… „Das werde ich.“ Sie wurde wieder ernst. „Passt bloß auf Euch auf, das war nicht das Ende. Das Donnerwetter hat gerade erst begonnen.“
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Re: Obrigkeiten und Widrigkeiten
« Antwort #7 am: 24. Juni 2008, 15:44:47 »
Die nächsten Tage verliefen ruhig... täuschend ruhig. Der Kleine war ein friedlicher Zeitgenosse, der selten schrie und die meiste Zeit verschlief. Hulda ließ sich nicht draußen sehen und mir wurden die Kräuter zum Anreichern der Milch ab and zu im Verborgenen zugesteckt. Von wem, sah ich fast nie, nur die Silhouette ließ sich erkennen und entsprechend interpretieren. Agady hatte wie besprochen den Händler noch einmal auf- oder heimgesucht (die Meinungen zu diesem Thema drifteten etwas auseinander) und einen ordentlichen Vorrat an Klettwurz erstanden, der bisher jedoch, soweit ich gehört hatte, nicht zum Einsatz gekommen war.
Niemand hatte, soweit ich den Gesprächen entnehmen konnte, Fragen gestellt und es tauchten keine Wachen mehr auf. Ich ging meinen regulären Pflichten nach, ständig über die Schulter schauend, doch nichts geschah. Keiner folgte mir und jedes Mal, wenn ich zurückkehrte, fand ich alles friedlich und unversehrt vor. Nach einer Woche konnte man fast das Gefühl bekommen, nichts wäre geschehen.

Dann begannen die turbulenteren Tage.
Der Winter war hart und die Nächte lang und kalt gewesen. Das hatte dazu geführt, dass die Zahl der Jungfrauen stark ab- und die der werdenden Mütter deutlich zugenommen hatte. Als Konsequenz kam es nun zu einem rasanten Anstieg an Hochzeiten und Geburten… Ereignisse, denen ich beizuwohnen hatte. Das Thema Hochzeiten war ja an und für sich erfreulich. Begeisterte Leute, gutes Essen, gepflegte Unterhaltung, doch allmählich begann mich das caladanische Ritual der Namensgebung zu verärgern. Die Tradition verlangte, dass die Vergabe eines Namens an einen Säugling durch die Matriarchin bestätigt wurde, da die Legitimität eines Nachkommens daran gebunden war. Und das musste perfider Weise unmittelbar nach der Geburt erfolgen. Auch wenn von Rugi die Weisung ausgegeben worden war, mich erst zu rufen, wenn von der Hebamme die berühmten Worte kamen: *Gleich ist es soweit* verbrachte ich lange Nächte wartend in Vorräumen zu Schlafzimmern.
Nach der zweiten Woche begann ich den Anblick von Kissen als persönliche Beleidigung zu empfinden und hatte das Gefühl, meine Augenringe seien tiefer als die Gräben an der Stadtmauer. Rugi übernahm einen Teil meiner täglichen Pflichten und hatte sich überzeugen lassen, mich nicht mehr auf meinen nächtlichen Ausflügen zu begleiten. Stattdessen eskortierten mich zwei bullige Wächter der Juweliergilde des Nachts durch die Straßen.

 -------------

Es war dunkel, als ich wieder zu mir kam. Wann war ich ins Bett gekommen? Wo war ich zuletzt gewesen? Ich wusste es nicht. Die letzte Erinnerung, die ich hatte, war die Legitimation von Martoks Tochter Rishara, danach wurde es trübe in meinem Gedächtnis. Ich beschloss noch ein wenig darüber zu schlafen, doch ein gellendes Schreien drängte sich mehr und mehr in mein Bewusstsein, wurde allmählich lauter und störender. Ich versuchte die Augen zu öffnen, doch meine Lider hoben sich nicht. Urwirsch versuchte ich mir den Schlaf aus den Augen zu reiben, doch meine Hände gelangten nicht bis zu meinem Gesicht.

Allmählich begann ich mich unwohl in meiner Haut zu fühlen. Was war geschehen? Ich schien mich nicht mehr bewegen zu können und irgendwer schrie noch immer schmerzerfüllt zum Steinerweichen. Ich öffnete den Mund, um nach Rugi zu rufen, dann begriff ich auf einmal. Die Stimme, die ich schreien hörte, war meine eigene. Die Frage Agadys, wann das Donnerwetter über uns hereinbrechen würde, war beantwortet worden.

Jetzt.
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Re: Obrigkeiten und Widrigkeiten
« Antwort #8 am: 25. Juni 2008, 22:38:53 »
„Oh ha, Silberköpfchen. Dich haben sie ja mächtig beim Wickel gehabt.“ Die Stimme hallte in meinen Ohren wider wie Paukenschläge. Nur allmählich begann ich unter meinen schmerzenden Knochen feuchtes Stroh und kaltes Mauerwerk zu fühlen. Sehen konnte ich nichts, meine Augen waren zugeschwollen und würden es vermutlich noch eine ganze Weile bleiben. Doch ich musste nicht sehen, wo ich mich befand, der Geruch und die gedämpften Geräusche sprachen für sich. Zwei große Hände fassten mich unter den Achseln, zogen mich und lehnten mich schließlich vorsichtig gegen eine Wand. Eine Schale wurde an meine Lippen gehalten, man flößte mir etwas Flüssiges ein und die Welt versank erneut.

Aufwachen, wegdämmern, aufwachen… die Zeit folgte noch eine ganze Weile diesem Rhythmus. Aus den Löchern hoch in der Wand drang dämmeriges Licht und vereinzelt ein Schwall salziger Meeresluft, der mich unangenehm daran erinnerte, wie Ekel erregend mein neues Zuhause stank. Irgendwann begriff ich, dass ich mich im alten Hafenkastell befand, einem Ort an dem die nicht so ganz alltäglichen Gefangenen untergebracht wurden, wenn man so wollte. Die beiden hünenhafte Frauen aus den Nordländern, mit denen ich die Zelle teilte, flößten mir hin und wieder Wasser und schalen Brei ein, ließen mich aber die meiste Zeit einfach liegen.
Schließlich war ich selbst wieder kräftig genug um mich aufzusetzen, an die Wand zu lehnen und mir Gedanken zu machen. Nein, mittlerweile glaubte ich nicht mehr, dass man das Baby gefunden hatte. Wäre dem so, hätte man sich meiner elegant entledigt, natürlich ohne das man Hand an mich gelegt hätte. Man hätte mich vermutlich einfach verdursten lassen und wäre mich losgeworden, ohne den direkten Zorn meines Volkes auf sich zu lenken.

Tjordis und ihre Freundin Hrotgund kamen aus dem Norden und gehörten, so erfuhr ich nach einer Weile, als Schankmädchen zu einer Taverne, der vor einigen Wochen im Hafenviertel ihre Tore und Fässer geöffnet hatte. In diesem Wirtshaus hatte es wohl Unstimmigkeiten bei der Zuordnung hinsichtlich einiger Dienstleistungen gegeben, die in einer Prügelei geendet hatte. Ich war darüber nicht wirklich überrascht, stellte jedoch mir und ihnen die Frage, was sie dann hier in diesem Verlies zu suchen hatten. Normalerweise zahlten die Nordmänner eine deftige Strafe für diese Dinge (die Frauen wohl vermutlich auch) und wurden nach der Ausnüchterung wieder entlassen. Sie waren rauflustig und trinkfreudig, doch sie ließen meist reichlich klingende Münze zurück. Meist mehr als genug, um alle Schäden bis zum nächsten Besuch zu beseitigen und die Fässer zu füllen. Welchen Grund gab es also, sie hier einzukerkern? So fragte ich mich und schließlich auch sie.

Es stellte sich schließlich heraus, dass Hrotgund einen Krug auf dem Kopf ihres Gegners zu zerschlagen versucht hatte. Dumm war nur, dass es sich dabei um einen Steinkrug gehandelt hatte, der dabei relativ wenig Schaden genommen hatte. Im Gegensatz zum Schädel des Anderen. „Der Krug gehörte dem Wirt.“ stellte Hrotgund klar. „Ähm, der Schädel auch…“ fiel Tjordis beflissen ein und Hrotgund zuckte verlegen zusammen. Ich grunzte unfreiwillig amüsiert.  „Und was hast Du ausgefressen, Silberköpfchen?“ Obwohl ich den beiden mittlerweile meinen Namen genannt hatte, schienen beide sich auf diese Anrede verständigt zu haben und ließen sich leider nicht mehr davon abbringen.

„Ich habe…“ Abrupt brach ich ab. Ich war gerade drauf und dran gewesen, beiden zu erzählen, was geschehen war… zwei wildfremden Personen, die ich kaum kannte und denen ich nicht trauen konnte oder durfte. *Denk dran* warnte meine innere Stimme *man hat dir keine Fragen gestellt, sondern dich lediglich misshandelt. Und nun sitzt du hier mit zwei Samariterinnen in einer Zelle, soll das wirklich Zufall sein?*
„… keine Ahnung…“fuhr ich mit zittriger Stimme fort. „Ich bin ein Caladanerin.“ „Caladnerin?“ Hrotgund sah sich um. „Kenn ich nicht… wassn das für ein Volk?“ Tjordis schubste sie sacht. „Meine Schwester kennt sie… sie is mit nem Gildenhandwerker verheiratet.“ Sie wirkte regelrecht stolz. „Kaltes Blut, aber geschickte Hände.“ Es klang wie damals, als die alte Metzgerin auf dem Marktplatz ihre sicht auf mein Volk verkündet hatte. Wie lange war das her? Würde Nadji mich vermissen? Wie ging es Rugi, Hulda und Agady?
Sie sah mich an. „Scheinbar hatten Deine Leute keine Zeit, auf Dich Acht zu geben, sonst wärste wohl nich hier.“ Ich konnte es nicht wirklich abstreiten, doch vielleicht erkaufte meine Gefangenschaft Hulda und dem Säugling die nötige Zeit.
« Letzte Änderung: 25. Juni 2008, 22:40:50 von Kerredis »
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Re: Obrigkeiten und Widrigkeiten
« Antwort #9 am: 26. Juni 2008, 16:29:27 »
Ich flüchtete mich in meine Träume. Was blieb mir sonst? Man holte mich noch einige Male… wie viele Tage dazwischen lagen, konnte ich nicht einmal mehr raten, ich verbrachte sie ohnehin im Dämmerzustand.
Niemand stellte mir Fragen, man begnügte sich damit, mich nach allen Regeln der Kunst zu verprügeln. Die beiden Männer in Rüstung und schwarzen Umhängen führten mich hin und schleiften mich anschließend wieder zurück, ohne einen Ton zu sagen. Tjordis und Hrotgund nahmen mich jedes Mal in Empfang und die mitleidigen Blicke, mit denen beide mich bedachten, schmerzten fast mehr als meine geprellten Knochen. Also floh ich auf diese Weise aus meiner Zelle, aus der Wirklichkeit.
Ich wanderte durch die Straßen, über die Plätze, hielt an den Märkten, schlenderte durch die Parks. Ab und an kam ich meinem Anwesen sehr nahe, ich konnte fast Rugis Stimme hören. Mit der Hand an der Mauer wanderte ich langsam in Richtung Haupttor, doch immer wenn ich es fast erreicht hatte, zog es mich in eine andere Richtung davon, als sei es irgendwie nicht richtig, dieses Tor zu durchschreiten. Es gab ohnehin genügend andere Plätze in der Stadt, die mich ebenso zu fesseln verstanden.

Doch heute war es anders. Der Himmel über mir war grau und bleiern und alle Anstrengung meinerseits vermochte die Sonne nicht hervor zu locken. Ich stand am alten Hafen und sah auf ein schmutziges Meer, etwas weiter draußen das Hafenkastell. Ich konnte die winzigen Schlitze im Mauerwerk sehen, fast glaubte ich auch meine Zelle erkennen zu können. Nein, ich wollte nicht hier sein. Nein, ich wollte dieses Gebäude nicht sehen. Ich wandte mich ab und ging langsam in Richtung Innenstadt. Wonach stand mir heute der Sinn? Das Gildenviertel? Oder vielleicht doch besser der Tempelbezirk? Doch wohin ich auch ging, irgendwie landete ich immer wieder an dem Ort, an dem meine Wanderung begann und immer wieder starrte ich auf mein Gefängnis. Irgendwann begann ich vor Wut und Verzweiflung zu weinen und rannte durch die Gassen. Schließlich warf ich mich in eine Toreinfahrt und barg mein Gesicht in den Händen. Wenn mir nicht einmal mehr diese Welt blieb, was sollte ich dann tun?

Ich schrak hoch als etwas feuchtes mein Fußgelenk berührte und blickte in zwei gelb leuchtende Augen. Vor mir saß ein grauer Wolf und starrte mich mit heraushängender Zunge an. Für einen Sekundenbruchteil starrte ich zurück. Dann schob sich eine Hand vor meinen Mund, mein Kopf wurde herumgedreht und ich sah in das von grau-schwarzem Haar umgebene Gesicht eines Mannes.
„Nicht schreien.“
„Hmmmppff..“
„Nicht…“ Antyr schüttelte den Kopf. „Sagt nichts. Ihr könntet im Schlaf sprechen und ich möchte nicht, dass Ihr euch verratet.“
Er zog seine Hand zurück und ich lehnte den Kopf an die Mauer.
„Wie..?“ flüsterte ich schließlich.
„Man fand vor drei Wochen die Leichen der beiden Wachen. Eure Adjutantin hat Euren Sleen nach Euch suchen lassen, doch die Spuren verloren sich an einem Pier. Daraufhin hat sie mit dem Orden Kontakt aufgenommen. Seitdem sind sie nach Euch auf der Suche gewesen.“

Ich nickte erleichtert. Rugi war am Leben. Doch was war mit den Anderen? Ich starrte Antyr an ohne etwas zu sagen. Er lächelte schief. „Hulda und Agady geht es gut… und auch meinem Sohn. Dank Euch.“ Er erhob sich und streckte mir seine Hand entgegen. Ich ergriff sie, zog mich daran hoch.

„Zeigt mir Eure Zelle.“ Ich sah ihn verblüfft an. „Vertraut mir, Ihr könnt es.“ Langsam gingen wir zum Hafen zurück. Das Hafenkastell ragte drohend vor uns auf und schien immer näher zu kommen.
„Versucht es. Könnt Ihr die Sonne von Eurer Zelle aus sehen?“ Ich schüttelte den Kopf.
„Dringt bei Euch Wasser ein?“ Ein weiteres Kopfschütteln.
„Gut, dann seid Ihr über der Wasseroberfläche. Könnt Ihr das Meer hören oder sehen?“ Ich nickte.
„Das heißt Nordseite auf der ersten oder zweiten Ebene….“ Antyr nickte befriedigt, dann nahm er mich an den Schultern. Er war schlank, ein wenig größer als ich und zum ersten Mal konnte ich sein Gesicht richtig erkennen. Vermutlich hatte er tatsächlich caldanische Vorfahren gehabt, doch floss wohl auch menschliches Blut in seinen Adern. Er wirkte überraschend unspektakulär, aber vermutlich gab man sich immer Illusionen über das äußere Erscheinungsbild einer Legende hin. Sympathische graue Augen mit Fältchen in den Winkeln musterten mich durchdringend. „Gebt nicht auf und versucht zu Kräften zu kommen. Jetzt da man Euch gefunden hat, wird es nicht mehr lange dauern Euch zu befreien. Doch vertraut niemandem.“ Wir sahen eine Weile versonnen auf das Meer hinaus. Ich hätte ihn gern so vieles gefragt, mein Herz schlug noch immer bis zum Hals, doch dies würde warten müssen. Als ich mich irgendwann zu ihm umsah, war Antyr verschwunden.
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Re: Obrigkeiten und Widrigkeiten
« Antwort #10 am: 16. Juli 2008, 14:34:25 »
Ich erwachte schweißgebadet und sehr sehr verwirrt.

War es ein Traum gewesen? Ja, natürlich war es das.
Aber war dies wirklich Antyr gewesen, der tatsächliche Antyr, der sich da in meinem Traum bewegt hatte? Wie war er hineingekommen? Oder war das nur ein Produkt meiner Phantasie gewesen um meine Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit zu lindern.
Es gab nur eine Möglichkeit um das herauszufinden und ich wusste, dass ich nicht gut darin war. Abwarten…

Doch andererseits musste ich wirklich zu Kräften kommen. Selbst wenn man mich befreien würde, wollte ich auf gar keinen Fall, dass man mich aus meiner Zelle heraustragen müsste. So begann ich mich über meine Portionen faden Breis herzumachen, bis Tjordis und Hrotgund zu lästern begannen, dass die caladanische Küche ja wirklich schlimm sein müsse. Ich ignorierte die Sticheleien. Auf wackligen Beinen torkelte ich von Wand zu Wand bis meine Knie unter mir nachgaben, dann ruhte ich mich aus und begann von neuem. Die Nächte verbrachte ich traumlos, vermutlich durch die Anstrengungen des Tages. Doch je mehr die Zeit verstrich, ohne das etwas geschah desto mehr sank meine Hoffnung.

In der Neumondnacht heulte der erste Herbststurm um das Gemäuer. Ich hatte das Gefühl bereits stundenlang wach gelegen zu haben, neidische Blicke auf meine Zellengenossinnen werfend, die friedlich vor sich hin schlummerten. Leise quietschend wurde die Zellentür geöffnet, der Gang dahinter war dunkel. Ich setzte mich auf, das Schlimmste erwartend. Nein, dies war nicht die Zeit für Brei oder Wasser und die anderen Besuche hatten üblere Gründe. Als sich eine Gestalt aus dem Dunkel schälte, schlug ich mir beide Hände vor den Mund.

Antyr sah sich um, ein schiefes Grinsen im Gesicht. „Hier wohnt Ihr also. Schöne Mauern, nette Einrichtung...“
„Hmphhh?!?“ Ich hielt mir noch immer die Hände vor den Mund. Nun wusste ich, dass ich schlief. Antyr sah mich an, die Falten um seine Augen vertieften sich etwas. „Ich sollte Frauen immer Komplimente machen. Zumindest hat das Temissa immer ge…“ Er brach mitten im Wort ab und ich sah zu Boden. Über meiner unangenehmen Lage hatte ich seinen Verlust gänzlich vergessen und auch er hatte wohl noch keine Zeit gefunden, seine Frau zu betrauern. Für eine Weile herrschte Stille, ich nahm meine Hände herunter.
„Es tut mir leid.“ flüsterte ich und Antyr nickte.

„In wenigen Minuten wird eine Wache hierher kommen und diese Tür öffnen. Er wird ein paar Kleidungsstücke dabei haben. Zieht sie an und folgt ihm. Er wird Euch in Richtung Küche führen. Sprecht ihn nicht an, fasst ihn nicht an und betet, dass auch kein Anderer es tut. Von der Küche aus müsst Ihr es allein schaffen. Es gibt dort irgendwo eine Verbindungsbrücke zum Festland, über die das Essen und das Trinkwasser für die Wachen angeliefert werden. Die müsst Ihr finden. Wir erwarten Euch draußen.“ Er sah zur Tür. „Und jetzt solltet Ihr besser aufwachen.“ 

Ich fuhr hoch. Dieses Mal stellte ich meinen Traum nicht in Frage. So perfide konnte mein Unterbewusstsein einfach nicht sein. Mein Herz schlug bis zum Hals als ich mich aufsetzte und die Hände um meine Knie schlang. Bange Minuten vergingen. Tjordis und Hrotgund schliefen, sollte ich sie wecken und gemeinsam fliehen? Ich verdankte ihnen einiges, schließlich hätten sie mich auch einfach meinem Schicksal überlassen können. Andererseits hatte Antyr mich gewarnt, ich möge niemandem trauen.

Als sich die Tür aufschob, wiederholte sich die Szene aus meinem Traum bis ins Detail. Eine Gestalt stand in dem dunkeln Gang, ich schlug die Hände vor den Mund, um meinen Schrei zu unterdrücken, und meine beiden Zellengenossinnen schliefen selig vor sich hin. Schließlich rappelte ich mich auf und war fast dankbar, dass ich den unbeliebten Platz an der Tür als Schlafplatz hatte. Als ich aus der Tür trat, sah ich neben dem Wachposten ein Kleiderbündel liegen. Ein Rock und einen Kittel, wie das Küchenpersonal sie trugen und ein Tuch für die Haare. Daneben lag der schwarze Kapuzenumhang einer Wache.
Ich begriff. Rasch zog ich die Küchenkluft über meine Lumpen, band meine verfilzten Haare unter dem Tuch zusammen und warf mir den Umhang über. Der Posten stand mit starrem Gesichtsausdruck da und stierte ins Leere. Mittlerweile verstand ich Antyrs Warnung, obwohl mir ein kalter Schauder den Rücken herunter lief.
Der Mann schlief!
Ich wusste nicht, was er in seinem Traum tat, doch Antyr musste ihn irgendwie lenken. Vermutlich würde er aufwachen, wenn man ihn ansprach oder berührte und dann steckte ich wohl in noch ernsten Schwierigkeiten als bisher. Kaum hatte ich mir die Kapuze übergestülpt, streckte er den Arm vor und schob die Tür zu. Er schloss den Riegel, drehte sich langsam und schlurfte den Gang zurück. Mit einem letzten bedauernden Blick in Richtung Tjordis und Hrotgund folgte ich ihm mit einigem Abstand.

Ich konnte nicht sagen, wie lange wir durch die Feste liefen. Meiner Meinung nach waren es Stunden, in den wir endlose Meilen zurücklegten. Treppauf, treppab, durch lange Gänge und weite Hallen, vorbei an endlosen Reihen von Zellentüren und einigen Räumen aus denen ich Stimmen hören konnte. Ab und an glaubte ich Schritte zu hören und Schatten zu sehen und drückte mich angstvoll an die Wand, aber niemand kam. Scheinbar schlief die Nachtwache und die Tagwache war noch nicht eingetroffen. Antyr hatte den Zeitpunkt offenbar perfekt gewählt.
Als mir die Knie langsam wieder weich zu werden drohten, hielten wir abrupt an einer Gabelung an. Ich war so in Gedanken versunken, dass ich beinahe in die Wache hineingelaufen wäre und blieb mit wild schlagendem Herzen stehen. Rechts von mir drangen gedämpfte Geräusche an mein Ohr und ich glaubte, Essbares zu riechen. Der Gang links von uns war dunkel und leer, wie alle anderen Gänge zuvor. Dennoch bog mein stiller Führer in eben diesen Gang ein, ich starrte ihm nach und folgte ihm ein paar Schritte. Doch sowohl der Geruch als auch die Geräusche wurden schwächer, je weiter wir gingen. Unschlüssig blieb ich stehen. Gingen wir noch in die richtige Richtung? Langsam begann ich zu zweifeln und meine Kräfte gingen mehr und mehr zur Neige.
Dann fasste ich einen Entschluss. Ich warf einen letzten Blick auf den Posten und ging den Weg zurück zur Gabelung und nahm die Richtung, in der für mich die Küche liegen musste. Nach ein paar Biegungen hatte ich die Gewissheit, die Küche war nah. Ich drückte mich in eine Ecke und zog den Umhang aus. Erst wollte ich ihn liegenlassen, doch der Gang war nicht dunkel genug und wenn man sie fände, würde man misstrauisch werden. Also knüllte ich sie zusammen und stopfte sie unter mein Oberteil. Zumindest sah ich nun wie eine gut genährte Küchenmagd aus, solange man nicht in mein Gesicht sah. Ich holte noch ein paar Mal tief Luft, dann wagte ich mich wieder vorwärts und betrat nach kurzer Zeit die Küche.

Es waren nur wenige Leute zu sehen, ein großes Feuer brannte, ein paar Kessel hingen darüber, in denen es brodelte. Der ganze Raum lag im Halbdunkel, nur das Feuer an den Kochstellen verbreitete unregelmäßiges Licht. Ich sah mich um. Wie sollte es jetzt weitergehen?
„Ihr da. Steht nicht rum. Los, holt Wasser!“ Die barsche Frauenstimme aus dem Hintergrund erschien mir wie die Antwort auf sämtliche Gebete, die ich kannte. Die andere Gestalt, die langsam in eine Ecke mit Holzeimern schlurfte, sah das wohl etwas anders. Murrend ergriff sie ein paar Eimer und eine Tragestange und setzte sich in Bewegung. Ich tat es ihr nach, fand eine weitere Tragestange, zwei Eimer und folgte ihr möglichst beflissen wirkend auf dem Fuße.

Wir traten durch eine kleine Tür und ich atmete das erste Mal seit vielen Tagen wieder frische Luft. Vor mir lag die schmale Holzbrücke, die das Hafenkastell mit dem Festland verband, über mir wölbte sich der dunkle Nachthimmel, der sich am Ostrand langsam rot färbte. Mein Herz schlug bis zum Hals, die Freiheit war zum Greifen nahe.
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Re: Obrigkeiten und Widrigkeiten
« Antwort #11 am: 08. Juli 2010, 12:17:16 »
Langsam balancierte ich auf der schmalen Holzbrücke in Richtung Festland. Kaum setzte ich meinen Fuß wieder auf festen Boden, hätte ich vor Wut aufschreien können.

Um mich herum waren wieder nur Mauern, die den Hof umschlossen in dem der Brunnen stand. Vor der gewaltigen Toreinfahrt standen Wachposten und diskutierten mit einem Kutscher, dessen schwer beladener Wagen die Einfahrt blockierte. Ich hatte mein Gefängnis nur gegen ein anderes eingetauscht. Wie sollte ich hier nur heraus kommen? Die Zeit lief mir davon und es würde nicht mehr lange dauern, bis man die Tür zu unserer Zelle öffnen und feststellen würde, dass eine Insassin fehlte.

Meine Begleiterin setzte ihre Eimer ab, lehnte die Tragestange gegen den Brunnenrand und begann ächzend, den Schöpfkübel hochzukurbeln. Langsam trat ich näher, stellte meine Eimer neben den ihren ab und sah mich mit starrem Gesicht um. Was sollte ich tun? Wie sollte ich von hier fliehen? Hatte Antyr das nicht mit einplanen können?
Loslaufen und zu versuchen, durch das Tor zu verschwinden? So wacklig, wie ich derzeit auf den Beinen war, würde ich wohl keine zehn Schritte kommen und die Wachen sahen nicht so aus, als ob sie lange fackelten.
Aber würde ich die Nerven haben, einen Tag lang in der Küche zu arbeiten und das Glück, dass man dort nicht nach mir suchte? Was, wenn das Küchenpersonal in der Feste wohnte und sie gar nicht verließ?

Meine Gedanken schossen im Kreis, ohne auch nur ansatzweise eine Lösung für meine Probleme aus dem Dunkel zu befördern. Die andere Magd hatte ihre beiden Eimer mittlerweile gefüllt und ich half ihr, sie wieder an die Tragestange zu hängen. Dann stapfte sie los, ohne mich anzusehen oder auch nur ein weiteres Wort mit mir zu wechseln. Ein paar Sekunden lang sah ich ihr nach, dann ließ ich den Schöpfkübel wieder in den Brunnen zurück und begann ihn langsam hochzuziehen. Ich hatte das Gefühl, als ob ein jeder Wachposten mich beobachtete und wartete eigentlich nur auf den gellenden Ruf „Da ist sie!“…

Resignierend schob ich schließlich die Tragestange unter den Henkeln hindurch und ging in die Knie um meine Last zu schultern. Ob ich einen weiteren Tag in der Küche überstand? Was war, wenn das Personal nicht auf dem Festland schlief, sondern im Kastell übernachtete? Immer wieder drehte sich mein Verstand um diese beiden Fragen, die sich als fixe Idee eingebrannt hatten.

Ich war so tief in meiner Verzweiflung versunken, dass es einige Sekunden dauerte, bis ich den Lärm um mich herum wahrnahm. Der Wagen war etwas nach vorn gerollt und umgestürzt, die Wachen versuchten die steigenden Zugpferde zu bändigen und der Kutscher brüllte und gestikulierte wild. Ballen und Päckchen waren über den Hof gerollert, einige Säcke waren beim Aufprall aufgerissen und deren Inhalt verteilte sich langsam im Hof. Mein Blick wanderte über die Szenerie, bis er schließlich beim wieder bei dem wütenden Kutscher hängenblieb.

Ich kannte den Mann!

Das war die eine gute Nachricht, die andere war noch besser: Er gehörte zu meinem Volk.
Langsam setzte ich die Eimer wieder ab und bückte mich. Einige Meter vor mir lag ein großes verschnürtes Bündel, das ich aufhob und langsam zu dem Wagen hinüberschlurfte. Die Pferde schnaubten noch immer nervös und stiegen vereinzelt, wenn eine der Wachen nach den Riemen zu greifen versuchte. Ein paar andere hatten den umgefallen Wagen wieder aufrichtet und hämmerten an den Rädern herum.

„Los! Ladet das Zeug wieder auf den Wagen oder soll ich das alles schleppen?“ Der entnervte Kutscher wedelte mit der Peitsche über den Hof und die Pferde stiegen erneut. Die Wachen waren wohl ebenso am Ende ihrer Geduld angekommen.

Langsam trug ich das Bündel zum Wagen, warf es auf die Ladefläche und bückte mich nach dem nächsten. Hier ein Sack, da ein kleines Fässchen, was auch immer ich ohne Mühe heben konnte, brachte ich zum Wagen zurück. Dann bewegte ich mich rechts und links neben dem Wagen, schließlich dahinter. Die Wachen achteten nicht auf mich. Ich sah mich um, der große Wagen blockierte die Sicht und ich verschwand hinter der Mauer. Vor mir lag ein kleiner Ballen, ich bückte mich und blieb ein paar Sekunden stehen.
Doch keine Schritte waren zu hören, niemand kam um nach mir zu sehen. Mein Herz schlug bis zum Hals, als ich mich langsam an der Außenmauer entlang bewegte. An einem Baum legte ich den Ballen nieder und ging langsam weiter… einfach nur eine müde Küchenmagd auf dem Weg von oder zu ihrer Arbeit. Nach einigen Schritten begannen meine Knie zu zittern und mir wurde klar, ich würde es nicht durch die ganze Stadt zum Anwesen schaffen. Ich musste mir einen Platz suchen und warten… warten, bis ich wieder etwas Kraft hatte und die Dunkelheit erneut hereinbrach. Vielleicht konnte ich träumen und Antyr mitteilen, wo ich mich befand.

Ich schleppte mich weiter, lehnte mich ab und an gegen die Mauer und hatte schließlich den großen Platz vor dem Kastell vor mir. Nur ein paar hundert Meter bis zum Gewirr der Gassen, die mir Gelegenheit gaben, mich zu verbergen. Nur ein paar Hundert Schritte…

Ich machte eine letzte Pause, dann straffte ich mich und eilte geschäftig wirkend über den Platz, den Blick immer auf die sich öffnenden Gassen gerichtet….

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Re: Obrigkeiten und Widrigkeiten
« Antwort #12 am: 20. Mai 2011, 11:47:27 »
Ich taumelte in die Gasse, die Türen waren noch immer verrammelt, die Fensterläden geschlossen. Noch war das Leben nicht erwacht, die Leute schliefen und in dieser Gegend würde es wohl kaum Händler und Boten geben. Doch bald würde das Leben auf der Strasse zu pulsieren beginnen und bis dahin wollte ich weg sein.
Meine Kleidung mochte mich auf den ersten Blick tarnen, doch meine Größe und mein Gesicht würden mich als Caladanerin verraten. Mühsam hastete ich weiter und hatte noch immer keine zündende Idee, wo ich mich verbergen oder wie ich nach Hause zurückkommen würde.

Die Minga waren eine Option, doch ich hatte keine Garantien, dass man mich aufnehmen und verbergen würde. Ich war ein Risiko. Ich bog in eine weitere enge Gasse ein. Die Häuser waren kleiner, schäbiger, einige davon waren bereits verlassen und verfallen. Als ich den halb mit Brettern vernagelten Eingang eines verfallenen Hauses entdeckte, hielt ich an. Mit zitternden Knien zwängte ich mich durch die Lücke und zog mich tief in das Dunkel der Ruine zurück.

In einer Ecke rollte ich mich schließlich zusammen und schloss die Augen. Das Beste wäre es nun gewesen einfach einzuschlafen und darauf zu hoffen, Antyr zu treffen um ihm zu sagen wo ich war. Doch auch wenn mein Körper nichts lieber als genau das getan hätte, war ich viel zu angespannt um die Augen länger als ein paar Sekunden geschlossen zu halten. Bei jedem Geräusch zuckte ich zusammen, bereit meine Flucht irgendwie fortzusetzen. Doch letztendlich war mir klar, würde man mich hier finden, wäre es das Ende.

Die Sonne stand bereits hoch am Himmel, als sich ein durchdringendes Heulen in mein gedankliches Chaos stahl. Dem Heulen folgte etwas Kupferfarbenes Pelziges, dann stand ein winselnder Nadji neben mir. Der Sleen sprang vor mir auf und ab und verschwand schließlich wieder, bevor mein Verstand auch nur ansatzweise verarbeitet hatte, was sich vor meinen Augen abgespielt hatte. Für einen kurzen Moment war ich nicht sicher, ob ich nur phantasiert hatte, dann sah ich etwas durch das Loch kriechen und sich umwenden. „Ich habe sie!“

Rugi hastete auf mich zu und zerrte mich hoch. „Tut mir leid, aber wir haben keine Zeit. Kannst Du stehen?“ Ich schwankte und stützte mich an der Wand ab, dann nickte ich. Sprechen konnte ich nicht, meine Kehle wurde von einem riesigen Kloß blockiert. Wir taumelten zu dem Loch zurück und unbeholfen half Rugi mir hindurch. Vor dem Haus blockierte eine große geschlossene Sänfte den Blick, die von vier Hünen mit grimmiger Miene getragen wurde. Davor und dahinter versperrten weitere Bewaffnete den Blick. Die Männer wie auch die Sänfte trugen das Wappen der Juweliergilde.

Ich kletterte mühsam hinein, gefolgt von Rugi und Nadji und die schweren Vorhänge schlossen sich wieder hinter uns. „Hier nach hinten“ Rugi zeigte auf die lange gepolsterte Lehne, die den in der Sänfte Liegenden im Rücken abstützen sollte. Dahinter offenbarte sich eine mannslange gepolsterte Kuhle, die unmittelbar hinter der Lehne in den Sänftenboden eingelassen war. Die Person in der Sänfte würde den Blick darauf versperren und eine Decke – über die Lehne geworfen – ließ den zweiten Passagier in der Sänfte völlig verschwinden. Ich ließ mich in die Kuhle gleiten und grinste. Diese Umbauten bei Sänften waren bei meinem Volk nicht unbeliebt. „Martok hat einen Freudenbringer?“ Rugi feixte zurück. „Das ist eine Damensänfte, meine Liebe. Martok schenkte sie seiner Gemahlin nach der Geburt des fünften Sohnes.“ Sie klopfte an die Rückwand der Sänfte und die Träger setzten sich in Bewegung. Nadji ließ sich schwer auf meine Füße fallen und blickte mich mit beleidigter Miene an.

„Wie habt ihr mich gefunden?“ fragte ich schließlich. „Lange Geschichte.“ Rugi beugte sich über die Lehne und sah auf mich herunter. „Nachdem Antyr Dir aus der Zelle geholfen hat, wussten wir nicht genau wie es weitergehen könnte. Also erklärte sich Martok bereit, einen seiner Leute als Kutscher auszustaffieren und zum Kastell zu schicken. Es war eigentlich angedacht, dass Du Dich im Fuhrwerk verstecken solltest, aber wir waren nicht sicher, ob Du es bemerken würdest.“ Ich schüttelte in meiner Kuhle den Kopf. „Ich war schon in heller Panik, dass man meine Flucht bemerken würde, bevor ich aus dem Kastell gelangen würde. Dass der Kutscher zu unserem Volk gehörte, hab ich erst spät gemerkt und danach waren zu viele Wachen um uns herum.“ Rugi nickte. „Er sah Dich weggehen und verständigte uns. Martok überließ uns die Sänfte und wir setzten Nadji auf Deine Spur. Der Rest war einfach.“ Wir schwiegen eine Weile. „Geht es…?“ Rugi nickte erneut. „Antyr und Agady sind in der Residenz, der Kleine ist mit Hulda in Sicherheit.“

Ich ließ mich vom Geschaukel und der beruhigenden Gewissheit einlullen, dass wir in Sicherheit waren, vorerst zumindest. Als wir abrupt anhalten, schreckte ich hoch. Vor der Sänfte waren barsche Stimmen zu hören und Nadji begann leise zu knurren. „Bleib ruhig.“ sagte Rugi, vermutlich an uns beide gewandt und warf die Seidendecke über die Kuhle. Sie überzeugte sich mit einem raschen Blick, dass ich vollständig bedeckt und außer Sicht war und lehnte sich, der Länge nach seitlich ausgestreckt, gegen die Rückenlehne.

Keinen Moment zu früh, ich konnte hören wie die Vorhänge grob aufgerissen wurden.

 „Wohin wollt Ihr?“ fragte eine Männerstimme.

„Nach Hause.“ Rugi klang gelinde amüsiert. Eine peinliche Stille, dann erneut die Stimme: „Wozu all die Wachen?“

„Ich bitte Euch, meine Herren. Haltet Ihr es für weise, dass eine schwache Frau wie ich dies hier unbewacht durch die Stadt trägt?“

Ich hörte einen Holzdecke knarren und dann ein Japsen. Das Schweigen, das diesmal minutenlang anzudauern schien, ließ mich ahnen, auf was unsere Störenfriede starrten – die Ledor-Krone. Ein kompliziertes Netz aus Gelb-, Rot- und Weißgold umschloss zahlreiche Edelsteine, die kunstfertige Juweliere vor Jahrtausenden in Blütenform geschliffen hatten sowie Plättchen aus Jade, die Blütenblätter darstellten. Der ganze Kopfschmuck erinnerte an einen großen Blütenkranz und stellte ein unbezahlbares Meisterwerk caladanischer Handwerkskunst dar. Alle 83 Jahre hatten dann die Matriarchinnen das zweifelhafte Vergnügen, dieses gewichtige Kleinod für eine Woche tragen zu dürfen….

Ich hörte, wie sich der Deckel wieder schloss. „Ich habe volles Vertrauen in die Fähigkeiten der Stadtwache, in der Stadt die Ordnung aufrecht zu erhalten…“ fuhr Rugi scheinbar ungerührt fort. „Doch da die Mörder der beiden Gildenwächter noch immer nicht gefasst wurden, ist die Juweliergilde nun mal in Sorge. Sicherlich zu unrecht, doch sie bestanden nun einmal darauf, mich für den Transport der Ledor-Krone zu eskortieren.“ Ihre Stimme klang beinahe schnurrend, die Männer wirkten weniger begeistert. Das Gemurmel draußen schwoll an, blieb jedoch unverständlich.
Schließlich meldete sich Stimme Nummer 1 wieder zu Wort. „Ihr könnt passieren.“ Die Sänfte wurde angehoben und kurz darauf wieder abgesetzt.

Wir waren daheim!


« Letzte Änderung: 20. Mai 2011, 19:46:35 von Kerredis »
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Re: Obrigkeiten und Widrigkeiten
« Antwort #13 am: 06. Januar 2012, 15:16:15 »
Ich war daheim. Das Gefühl der Sicherheit hatte sich noch nicht breitgemacht.

„Zieh das an,“ Rugi reichte mir den Kapuzenumhang einer Dienerin und half mir hinein. Dann stieg ich vorsichtig rückwärts aus und wartete, bis Rugi mir den Kasten mit der Ledor-Krone reichte. Ganz gemäß meiner Rolle als beflissene Dienerin gab ich den Kasten an einen der Bewaffneten weiter, der ihn sofort ins Haus trug. Dann streckte Rugi die Hand aus, ließ sich von mir aus der Sänfte helfen und wir traten ins Haus.

Nadji riss mich fast von den Füßen, als Rugi mich in Richtung Treppe führte.
„Wo willst Du hin?“ fragte ich. Rugi sah mich kritisch an.
„Du gehörst ins Bad und dann ins Bett.“
„Und Du meinst, ich könnte jetzt schlafen? Vergiss diesen Gedanken, ich will wissen, was passiert ist.“
Rugi seufzte resignierend und änderte unseren Kurs in Richtung der Wohnräume.

Antyr saß am Fenster über einen Wälzer gebeugt und sprang auf, als er uns sah. „Ihr habt sie gefunden! Großartig!“ Er strahlte, während mich Rugi in einen der Sessel bugsierte und verschwand.

„Wo ist…?“ Antyr hob die Hand. „Mit Hulda in Sicherheit.“ Ich ließ mich schwer fallen. „Den Göttern sei Dank.“ Rugi kehrte zurück, eine Tasse dampfenden Gewürztees in der Hand, bevor aus sie sich setzte. „Trink das und hier will ich keine Widerrede hören.“
Der Tee war heiß und schmeckte, wie ich ihn in Erinnerung hatte. Nadji hatte sich zu meinen Füßen niedergelassen und schien nicht bereit zu sein, in den nächsten Stunden von diesem Platz zu weichen. Antyr und Rugi rollten noch einmal die Planung meiner Befreiung vor mir aus. Seit man die Leichen meiner Leibwache gefunden hatte, waren mehr als 4 Wochen ins Land gegangen. Man hatte zuerst in der Umgebung gesucht, ob sich auch meine Leiche anfinden würde – vergeblich. Im Stadtgefängnis waren Wachen bestochen worden, um nach mir Ausschau zu halten – nichts. Dann war man auf das alte Kastell gekommen, wo Antyr mich schließlich aufgespürt hatte.

„Ich habe einige Nächte in wirklich üblen Spelunken um das Stadtgefängnis herum verbracht, beim Kastell war es noch schwerer.“ berichtete er.

Ich nickte. Antyr musste nahe genug herankommen, um den richtigen Traum zu finden. Die Götter allein mochten wissen, wie er das machte. Doch das Kastell war ringsherum von Wasser umgeben, kein Platz, um sich in der Nähe unauffällig schlafen zu legen.

„Aber wie…?“

Rugi feixte. „Wir waren als Muschelschrubber unterwegs. Das heißt, Antyr hat mit Tarian im Boot gelegen und geschlafen.“ „Und Ihr habt stattdessen die Mauern geschrubbt, ich muss um Verzeihung bitten…“ ergänzte Antyr mit schelmischem Blick.

„Seid ihr beide verrückt?“

Ich prustete fast meinen Tee über den Tisch. Die Mauern des Kastells und des Hafens waren stets mit Muscheln und Schnecken übersäht Der Mörtel, der die Steine zusammenhielt, stellte für sie eine Leibspeise dar, was nicht gerade zur Haltbarkeit der Wände beitrug. Grund genug für die Stadtverwaltung diejenigen zu belohnen, die bei Ebbe mühsam die Schnecken und Muscheln von den Mauern entfernten. Schon bei ruhigem Wetter war es nicht einfach, bei Wind wurde es wirklich lebensgefährlich. Um diese Jahreszeit und vor allem in der Nacht wagten sich dann nur noch die wirklich Verzweifelten aufs Wasser.
Müde stellte ich meine leere Tasse neben dem Sessel ab. Allmählich wurde ich tatsächlich zu schwach, um sie in den Händen zu behalten. Rugi mustere mich aufmerksam. Zu aufmerksam, wie mir schien. Die Müdigkeit begann über mich hereinzuschwappen, wie das Meer bei Flut über die Kaimauern.

„Du hast Mohn in den Tee gerührt.“ Mit der Erkenntnis kam auch die Empörung.

„Zwei gehäufte Teelöffel.“ Rugi stand ungerührt auf und ich spürte, wie ich hochgehoben wurde. „Ich werde mich schämen, während Du schläfst.“

Ich erfuhr nie, ob sich Rugi tatsächlich geschämt hatte, doch ich erwachte durch die Mittagssonne, die vermutlich bereits zu einem anderen Tag gehörte. Man hatte mich gründlich gewaschen, meine Wunden gesäubert und teilweise verbunden. Der Schlaf hatte mir gut getan, meine Beine zeigten sich recht kooperationsbereit, als ich langsam aufstand. Meine Morgentoilette dauerte jedoch einiges länger als sonst, bis ich schließlich steifbeinig die Treppe zu den Wohnräumen herunter stakste. Aus den hinteren Gemächern konnte ich bereits Stimmen hören, scheinbar hatte sich auch Agady wieder eingefunden. 

„Bei den Göttern, ihr seht…“
„… glücklich aus, wieder hier zu sein.“ ergänzte ich, bevor sie meiner Eitelkeit den Todesstoss versetzte. Agady schnaubte.
Ich ließ mich am Fenster nieder und ein dienstbarer Geist brachte Tee und Früchtebrot. „Wo waren wir stehen geblieben?“ fragte ich schließlich zwischen zwei Bissen. Ich wollte keine Fragen nach meinem Aufenthalt beantworten. Fragen, die zweifellos irgendwann kommen würden. Doch nicht jetzt, nicht heute…

Rugi und Agady sahen sich an. „Erinnerst Du Dich an das Gerücht, dass die Vögtin schwanger sei?“ Ich nickte langsam. „Die Minga hatten es aufgeschnappt, der Himmel weiß woher.“ „Es ist kein Gerücht.“ stellte Agady fest. „In spätestens 10 Tagen,“ ergänzte Rugi.

Ich riss die Augen auf. „Woher wisst Ihr das?“

„Wir waren da.“ Irgendwie gelang es mir, den Bissen zu schlucken, bevor mir der Mund offen stehen blieb.

„Ihr..? Das ist noch verrückter als die Idee mit dem Muschelschrubben.“ Fassungslos schüttelte ich den Kopf.
„Aber ebenso erfolgreich,“ wischte Rugi meine Einwendungen beiseite.
„Man hätte Dich erkennen können?!“
Rugi winkte ab. „Ich habe meine Haare braun gefärbt und hochgebunden. Die übliche Kluft der Hebammenzunft tat das ihre. Das einzig Schwierige war, dass ich mich kleiner machen musste. Deutlich kleiner.“ Sie verzog das Gesicht. „Meine Knie schmerzten noch Tage danach.“

„In 10 Tagen…“ murmelte ich. „Was will sie mit Eurem Sohn, wenn sie in 10 Tagen vielleicht selber einen hat..“
„Austauschen.“ Antyr sah auf. „Das Kind einer Minga und eines Traumfinders… Jeder Händler würde morden für eine solche Gelegenheit.“
Agady schüttelte energisch den Kopf. 
„Die Geburt ist öffentlich. Das Kind wird herumgezeigt. Und für einen Austausch ist es ohnehin zu spät.“

„Nicht unbedingt.“ Rugi legte den Klopf auf die Seite. „Das Wachstum hat noch nicht eingesetzt.“

Agady sah sie fragend an. „Caladanische Säuglinge wachsen schubweise. Der erste Schub setzt meistens 8 bis 10 Wochen nach der Geburt ein. Mag sein, dass es bei dem Kleinen nicht so gravierend ausfällt, doch er würde als jünger durchgehen. Zumal man einem Mann auch viel einreden kann, wenn es sein muss.“

Sie warf Antyr einen entschuldigenden Blick zu, der schmunzelnd zurück nickte.

„Das würde aber voraussetzen, dass wer immer das geplant hat, darüber Bescheid wusste. Selbst Agady wusste es nicht.“ warf ich ein.

„Das würde die Vögtin für mich ausschließen.“ Rugi runzelte nachdenklich die Stirn. „Sie machte eher den Eindruck eines schlichten Gemütes auf mich. Was natürlich auch täuschen kann.“

Müde vergrub ich den Kopf in den Händen. „Es bleibt uns nichts übrig. Wenn wir jemals herausfinden wollen, was dahintersteckt, dann müssen wir in den Palast. Die Antworten liegen dort, irgendwo hinter diesen Mauern. Und ich ich habe keine Vorstellung, wie und wo wir suchen sollen.“

„Ich denke, hier werde ich wohl ins Spiel kommen.“

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