Autor Thema: Erinnerungen an bessere Zeiten - Der Rindori speit Fische  (Gelesen 1510 mal)

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Urumil, der nun von neuem Bewusstsein gestärkt durch die Gassen Elterans wanderte, wollte sich Erinnerungen einverleiben, Gerüche riechen, Geschmäcker schmecken, seinen Kopf mit Dingen füllen, an deren Substanz er beizeiten zehren konnte.

Einige Gassen weiter, im Hafen Elterans, saß ein fast zahnloser Fischer auf einem Hocker vor seinem Boot und sog gewissenhaft den Rauch einer kleinen Wurzelzigarre ein.
Neben ihm stand eine Holzkiste mit toten Fischen darin. Zwischen dem Fang von vier Stunden auf dem Rindori steckte ein Schild, dass die Fische für vier Goldstücke pro Stück anbot.
Niemand kaufte sie, denn man wusste, dass die Fische mindestens eine Woche alt waren. Im Rindori gab es schon seit sechs Tagen keine Fische mehr.

Urumil wanderte an den Bootsstegen entlang und betrachtete die niedergeschlagenen Fischer und inhalierte den Geruch der toten Fische. Er fand ihn erst gar nicht so widerwärtig, wie er vermutet hatte.
Er ging auf einen Fischer zu. Eine widerwärtig nach Kot aussehende Zigarre klemmte in einer Zahnlücke.
"Guten Tag, mein Herr!", sagte Urumil und wunderte sich, dass die Worte ihm so leicht von der Zunge gingen.
"Tag.", antwortete der Mann.
"Warum sitzen sie hier alle? Der Hafen stinkt nach ihnen!", auch Umgangsformen musste der neue Urumil lernen.
"Was?", erwiderte der Fischer und wollte schon auf den Grünling losgehen, besann sich dann aber.
"Entschuldige, Junge. Es ist nur so, dass hier seit Tagen keine Fische mehr schwimmen. Wir fangen nichts mehr."
"Oh...", sagte Urumil und wanderte weiter. Im Spiegel eines Ladens sah er sich und hielt inne.

Das bin ich

Er drehte sich um und beobachtete das Treiben.
Eine alte Frau stand mit ihrem Obststand in einer Ladennische, zwei kleine Jungen spielten Fangen, ein älterer Mann wanderte zitternd an den Stegen entlang, ein Penner bettelte um Münzen und zwei junge Frauen boten ihre Körper an.
Dies waren nur einige Eindrücke.

Plötzlich ging ein Raunen durch die Reihen. Zwei Magier, berühmte Männer, wanderten an den Stegen entlang. Sie waren bekannt als Balthier und Sora. Sie waren angehörige des Lichts und uralte Greise. Ihre Bärte reichten fast bis zum Boden, wie ihr Ruhm bis an die Grenzen der bekannten Welt reichte. Man sah sie selten und ihr Auftauchen zog stets einen Aufschrei der Überraschung nach sich.
Die beiden Greise glichen wie ein Ei dem anderen. Sie trugen einfache, graue Mäntel und hatten einfache, knorrige Stäbe aus Wurzeln in der Hand.
Die Huren, Penner, Hausierer, Bettler und Obdachlosen wichen vor ihnen hinweg.
Balthier wandte sich bald von seinem Zwilling ab und wanderte auf den längsten Steg hinaus. Sora hingegen ging gemächlich weiter und richtete seine Schritte auf die große Rindori-Brücke. Niemand sagte ein Wort.
Als Sora direkt auf dem Steg gegenüber von Balthier angekommen war, sahen die beiden sich an und begannen herzlich zu lachen. Nach kurzer Zeit hörte Sora auf und sagte laut:
"Lass sein, Bruder!"
Balthiers Lachen verstummte und er hob seinen Stab. Sora tat es ihm gleich. Sie begannen, ihre Stäbe synchron zu bewegen. Aus ihren Mündern sprudelten Worte in der alten Sprache, die schon vor den Menschen in Arhoria existiert hatte.
Ihr Raunen wurde zu Rufen, ihre Rufe wurden zu alles übertönendem Dröhnen. Ihre Stäbe bewegten sich nun nicht mehr synchron, sondern schienen sich in ihren Bewegungen zu ergänzen, wich der eine vor, so wich der andere zurück.
Plötzlich hörte Sora auf, während Balthier fortfuhr, nahm einen stabilen Stand ein und richtete den Stab wie zum Zauber in die Höhe. Der Stab begann zu zittern und schien sich zu verformen, und ein schwaches, großes, helles Licht, konzentrisch wie eine goldene Sphäre, erschien über dem Rindori. Als Balthier es seinem Bruder nachtat, wurde das Licht heller und blendete alle Schaulustigen.
Als das Licht verglomm, sah man den Rindori in neuer Frische.
Fische schwammen in unwahrscheinlich großer Zahl darin herum, Möwen flogen obenüber und Insekten tummelten sich auf dem Wasser. Am Ufer des Flusses war der dreckige Strand einer Schilflandschaft gewichen.
Während die Fischer mit ihren Booten hinausfuhren und die restlichen Schaulustigen zu erzählen und zu tratschen begannen, ging Balthier über die Brücke zu Sora und die beiden verschwanden unbemerkt ins Umland von Elteran.

Fast unbemerkt.
« Letzte Änderung: 10. Juni 2010, 19:49:02 von Zuzu »

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