Autor Thema: Montag Abend  (Gelesen 1403 mal)

Offline Kerredis

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Montag Abend
« am: 30. April 2007, 21:35:26 »
Du sitzt leicht verkrampft auf einem Baum und bedenkst diverse Gottheiten mit Flüchen.
Dass die Götter einen leicht seltsamen Sinn für Humor hatten, war Dir sehr wohl bewusst.

Du findest die wichtigsten Zutaten für Deine Tränke und Elixiere scheinbar immer nur dann, wenn Du mit Deiner schweren Meditationsrobe im Wald bist. Gut, damit kannst Du leben, die Taschen und der Brustbeutel des Ornats machen die unpraktische Länge und den steifen Stoff wieder wett.
Dass die Naturgottheiten diese Zutaten grundsätzlich in unzugänglichen Baumwipfeln wachsen lassen, ist zwar unangenehm, lehrt aber Demut diesen Gaben gegenüber.
Allerdings findest Du die Idee der Schicksalsgöttin weniger witzig, das angeborene Klettertalent, welches Dir gegeben ist, mit einer großen Portion Höhenangst zu kombinieren.
Und um den Ganzen die Krone aufzusetzen, sitzt Du nun in der Krone eines Baumes unter dem zwei Orks sich anschickten, ein kleines Picknick zu veranstalten. Nein, heute kannst Du über den Humor der Götter wirklich nicht lachen….

In einem Gebüsch siehst Du Deine Waffe liegen. Du hast beide Hände zum Klettern gebraucht und starrst nun, leicht frustriert, auf Deine Waffe herunter. Keine Möglichkeit, unbemerkt herunterzuklettern, keine Chance, sie zu erreichen. Alles was Du tun kannst, ist abzuwarten und zu hoffen, dass Orks tatsächlich nicht klettern konnten. Unter Dir sind die beiden dabei, einen größeren Vogel zu zerreißen. Als Du die herumstiebenden graublauen Federn erkennst, schluckst Du. Offenbar ist es den Orks gelungen, einen Stahlfalken zu erbeuten, elegante Jäger, die in Deiner Heimat selten geworden sind und um deren Jagdgeschick sich mehr als eine Legende rankt.

Angewidert siehst Du dem Treiben der beiden zu und hoffst inständig, dass das Mahl schnell beendet sein wird. In der Tat sind die Zwei zumindest recht schnell damit fertig den Falken zu verzehren, legen sich aber dann, sehr zu Deinem Leidwesen, zu einem kleinen Nickerchen unter den Baum.
Du wartest… Die Stunden ziehen sich scheinbar endlos dahin und so langsam siehst Du Dich mit Problemen konfrontiert, die im Volksmund so leicht als „menschliche Bedürfnisse“ bezeichnet werden, aber auch vor Elfen in keiner Weise halt machen. Du schickst ein stilles Gebet an die Götter, Dir irgendjemand oder irgendetwas zu schicken, Deine Lage zu verbessern. Und die Götter reagieren….

Mit einem schrillen Kreischen schießt etwas wie ein stahlgrauer Pfeil durch den Baum und lässt die Orks und Dich hochschrecken. Das Falkenweibchen! Für ein paar Sekunden glotzen die Orks leicht verdutzt, stufen den Vogel dann aber recht schnell als eine weitere Mahlzeit ein und kurz darauf pfeifen Steine, Stöcke und andere Wurfgeschosse durch die Luft. Der Falke weicht elegant aus und setzt erneut zum Angriff an.
Das ist Deine Chance. Die Orks scheinen genug beschäftigt und Du hoffst, dass sich der Versuch, das Weibchen zu fangen, solange hinzieht, bis Du Deine Schleuder erreicht hast.

Du bist bereits zur Hälfte herabgestiegen, als der Baum ins Schwanken gerät. Mit einem wütenden Kreischen hat der Falke seine Krallen rechts und links in den Hals eines Orks geschlagen und hackt mit dem Schnabel auf sein Gesicht ein. Sein Begleiter versucht immer wieder ungeschickt, den Vogel von ihm zu lösen, reißt damit jedoch furchtbare Wunden in den Hals des anderen und lässt den Falken wieder los. Der Verletzte prallt erneut schwer gegen den Baum.

Krampfhaft hältst Du Dich fest und kletterst weiter nach unten. Nur noch ein paar Meter, dann ein beherzter Sprung und Du hättest es geschafft. Es bleibt bei dieser Vorstellung. Irgendetwas Schweres rauscht nach dem letzten Stoß des Orks an Dir vorbei, streift Dich hart am Kopf und wenig elegant rauschst Du hinterher. Die Götter haben wohl auch diesmal ein Auge auf Dich gehabt, Du landest genau in dem Gebüsch, in dem Du Deine Waffe verborgen hast. Fahrig tastest Du nach Deiner Waffe und richtest Dich auf. Was Du dann siehst, lässt Dich erstarren.

Dem zweiten Ork ist es mittlerweile gelungen, dem Falkenweibchen das Genick zu brechen und wie ein gefiederter Halsschmuck hängt der tote Vogel an dem inzwischen verbluteten Ork herab, die Klauen noch immer in seinem Hals. Für einen kurzen Augenblick lähmt Dich das Entsetzen, dann weicht die Erstarrung. Ein paar Sekunden später fällt der andere Ork Deiner Waffe zum Opfer.

Mit einem Kloß im Hals und Tränen in den Augen siehst Du Dich um. Hinter dem Baum findest Du heraus, was Dich zuvor getroffen hat: ein rundschildgroßes Nest aus trockenen Zweigen und Moos. Scheinbar hat das Falkenpärchen in diesem Baum ihr Gelege gehabt. Trägst Du einen Teil der Schuld, weil Du Dich in diesem Baum versteckt hattest? Und wo sind die Jungen? Vorsichtig durchsuchst Du das Gebüsch, auf das Schlimmste gefasst. Doch der Anblick von toten Jungvögeln bleibt Dir erspart. In einer kleinen Mulde findest Du den Nachwuchs, ein kleines Kücken, das mich mit großen Knopfaugen ansieht. Du stopfst Deinen Brustbeutel mit Moos voll und birgst das Kücken darin. Dann gehst Du ein letztes Mal um den Baum herum.
Vorsichtig löst Du die Krallen des Weibchens aus dem Hals ihres toten Gegners. Es dauert etwa eine halbe Stunde, dann hast Du beide Vögel mit einer Schicht Erde und Moos bedeckt und ein paar Gebete für ihre Seelen gesprochen. Auch wenn diese Gebete nicht für Tiere gesprochen werden, die Götter werden es verstehen…

Das Kücken bleibt still in Deinem Brustbeutel sitzen, als Du langsam nach Hause gehst. „Wie soll ich dich nennen, meine Kleine?“ fragst Du leise und streichelst das flauschige Köpfchen. „Es sollte ein Name sein, der an deine Mutter erinnert, an das Opfer, dass sie für dich gebracht hat…. Sie war eine Kämpferin, meine Kleine, eine wahrhafte Kriegerin…. wie aus Stahl. Ja, ich denke Tetsu-ko ist ein guter Name für dich… ‚Dame von Stahl’ das passt. Gefällt er dir, meine Kleine?“
Im Westen färbte sich der Himmel glutrot, als Du die Stadttore erreichst und Tetsu-ko piepst….

©Kerredis & Yavin 2005
« Letzte Änderung: 30. April 2007, 21:53:46 von Kerredis »
Quäl Dich nicht,
laß mich das für Dich tun.