Autor Thema: Man achte auf das Offensichtliche  (Gelesen 2050 mal)

Offline Kerredis

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Man achte auf das Offensichtliche
« am: 27. April 2007, 13:22:36 »
Ja, dieser Tag war schön! Die Sonne schien… ich trug ein neues Kleid, man höre und staune… meine neuen Schuhe zeigten keinerlei Neigungen zu drücken oder zu scheuern… und alles in allem war ich mit mir und der Welt zufrieden.

Ich schlenderte am Hafen entlang. Vorbei am Meereshafen mit den Gewürzschiffen und den Pelzfrachtern aus den Nachbarkontinenten, bis hin zum Flusshafen mit seinen schnittigen Schonern, die die Waren aus dem Delta brachten. Ein Schiff mit protzigen Beschlägen und rot-weiß-seidenem Segel erweckte meine Aufmerksamkeit. An Deck standen einige groß gewachsene und breit gebaute Wachen, die finstere Blicke auf die Passanten abfeuerten. Nach ein paar Schritten sah ich das Siegel am Rumpf: die Juweliergilde von Shendi. Die Saphire, die sie lieferten, waren zumeist walnussgroße Kostbarkeiten in weiß, braun oder tiefblau und kosteten ein Vermögen. So ziemlich alles, was Geld, Rang und Namen hatte und weiblichen Geschlechtes war, lechzte nach diesen kleinen Steinchen.

Am Kai auf Höhe des Bugs musterte ein Zwerg die Metallbeschläge des Schiffes und ließ die giftigen Blicke der Wachposten an seiner Rüstung und seinem freundlichen Wesen abprallen. Ich war schon gleichauf mit ihm und wollte an ihm vorbei, als er sich umdrehte und schwer gegen mich prallte.
„Pass doch auf, Langbein und achte auf das Offensichtliche!“

Langbein?! Ich starrte wütend auf einen langen hässlichen Riss in meinem Kleid. „Passt doch selber auf, Kurzbein! Ihr seid in mich hinein gelaufen und dank Eurer Aufmerksamkeit kann ich ein neues Gewand aus Rhina-Seide jetzt als Putzlappen verwenden! Ich hoffe, Eurer Geldbeutel ist größer als Eure Augen.“ Der Zwerg stemmte die Arme in die Seiten und starrte grimmig zu mir auf. „Der Unterschied fällt doch wohl kaum ins Gewicht. Das Kleid sah doch vorher auch schon wie ein Putzlappen aus!“

Ich schäumte. Um uns herum hatte sich eine kleine Traube von Schaulustigen gebildet, die langsam anwuchs. „Vielleicht sollte ich Euren Bart stutzen und mir daraus einen Pelz weben lassen, aber die Läuse halten mich sehr davon ab.“ Die Menge begrüßte meinen Vorschlag mit einem Johlen, der Zwerg wirkte weniger begeistert.
„Wagt es!“ Er ballte die Fäuste und schüttelte sich, dass sein Panzer klapperte. Die Menge, begeistert von einem möglichen Schauspiel, drängte sich um uns.
„Wenn ihr meint… Vielleicht benötigt Ihr wirklich eine Lektion in Guten Manieren…“
„Und Ihr wollt sie mir erteilen?“ Der Zwerg wirkte amüsiert.
Man wich ein Stück von uns zurück, im Hintergrund konnte ich hören, wie die ersten Wetten abgegeben wurden. Sehr zu meinem Missfallen wurde eine erkleckliche Summe auf den Zwerg gesetzt, mich nahm man scheinbar nicht für voll. „Jetzt ist meine Geduld am Ende!“ Erbost schob ich mich durch die Menge, bis ich vor dem Buchmacher stand, der sein improvisiertes Wettbüro an einem Tavernentisch eingerichtet hatte. Ich hakte meine Börse vom Gürtel und schlug sie wütend auf die Tischplatte. „Auf mich!“ Der Mann zeigte mir die kümmerlichen Reste seiner Zähne in einem Grinsen, kritzelte etwas auf ein Stück Pergament und nickte schließlich bestätigend. Man machte mir Platz, als ich zu dem Zwerg zurückkehrte. Er wirkte irritiert, fasste sich jedoch schnell… sehr schnell.
Sein schwerer Stiefel schlug hart gegen mein Schienbein, ich schrie schmerzerfüllt auf. Fast reflexartig krallte sich meine Hand in seinen Bart, riss daran und hinterließ eine breite Schneise der Verwüstung. Der Zwerg stimmte ein paar Oktaven tiefer in mein Gebrüll ein.

Die nächsten Minuten spotteten jeder Beschreibung… Er war mir an Kraft haushoch überlegen, konnte aber seine Schläge maximal auf meiner Hüfthöhe anbringen (was mir schmerzhafte Schläge in den Magen ersparte). Ich musste mich bücken, um seine Schläge zu erwidern, war aber wendiger und brachte die längeren Gliedmaßen mit… es hatte halt auch Vorteile, ein Langbein zu sein.
Irgendwann standen wir uns schwer atmend gegenüber. Mein Kleid hatte ein paar zusätzliche Risse abbekommen und bot unserem männlichen Publikum interessante Einblicke. Wie versprochen hatte der Zwergenbart einen neuen Schnitt, wenn auch dabei keine Schere im Spiel gewesen war. Vom Schiff unmittelbar hinter mir hörte ich anfeuernde Rufe, die uns beiden galten. Ich sah mich um… ein Fehler, wie ich kurz darauf feststellte. Mit einem wütenden Aufschrei hatte sich der Zwerg wieder in Bewegung gesetzt und schoss wie eine stählerne Walze auf mich zu. Irgendwie drängte sich das Bild von einem Kampfstier auf und fast instinktiv tat ich das, was jeder Torero in einem solchen Moment getan hätte…. Ich trat einen Schritt beiseite.

Gerade noch im rechten Moment. Der Zwerg schoss an mir vorbei, fügte mir noch einen schmerzhaften Kratzer und natürlich meinem armen Kleid ein weiteres Exemplar in der Rissesammlung zu…. und verschwand. Ein lautes Platschen kündete von einer feuchten Landung, ein wütendes Gebrüll von seiner Meinung zu diesem Thema. Vorsichtig trat ich an die Kante, gefolgt von unserem Publikum. Der Zwerg strampelte wild im Wasser umher, sichtlich behindert von seiner Rüstung. Der Wasserspiegel war durch die Ebbe zu weit abgesunken, dass er die Kante hätte erreichen können und niemand machte Anstalten ihm herauszuhelfen.
„Man sollte auf das Offensichtliche achten….“ Schlug ich ihm vor, seine Antwort ließ selbst die Hafendirnen erröten. Irgendwann schickte er sich an zum anderen Flussufer zu schwimmen und ich wurde durch eine begeisterte Menge von der Kante weg geschoben. Der Buchmacher war noch da, sehr zu seinem Bedauern. Außer mir hatte niemand auf mich gesetzt, das Ergebnis ließ mein Herz deutlich höher schlagen. Irgendjemand stellte ein Glas Wein vor mir ab und wir begannen den Nachmittag feucht fröhlich ausklingen zu lassen.

Ein paar Stunden später, die Sonne neigte sich allmählich dem Horizont zu, trat ich den Heimweg an. Eine der Schankmägde hatte mir im Hinterzimmer der Taverne geholfen, meinen Wettgewinn in einer Schärpe um meinen Körper zu wickeln, die Höhe hatte mich sehr überrascht. Selbst wenn man den Preis für ein neues Kleid abzog, würde ein nettes Sümmchen überbleiben. Ich bog um eine Ecke und mir blieb fast das Herz stehen vor Schreck, als mich eine Hand an der Hüfte berührte.

„Ich bin fast gegen die Ankerkette gesprungen...“ Humphrey sah unwirsch zu mir auf, die Haare unter dem Helm waren noch feucht. „Tut mir leid, dafür werden meine Schienbeine in sämtlichen Farben des Regenbogens schillern.“ Er schnaubte und klappte dann grinsend das untere Ende seines Brustpanzers hoch. „Hilf mir mal.“ Ich brauchte ein paar Minuten, um ihn von den beiden Schnüren zu befreien, die er um den Bauch gewickelt trug, dann hatte ich sie schließlich in den Händen. Zwei Schnüre, etwa eineinhalb Meter lang, mit kleinen Lederbeuteln alle 10 Zentimeter… und jeder von ihnen barg eine kleine walnussgroße Kostbarkeit in weiß, braun oder blau…

„Hat dich jemand bemerkt?“ fragte ich feixend, Humphrey winkte ab. „Sie waren alle damit beschäftigt dir zuzujubeln, keiner hatte einen Blick für mich übrig.“ Ich lachte, legte meine Hand auf seine Schulter… „Ich hab’s ja gesagt…“ und Humphrey fiel lachend mit ein…
„Man achte auf das Offensichtliche.“

© Kerredis & Kethrys 2007
« Letzte Änderung: 27. April 2007, 13:40:15 von Kerredis »
Quäl Dich nicht,
laß mich das für Dich tun.

Chasue

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Re: Man achte auf das Offensichtliche
« Antwort #1 am: 27. April 2007, 13:29:34 »
Deine Geschichte ist wirklich gut, das muss ich zugeben - aber ich glaub du hast die Vorraussetzungen nicht ganz verstanden
Nur Geschichten in der Du-Perspektive werden angenommen ^^ und ich denke die Geschichten sollten so erzählt sein, das sie auf jeden Spieler zutreffen können - denn es soll ja im Spiel verwendet werden können. So wie in den bereits geposteten Stories..


:/ schade eigentlich, denn mir gefällt deine kleine Geschichte

Theana

  • Gast
Re: Man achte auf das Offensichtliche
« Antwort #2 am: 27. April 2007, 13:30:23 »
Die Geschichte ist gut... aber nicht so zu verwenden wie dieser Wettbewerb es Erfordert:(

Offline Kerredis

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Re: Man achte auf das Offensichtliche
« Antwort #3 am: 27. April 2007, 13:44:17 »
dann laßt die hier nebenher laufen. Ich habe noch eine in der Du-Form auf Lager

Es ist eine Gewohnheit von mir in der Ich-Form zu schreiben... und ich denke, die Geschichte umzuschreiben, würde die Pointe eher kaputtmachen....

Außerdem gehts mir mehr um den Spaß am Schreiben, als um den Sieg am  Wettbewerb.... ;)
Quäl Dich nicht,
laß mich das für Dich tun.

Urshak

  • Gast
Re: Man achte auf das Offensichtliche
« Antwort #4 am: 27. April 2007, 13:50:40 »
Wirklich sehr gute Geschichte!! Würde mich freuen noch mehr von dir zu lesen!


Offline molotow

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Re: Man achte auf das Offensichtliche
« Antwort #5 am: 28. April 2007, 20:38:57 »
von mir auch ein dickes lob. eine 1A-Geschichte mit moral!!
Die Arbeit ist etwas Unnatürliches. Die Faulheit allein ist göttlich.





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