Autor Thema: Unfreiwillige Erbschaft  (Gelesen 1374 mal)

Offline Kerredis

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Unfreiwillige Erbschaft
« am: 28. April 2007, 13:05:20 »
(alle guten Dinge sind drei  ;))

Die Nacht um Dich herum ist lau und angefüllt mit Gerüchen und Geräuschen. Bratenduft, Gesang, Musik, Trinksprüche… doch davon dringt wenig zu Dir durch. Du bist mehr damit beschäftigt, tanzenden Straßenbäumen auszuweichen, schwankenden Hauswänden aus dem Wege zu gehen und darauf zu achten, dass die Pflastersteine unter Deinen Füßen nicht unvermittelt hochspringen und Dich zu Fall bringen. Kurz und gut, es gibt auf dem Blumenmarkt der Stadt nicht sehr viele Veilchen, die weniger blau sind als Du.

Irgendwann führen Dich Deine Füße in eine dunkle Gasse, keine Ahnung wo, keinen Schimmer warum. Doch Du hast die Kontrolle über Deine Füße bereits verloren, als Du die Taverne verlassen hast und folgst zwangsläufig einfach nach. Und schließlich geschieht es doch. Für einen Moment bist Du unaufmerksam und diesen Moment nutzt ein herumstehender Pferdekarren, um sich Dir heimtückisch in den Weg zu stellen. Du stolperst wenig elegant über die Deichsel, versuchst erfolglos Dich an einem Rad festzuhalten und während sich das Straßenpflaster sehr schnell Deinem Gesicht nähert, denkst Du noch „So eine Frechheit! Wie kann der nur….“ Dann wird die Nacht noch einen Tick dunkler.

Dein Hals ist wie zugeschnürt, als Deine Sinne sich wieder bei Dir melden und der nächtliche Himmel hat scheinbar ein paar tanzende Sterne mehr. Du kneifst die Augen zusammen, öffnest sie wieder und starrst auf eine dunkle Kapuze. Dein Blick fällt erschrocken nach unten, da sind doch tatsächlich zwei Hände an Deinem Hals und drücken zu… Schlagartig verabschiedet sich die Trunkenheit. Du ruderst mit den Händen, trittst und dann ist das Glück auf Deiner Seite. Dein Angreifer macht mit Deinem Knie Bekanntschaft und wird zurückgeschleudert. Er verliert das Gleichgewicht, fällt zu Boden. Es gibt ein leises hässliches Geräusch, als würde eine Eierschale zerbersten, dann ist es still… sehr still.
Du hast eine ungefähre Ahnung, was dieses Geräusch bedeutet, aber Deine Knie haben sich erst einmal dafür entschieden unkontrolliert zu zittern und so bleibst Du sitzen und schaust beklommen auf die reglose Gestalt an der Hauswand gegenüber.

„Verflucht noch mal! Ich hatte ihn gewarnt, das so etwas passieren würde…“ Die Stimme klingt alt aber fest und allmählich kommt die Besitzerin der Stimme in Dein Gesichtsfeld. Weißgraue Haare umrahmen ein uraltes faltiges Gesicht, doch Deine Augen bleiben an etwas anderem Hängen: die Schere in ihrer Hand und die Spinne auf ihrer Schulter. „Hoch mit Dir und hilf mir! Komm schon, ich habe nicht die Zeit alles alleine zu machen!“
Der Kloß in Deiner Kehle ist schnell groß genug geworden, um fast nicht mehr in Deinen Hals zu passen, aber Du kommst irgendwie auf die Beine. Der Schicksalsgöttin mit einem „Ich kann nicht...“ zu antworten, hältst Du dann doch für nicht wirklich weise. Atropos, die älteste des Dreigestirns der Schicksalgottheiten, verantwortlich dafür, die Lebensfäden der Sterblichen zu durchtrennen, dabei zu beobachten, wie sie Deinen schwarz gewandeten Angreifer aus seiner Kleidung schält, vertreibt die letzten Reste des Weingeistes aus Deinen Sinnen.

„Du hast keine Ahnung, was Du hier gerade getan und wen Du hier gerade zu seinen Ahnen geschickt hast, oder?“ Sie sieht sich nicht um, nur die Spinne auf ihrer Schulter scheint Dich hämisch anzugrinsen.
„Öhmmmm…“ Deine Antwort ist nicht sonderlich klug, doch bringt Deine Ratlosigkeit recht deutlich und vor allem kurz zum Ausdruck. Atropos wendet sich um und Dir wird ein schwarzes Kleiderbündel zugeworfen. Du fängst es ungeschickt und ein beinerner Helm, Stiefel und Handschuhe landen mit einem satten „Klonk“ zu Deinen Füßen.
„Nun mach schon… zieh das jetzt an! Ich mag die Ewigkeit Zeit haben, Du aber nicht… jetzt nicht mehr!“ Ihre Stimme gleitet leicht in Schadenfreude ab. Du folgst ihrer Anweisung; mit Göttinnen zu diskutieren hat fast immer hässliche Auswirkungen auf die eigene Gesundheit.
Sie nickt beifällig als Du fertig bist und auf einen leisen Pfiff von ihr erscheint aus dem nichts ein schwarzes Pferd, mit einer mattsilbernen Sense am Sattelknauf. „Mortis, das ist Dein neuer Besitzer.“ stellt sie Euch vor und drückt dir die Zügel in die Hand. „Und Du denk dran, immer Deine Rüstung zu tragen, sonst geht’s Dir wie ihm…“
Für einen kurzen Moment öffnest Du den Mund um zu protestieren, doch ihr Blick bringt Dich zum Schweigen. Du kennst das alte Gesetz, Du kennst es nur zu gut. Wenn Du in Notwehr tötest, gehen nicht nur das Eigentum Deines Gegners auf Dich über sondern auch seine Verpflichtungen. Das gilt für die Sterblichen, das gilt für die Götter. Und wer den Tod im Kampf bezwingt, nun ja, was willst Du machen? 

©Kerredis & Kethrys 2007
Quäl Dich nicht,
laß mich das für Dich tun.