Autor Thema: Ransoms Weg  (Gelesen 1344 mal)

Offline Ransom

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Ransoms Weg
« am: 23. April 2009, 01:03:50 »
Der schwarze Magier floh in den Wald und Ransom folgte ihm.
"Einsam,", dachte Ransom, "ziemlich einsam ist der Weg, den die Rache jemandem vorgibt." Er blieb stehen und drehte sich um. Im Gegensatz zum Wald vor ihm erstreckte sich nun vor seinen Augen die Ebene endlos hin. Die spärlichen, hellbraunen Büsche verstärkten den Eindruck einer unsäglichen Trostlosigkeit. Kein Tier hätte es gewagt, sich außerhalb der Sichtweite des Dunklen Waldes zu bewegen. Und die es wagten, ereilte der Tod durch verdursten, oder Schlimmeres.
Ransom hatte sie durchschritten, diese Wüste. Mehr als einmal hatte er geglaubt in der Endlosigkeit zu versinken zu müssen, doch ein inneres Brennen hatte ihn weiter getrieben. Nun, am Wald angekommen, mit neuer Ungewissheit vor sich, wusste Ransom um dieses Gefühl. Einsamkeit war es, sehr lange unterdrückt. Dieses Wissen konnte ihn nicht trösten.
Er ging am Rande des Waldes entlang, erst 20, dann 50 Schritte. Bäume waren hier am äußersten Rand des Dunklen Waldes selten, doch das Unterholz war undurchdringlich. Mehr noch, sobald er den Kopf zur Seite wand, schien sich in den Augenwinkeln, gerade noch am Rande des Gesichtsfeldes, etwas zu regen.
Ransom wusste genau, das der alte Zauberer gerade hier in den Wald gegangen war. Sehr wahrscheinlich hatte er viel weniger Widerstand verspürt, als Ransom jetzt. Ein unbestimmtes Gefühl von de javu und Ablehnung hatte sich stetig verstärkt, je näher er dem Wald kam. Sein ganzes Inneres sträubte sich gegen das, was er nun zu tun gedachte.
Ransom zog sein Messer aus dem Rucksack. Erinnerungen flogen vorbei wie schaler Dunst. Bessere Tage waren das, hellere.
Das dichte Gestrüpp des Unterholzes und der niederen Büsche war entweder gummiartig und schien sich vor seinem Messer zurückzuziehen, oder so hart wie die eisernen Riegel, mit denen man zu Hause Fenster und Türen bei einem Sturm zu sichern pflegte.
Nach einigen Stunden Schwerstarbeit hatte Ransom ein paar der dünneren Äste durchtrennt. Ein schmaler Durchschlupf war entstanden, der ein sehr schwarzes, fadenscheiniges Dahinter erahnen ließ. Ransom kramte seinen verschlissenen Lederbeutel hervor. Ein paar Sekunden später verbreiteten bläulich-graue Wolken herzhaften Duft. Das Denken ging mit Rauch schon immer besser. Er warf einen Blick in die Finsternis, die er zu durchschreiten gedachte. Der Eingang war sichtlich kleiner geworden! Tagelange Märsche mit ominösen Gefährten und karge Kost aus Kräutern und Pilzen hatten Ransom dünner werden lassen, doch jetzt zu warten bedeutet erneute Messerarbeit. Sein lederner Rucksack fand mit einem geschickten Schwung den Weg in den Wald. Ransom kroch hinterher und spürte, wie Äste und Wurzeln sich ihm entgegenzustemmen versuchten. Schließlich, in der Dunkelheit angekommen, griff er nach unten zu seiner Hose und war erleichtert, sie noch sein eigen nennen zu können.
 Ransoms Augen, geschult durch den Umgang mit jeglichen Fernwaffen und von wirklichen und unnatürlichen Einflüssen verbessert, gewöhnten sich nur schwer an die Lichtlosigkeit hier. Das Licht schien nicht zu fehlen, es schien diesen Ort mit Absicht zu meiden. Fahles Grau fiel von den Baumkronen herab und zersprang am weichen Waldboden schemenhaft.
Alles schien ausgerichtet zu sein, das Moos am Boden kriecht scheinbar, den Himmel kann man nicht sehen. Auch die Äste der Bäume zeigen in alle in eine Richtung. Ransom kriecht, die erste kurze Strecke voran ohne seinen Rucksack zu vergessen. Dunkel...
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Der alte Magier steht am Rand des Abgrundes. Die Schreinschlucht war mehr, als der Name vermuten lies. In dem weiten Tal, dessen Grund und anderes Ende im ungewissen, blauen Nebel lag, gab es Verzerrungen in Raum und Zeit, die dem unbedachten Wanderer leicht das Leben kosten könnten. Das war der günstigere Fall, wenn man den Eingeborenen Glauben schenken durfte. Der Magier ging weiter, Schritt für Schritt, jedes Mal prüfend, denn nicht nur der Boden, sondern auch die Luft und der Raum um ihn schienen brüchig zu sein. Magische Worte eilten seinen Füssen voraus. Auf diese langsame Weise ging der schwarze Magier in das Tal der Schreine.
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Obwohl er sich erst wenige Meter voran gearbeitet hatte, sah der Wald um Ransom überall gleich aus. Keine Richtung war erkennbar. Er musste noch ein gutes Stück kriechen um sich endlich aufrichten zu können. Instinktiv lief er vorwärts.

... wird fortgesetzt ...
Mit jedem Meter, den er vorankam, verstärkte sich das Gefühl in einen fremden Organismus eingedrungen zu sein, der hier schon seit vielen zehntausend Jahren wuchs. Unter den Fußsohlen spürte Ransom eine Kraft, die in dieser langen Zeit angesammelt worden war. Im Gegensatz zu seinen Befürchtungen schien diese dünne aber sehr stetige Macht ihn vorwärts zu bringen. Das Gehen fiel leichter als gedacht, obwohl Äste und Ranken an Armen und Schenkeln zogen. Hüfthohe, noch nie gesehene Pilze, umging er in weitem Bogen geflissentlich. Als nach einigen Stunden Arme und Beine ermüdeten, suchte sich Ran einen Vertrauen erweckenden, alten Baum, den wohl sechs große Männer mit ausgestreckten Armen nicht hätten umfassen können. Er setzte sich in dessen trüben Schatten (das Licht troff noch immer milchig von den Baumkronen herab), und versucht sich auszuruhen. Eine Stunde, wenn man etwas schlafen könnte...
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Mitten in der Schreinschlucht versuchte der alte Magier (man hatte ihn Rolf genannt vor unglaublich langer Zeit, aber auch Seghredal oder, später dann, Solherr) ein Feuer zu entfachen. Es gelingt ihm nicht auf herkömmliche Weise die alten Äste zum brennen zu bringen, die er gesammelt hat. Nur mit seiner Magie entsteht ein fadenscheiniges Feuer, das jedoch kaum wärmen kann. Er seufzt, als er seinen Tabak hervor holt und sich eine Zigarette dreht. Seit einigen Wochen ist der Vorrat an Essbarem aufgebraucht, doch das stört den Magier nicht. Blaue Wolken breiten sich aus und sinken in der schweren Luft schnell auf den Boden. Wieder seufzend streut er etwas Pulver in die dünne Flamme und wird unsichtbar.
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... zusammenzuckend wacht Ransom auf und schaut um sich. Der Wald sieht anders aus, farbiger. Er richtet sich auf und orientiert sich mühsam. Nichts deutet auf seinen bisherigen Weg hin, nur seiner Intuition folgend (und der Lage seines Körpers beim Erwachen) nimmt er den alten Weg wieder auf und geht gegen einen  fühlbaren Widerstand weiter in den Wald. Die Zeit in diesem Wald war... unstet.

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Nach den Überlieferungen stammten die alten Steingebilde aus der Zeit vor allen schriftlichen Aufzeichnungen. Keiner hätte sagen können, von wem sie erbaut wurden. Kor’Hirm, dem man ob seines Alters Glauben schenken durfte, dessen Zeugen jedoch allesamt tot oder verschwunden waren, berichtete von einem alten Geschlecht mächtiger Magier, die in der Lage gewesen sein sollen, derartige Gebäude zu errichten. Der Magier, aufblickend zum vor ihm ragenden Schrein, dessen Gipfel sich in milchigen Wolken zu verlieren schien, mochte diesen Sprüchen nicht glauben. Er spürte die Kraft, jedoch erfüllte sie das ganze Tal. Hier, am Schrein, brach sich nur diese stetige Welle wie am Bug eines schnellen Schiffes.

Fliegen ... ja, Fliegen machten ihm zu schaffen. Das waren nicht ein paar Fliegen, die man mit der Hand leicht abwehren konnte, nein, diese Fliegen waren groß wie ein Daumen und es waren Millionen. Eine dunkle Wolke kroch vom nächsten, im Dunst steckenden Schrein, langsam auf Ransom zu. Die ersten Vorboten hatte er mit ein paar Schlägen niedergestreckt und nun lagen sie zu seinen Füßen. Daumengroß, schwarz und haarig.
Ransom floh zurück in den Wald und hoffte, dass die gleichen Ängste, die ihn ins Freie getrieben hatten, die Insekten am Eindringen hindern würden.
Die Wolke wurde groß und schwarz, kam näher - und belehrte ihn eines Besseren. Ransom fiel wie ein Stein zu Boden und wühlte sich mit der Kraft eines Besessenen in den weichen Waldboden ein. Das Surren kam näher, wurde stark (sehr stark, wie er später dachte) und überflog Ransom einen Schein dunkler werdend, um hinter ihm im Wald zu verschwinden. Eine ganze Zigarette hätte er sich wohl drehen, und diese auch genüsslich rauchen können, in der Zwischenzeit. Ran wühlte sich aus den Blättern und schaute zurück. Es war nichts mehr zu sehen von den kleinen schwarzen Ungetümen ...


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... wird fortgesetzt ...
« Letzte Änderung: 19. Juni 2009, 00:10:25 von Ransom »