Autor Thema: Später am Nachmittag  (Gelesen 1581 mal)

Offline Kerredis

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Später am Nachmittag
« am: 13. Mai 2008, 15:49:50 »
Ein protestierender Nadji wurde schließlich an den Pfosten vor dem Haupttor der Bücherei angebunden. Der Pförtner hatte lautstark gewisse Bedenken geäußert, ein solches Tier sich frei zwischen den Kostbarkeiten bewegen zu lassen und ich konnte ihm nur beipflichten. Der Sleen jaulte mir hinterher, als ich eintrat, mich meiner warmen Kleidung entledigte und mir durch die scheinbar endlosen Bücherreihen den Weg zum Archiv suchte.

Hinter einer schweren Holztür, umgeben von Bergen aus Papierrollen, die bei jedem Windhauch bedrohlich schwankten, fand ich schließlich die Person, die ich suchte. Ein alter Mann, dessen blasse Haut verriet, dass er das Tageslicht wohl nicht allzu oft zu Gesicht bekam, sah mich aus dunkeln Augen aufmerksam an. „Ja?“ Seine Stimme klang heiser aber nicht unfreundlich.
„Ich suche Informationen zu dem Anwesen am Westufer.“
Er lachte kurz auf. „Dann habt Ihr also doch etwas gesehen, Matriarchin?“ Ich zuckte zusammen. Er war gewiss keiner von meinem Volk, doch er benutzte die korrekte Anredeform in einem recht akzentfreien Caladanisch. Er schmunzelte und die Fältchen an seinen Augen vertieften sich. „Ihr bindet einen Jagdsleen vor dem Tor an und tragt einen Ring, den Ihr zu verbergen sucht….“ Mein Blick schoss auf meine Linke, die nun ohne Handschuh den nach innen gedrehten Siegelring trug. „…aber seid beruhigt, man muss schon wissen, wonach man suchen sollte, um zu erkennen, was Ihr seid.“ Er winkte mir zu näher zu treten und deutete auf einen Stuhl. „Setzt Euch… Ihr sucht also Informationen über die Familie von Shindar? Wieviel wisst ihr bereits?“ Ich nahm Platz und winkte ab. „Kaum etwas, nur Fetzen von Gerüchten. Es heißt, es hätte ein Blutbad zum Chrysanthemen-Fest gegeben und seither würden ihre Geister umgehen.“

Der Alte schnaubte. „Geister! Und? Was habt Ihr gesehen?“ „Gesehen? Nun ja….“ Ich erzählte ihm von den Vorfällen in meinem Arbeitszimmer und von den Gerüchten, die ich gehört hatte. Er nickte, als ich geendet hatte und erhob sich. „Wartet hier.“ Er verschwand hinter einem Stapel, ich hörte eine Tür, dann herrschte Stille. Nach einigen Minuten kehrte er zurück, einen kleinen Packen Papier in den Händen und eine Rolle unter den Arm geklemmt. „Ich habe die Aufzeichnungen des Richters gefunden, der den Fall damals untersucht hat.“ erklärte er mir freudestrahlend. „Man hatte damals einige Mitglieder der Dienerschaft in Verdacht, doch alle konnten beweisen, dass sie am Abend nicht im Haus gewesen sind. Also wurde nie jemand angeklagt oder verurteilt. Und hier ist ein Plan des alten Hauses. Man fand die Leichen hier, hier und hier.“ Er deutete auf einige Stellen auf dem Plan, auf dem ich nur noch wenig wieder erkannte und auf einen Punkt außerhalb des Hauses.

„Darf ich mir die Unterlagen einige Tage ausleihen?“ Er sah mich prüfend an und schüttelte den Kopf. „Mitgeben kann ich sie Euch nicht, aber mein Gehilfe kann Euch Kopien anfertigen. Sagen wir, in zwei Tagen könnte er sie bei Euch abliefern.“ Ich bedankte mich herzlich und versäumte es auch nicht, einige Münzen auf dem Tisch zu platzieren. Als ich schon fast in der Tür war, drehte ich mich um… „Wo sind sie begraben?“
„Hmm?“ Der Alte stutze. „Auf dem Friedhof natürlich. Die Familie hat dort ihre eigene Gruft.“ „Die Diener auch?“ Er legte seine bleiche Stirn in Falten. „Hmm, ja auch die…. Eigentlich seltsam, aber man dachte vermutlich, wenn schon alle zusammen gestorben sind, könnten sie auch zusammen zur Ruhe gebettet werden.“ „Oder auch nicht.“ murmelte ich hablaut und verschwand. 


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« Letzte Änderung: 21. Mai 2008, 15:03:27 von Kerredis »
Quäl Dich nicht,
laß mich das für Dich tun.