Autor Thema: Auf dem Weg zur Bücherei  (Gelesen 1697 mal)

Offline Kerredis

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Auf dem Weg zur Bücherei
« am: 10. April 2008, 14:45:07 »
„Nadji! Lass das! Hör auf!“
Mühsam zog ich den Sleen an den einzelnen Marktständen vorbei.  Worauf hatte ich mich da nur eingelassen? Warum hatte ich mich überreden lassen, Nadji mitzunehmen? Und wieso hatte ich vergessen, dass man auf dem Weg zur Bibliothek über den Markt musste? Fragen über Fragen.

Was die erste anging: Rugi hätte sie vermutlich in die Kategorie „Selbst schuld“ gepackt und damit recht behalten. Es war ihre Idee gewesen, Nadji mitzunehmen, sie hatte darauf bestanden. Mein Argument, dass hier eine caladanische Matriarchin wohl kaum ein lohnendes Opfer für Entführer oder Auftragsmörder wäre und ich selbst in meiner Heimat noch keinen derartigen Ruf hätte, ließ sie nicht gelten. So hatte ich mich murrend in die Kluft einer Hausangestellten gehüllt, meine Haare unter einem Tuch verborgen, die Hand mit dem Siegelring in derben Handschuhen versteckt und mich mit einem an seiner Leine zerrenden Jagdsleen auf den Weg gemacht. Gewiss, ich hätte meine Befehlsgewalt ausspielen und Nadji daheim lassen können, Rugi hätte sich gebeugt, doch im Allgemeinen waren ihre Ratschläge gut genug, um ernsthaft darüber nachzudenken.

„Nadji!“ Ich zog an seiner Leine, vergebens. Der Sleen hatte in Ermangelung anderer Jagdbeute den Stand eines Metzgers zum Objekt seiner Begierde erklärt und begann mit der feuchten und lautstarken Verherrlichung eines Knochenstapels neben der Verkäuferin. Ich verdrehte innerlich die Augen, vermutlich wurde im Moment keine Gottheit mehr verehrt und angebetet, als dieser Haufen alter Suppenknochen.

„Nadji… Es tut mir leid.“ Die alte Frau in einer derben Lederschürze hatte seinem Treiben amüsiert zugeschaut und warf ihm schließlich den Beckenknochen eines Schweines zu. Nadji brach in lautstarke Verzückung aus, quittiert vom dröhnenden Gelächter der Alten. „Danke…“ Ich kramte ein paar Münzen heraus, doch sie winkte ab. „Ich hätte das ohnehin nicht mehr verkaufen können. Was ist das überhaupt?“ „Ein caladanischer Jagdsleen, sein Name ist Nadji.“ Nadji hob seine Ohren, als er seinen Namen hörte, ließ seine Aufmerksamkeit jedoch zur Gänze bei seiner Beute. „Caladanisch, eh? Gute Handwerker… haben meinen Stand gebaut.“ Sie deutete auf die Seitenpfosten, die mit einer für die Metzgergilde typischen hölzernen Ranke aus geschnitzten und bemalten Würsten und Schinken verziert waren. „Kaltes Blut aber geschickte Hände…“ ergänzte sie ihren Eindruck von meinem Volk. Ich nickte nur. „Ihre Matriarchin ist in das Anwesen am Fluss gezogen…“ stellte ich vorsichtig in den Raum in der Hoffnung auf eine Reaktion. Ich wurde nicht enttäuscht. Marktleute waren doch immer gleich. An ihnen ging niemals eine Information zum Stadtgeschehen vorüber und wenn man wusste wie, waren sie gern bereit, ihre Schätze zu teilen.

„Oha! In das Spukhaus! Da wünsche ich angenehme Träume!“ Ich schlug mit einem angemessenen Ausdruck von Furcht und Neugierde meine Hände zusammen. „Spukhaus? Ich habe nie etwas bemerkt, aber ich verbringe meine Nächte auch daheim. Was ist dort passiert? Wer spukt denn dort?“ Die alte Frau sah sich in aller Ruhe um, doch zu meinem Glück war der Markt weitgehend leer. „Nun jahhhh,“ begann sie gedehnt. „Ich weiß auch nur, was mir meine Großmutter erzählt hat. Es scheint so, dass sich während eines Festes ein Blutbad in dieser Familie abgespielt hat, aber niemand weiß genaues. Aber die Herrschaft; ihre drei Söhne, eine Dienerin und die Mutter der Dienerin wurden am nächsten Morgen gefunden… alle tot. Man sagt, sie hätten sich gegenseitig getötet, doch niemand konnte sich den Grund dafür erklären. Es heißt, ihre Seelen würden solange dort verweilen, bis Licht an die Sache käme… „ Sie brach schulterzuckend ab.

„Was war das für ein Fest?“ Ich wusste nicht, warum ich diese Frage stellte, doch sie kam mir auf einmal über die Lippen. Die Marktfrau furchte die Stirn… „Nun ja, das war das Chrysanthemen-Fest…“ Und der schwere Duft der Blüten schien mich erneut zu umwehen. 

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« Letzte Änderung: 21. Mai 2008, 15:04:00 von Kerredis »
Quäl Dich nicht,
laß mich das für Dich tun.