Autor Thema: Das alte Anwesen am Westufer  (Gelesen 1502 mal)

Offline Kerredis

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Das alte Anwesen am Westufer
« am: 31. März 2008, 13:52:46 »
Die Sonne schien auf das Glasdach des Gewächshauses und einige vereinzelte Bienen summten um die Orchideen herum, die ich gerade eintopfte. Angesichts der Tatsache, dass ich es geschafft hatte, meinen offiziellen Pflichten zu entfliehen, summte ich leise mit.

Es war erst einige Wochen her, dass ich die Zelte neben der Baustelle meines Hausers abbrechen konnte und allmählich war ich das Lagerleben auch leid geworden. Der Kauf des Anwesens am Westufer des Flusses war schnell gegangen. Der Makler hatte sich fast ungebührlich erleichtert gezeigt, das Grundstück loszuwerden, wenn er es auch vermieden hatte uns von den Spukgeschichten zu erzählen, die sich um Haus und Garten rankten. Ich wusste nicht, ob der hier umherirrende Geist es je mit meinem Volke zu tun gehabt hatte oder ob er darauf wartete, standesgemäß durch das Haus anstatt durch mein Zelt zu spuken. Jedenfalls waren wir uns noch nicht begegnet und auch Nadji hatte den Garten und den Fluss anstandslos als Jagdrevier akzeptiert.

Doch die Renovierungsarbeiten hatten sich scheinbar endlos hingezogen und an manchen Tagen wurde ich vom Wunsch heimgesucht, selber mit anzupacken. Rugi hatte nach besten Kräften versucht, mich zu beschäftigen und auch wenn ihr das Gelang: Ich war heilfroh, als wir endlich die Statuen von Ona und Venarion in ihren Nischen rechts und links vom Haupteingang aufstellen und segnen lassen konnten, um die Einweihung auch offiziell zu vollziehen. Rugi und ich hatten Tage verbracht, dicke Folianten und zerbrechliche Pergamentrollen aus den Kisten zu räumen und in der Bibliothek an ihre neuen angestammten Plätze zu legen. Ich hatte in den Aromen von Ledereinbänden, schwerem Papier und Tinte geschwelgt und mich auf die kalten dunklen tage gefreut, die ich inmitten meiner Schätze am Kamin zu verbringen gedachte.

Doch nun waren die offiziellen Räume im Erdgeschoss ebenso hergerichtet wie meine Privaträume im Obergeschoss. Das Gewächshaus am Ufer hatte neue Scheiben und die hölzernen Planken des Bootssteges rochen nach frischer Beize. Bald würde auch der Garten zu neuem Leben erwachen.
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Re: Das alte Anwesen am Westufer
« Antwort #1 am: 08. April 2008, 10:11:59 »
Missmutig starrte ich auf die Pergamentrolle, dann seufzte ich, griff nach der Feder und schrieb einige Zeilen. Aufatmend schob ich die Rolle beiseite und lehnte mich mit einem zufriedenen Seufzen zurück. Nadji, der vor meinem Schreibtisch lag, gähnte und öffnete träge ein bernsteinfarbenes Age. Dann setzte er sich auf, die Ohren gespitzt und Rugi betrat leise mein Arbeitszimmer, ein Tablett mit einem dampfenden Becher heißer Schokolade in den Händen. Sie stellte es neben meinem Ellenbogen ab, warf einen wissenden Blick auf den Schreibtisch und grinste leicht. „Wie ich sehe, bist Du zu einer Lösung gekommen.“ Ich grunzte kurz.

Es hatte lange genug gedauert, den leidigen Zwist zwischen Martok, dem Meister der Maurergilde und Taron zu beenden, der seine Glasbläsergilde um eine weitere Werkstatt vergrößern wollte. Martok hatte das Gebäude natürlich Veranion weihen wollen, dem Gott des Handwerks. Taron hatte dagegen gehalten, dass in dieser Werkstatt Dornen, Rauch- und Implosionskugeln, also Waffen hergestellt werden würden; natürlich müsse das Haus also Temror, dem Gott des Waffenhandwerks gewidmet werden. Ich konnte mir inzwischen lebhaft vorstellen, für wie belanglos die meisten Bewohner der Stadt diese Debatte halten würden, doch mein Volk nahm diese Dinge nun einmal sehr ernst und brachte es fertig, aus einer Bagatelle einen jahrzehntelangen Streit zu machen.

Ich streckte mich und griff zufrieden nach der Schokolade mit dem tiefen Gefühl, mir diesen Genuss verdient zu haben. „Martok kann das Haus Veranion weihen, die Geräte, Materialien und Werkzeuge werden Temror geweiht. Aber Taron bringt Veranion ein monatliches Opfer, damit sein Segen weiter auf seinen Handwerkern ruht.“ Rugis Lippen kräuselten sich und ihre Mundwinkel wanderten etwas mehr in die Breite. „Elegant. Beide werden so tun als ob sie grollen, aber jeder wird das Gefühl haben, das zu bekommen was er will….“ Ich erfuhr niemals, was sie noch sagen wollte, Nadji dumpfes Knurren bestätigte mein plötzliches Gefühl, dass etwas… irgendetwas entsetzlich falsch war. Anders konnte ich es nicht in Worte fassen.

Von einem Augenblick auf den Anderen hatte sich die Atmosphäre um uns herum geändert und das bohrende Gefühl, nicht mehr allein zu sein schnürte mir die Kehle zu. Ich sah nichts, ich hörte niemanden außer Nadji, doch ich glaubte Stimmen wahrzunehmen, die stritten. Ich wusste, es waren Männer- und Frauenstimmen, doch weder konnte ich sagen, wie viele noch verstand ich irgendetwas. Es gab keine Worte, nur das Gefühl von Wut und Verzweiflung. Der Eindruck war kurz, intensiv, aber verschwommen. Dann wehte ein leichter Hauch den blumigen Duft eines Parfüms um uns herum und die Welt kehrte in ihre bekannten Fugen zurück.

Wir sahen uns an, niemand von uns fand Worte. Irgendwie war ich beruhigt, dass Rugi genauso fassungslos meinen Blick erwiderte. Die Frage, wie ich ihr dies hätte erklären sollen, hätte nur eine Antwort nahe gelegt, nämlich dass man mich für verrückt halten würde. Doch sowohl Rugi als auch Nadji waren Zeugen dieses Ereignisses gewesen, was auch immer es gewesen sein mochte. „Scheinbar hatte der Makler doch weniger Phantasie als wir angenommen hatten.“ Meine Stimme klang unsicher und ich versuchte das Zittern hinter einem großen Schluck heißer Schokolade zu verbergen. Rugi verzog das Gesicht und bückte sich nach etwas vor ihren Füßen. Als sie sich erhob, hielt sie einen schweren Goldfaden zwischen Daumen und Zeigefinger. Ich sah mich nicht um, keiner von uns trug Kleidung mit Goldstickereien und auch Kissen, Polster und Vorhänge im Haus enthielten nichts dieser Art. Wo auch immer der Faden hergekommen war, wir hatten ihn nicht in diesen Raum getragen.

„Wie es scheint, hast Du endlich einen Grund, Dich mal wieder heimlich in die Stadt zu schleichen.“ Auch wenn ich mich insgeheim ärgerte, dass Rugi meinen Gesichtsausdruck viel zu gut lesen konnte und mich besser kannte als mir lieb war… sie hatte recht, wieder einmal… es wurde Zeit, auf die Jagd zu gehen.


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« Letzte Änderung: 21. Mai 2008, 15:01:56 von Kerredis »
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Re: Das alte Anwesen am Westufer
« Antwort #2 am: 08. April 2008, 11:37:35 »
Am nächsten Tag

Es hatte mir unter den Nägeln gebrannt und alles in mir hatte danach gelechzt, sofort aufzubrechen und dem Geheimnis des Anwesens auf die Spur zu kommen, dass gegen alle meine Vermutungen nun doch auf meinem Hause lag. Den Makler zu fragen war vergebliche Liebesmüh gewesen, zu lange hatte das Anwesen leer gestanden, seit mehr als einem Jahrhundert waren die Gebäude langsam vor sich hin verfallen. Vielmehr hatte ich den Nachmittag genutzt, um begleitet von Nadji durch die Teile des Anwesens zu streichen, die meinen Gärtnern noch nicht unter Hacke und Rechen gekommen waren. 

Ich rechnete nicht damit, auf verborgene Gräber der Vorbesitzer zu stoßen und war auch nicht allzu enttäuscht, als ich keine versteckten Ruhestätten fand. Ein Erfolgserlebnis jedoch hatte ich zu verzeichnen: in der Nähe meines Gewächshauses erwies sich meine Nase als Der von Nadji ebenbürtig. Der Blumenduft, der zuvor in meinem Arbeitszimmer gehangen und sich nur allmählich aufgelöst hatte, schwebte wie eine unsichtbare Wolke über einem der Beete. Chrysanthemen! Natürlich, sie fanden sich fast überall in der Stadt. Die Essenz der Blüten hatte einigen Familien ungeheuren Reichtum beschert und das jährliche Chrysanthemen-Fest gehörte zu den gesellschaftlichen Höhepunkten des Jahres und den Blütezeiten für Wirts- und Gasthäuser.

Mir persönlich war der Blütenduft zu schwer, um ihn als Parfüm zu verwenden, doch er bot mir einen Anhaltspunkt, um meine Suche in der städtischen Bibliothek nicht aufs Gratewohl beginnen zu müssen.
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Re: Das alte Anwesen am Westufer
« Antwort #3 am: 21. Mai 2008, 14:59:13 »
Der vierte Tag – Vormittag

„Hier sollte es sein.“ Rugi hielt die Kopie des alten Plans meines Hauses in der Hand, der gestern von einem Bibliotheksboten geliefert worden war und deutete auf eine Stelle vor meinem Schreibtisch. Ich nickte, nur mäßig überrascht.
Die beiden vergangenen Tage waren mir länger vorgekommen, obwohl einige der Zunftmeister sich lebhaft bemüht hatten, sie zumindest mit interessanten und ausgefallenen Problemen zu verkürzen. Doch am gestrigen Tag hatte ein junger Bursche einen Stapel Papiere abgeliefert und so wie der Tag lang gewesen war, wurde die Nacht nun sehr kurz. Die alten Grundrisse zeigten kaum noch Ähnlichkeiten mit der heutigen Verteilung der Räume, zu viele Wände waren eingefallen oder eingerissen worden und Himmelsrichtungen auf Plänen anzugeben, schien sich keiner großen Beliebtheit erfreut zu haben.

Es hatte mehrere Stunden gedauert, bis ich herausgefunden hatte, dass Teile des damaligen Hauptraumes dort gelegen hatten, wo ich meinen Arbeitsraum eingerichtet hatte. Zwei der Dienerinnen hatte man in der Vorhalle gefunden, dies war der einfache Teil gewesen. Ein weiterer Diener und der älteste Sohn waren vor dem Haus gestorben, doch inzwischen waren an dieser Stelle einige Tanith-bäume gewachsen. Ein weiterer Körper musste dem Report nach vor meinem Schreibtisch gelegen haben, die Berichte waren nicht sicher, ob es sich um den mittleren oder den jüngsten Sohn gehandelt hatte. Die Herrin des Hauses war im damaligen Esszimmer gefunden worden, der Raum war heute Rugis Arbeitsraum, sie nahm den Umstand mit einem kurzen Knurren zur Kenntnis.

Am mühlseligsten war es gewesen herauszufinden, wo der Hausherr und der dritte Sohn aufgefunden worden waren. Teile des Hauses waren eingestürzt, als die Jahrhunderte Zeit und Muße hatten, sich mit den Mauern zu befassen, vermutlich lag die Stelle irgendwo zwischen dem Haus und meinem Gewächshaus. Rugi und ich waren zusammen mit Nadji immer und immer wieder das Gelände abgeschritten, vermutlich in der Hoffnung, das Ereignis würde sich wiederholen, ein Geist würde erscheinen oder der Chrysanthemenduft würde uns den Weg zeigen. Ich sprach es nicht laut aus, diese Geschichte hatte mehr als nur mein Interesse geweckt. Ich fühlte mich wie damals, als ich meinen ersten Fall als Matriarchin übernommen und mich das Jagdfieber gepackt hatte. Wir mochten unsere Neugierde hinter unseren Formen verstecken (gewöhnlich wurde sie dadurch eher angeheizt), wir mochten nicht allzu viel von Geistern halten (fünf Götter reichten in unseren Augen völlig aus), doch nichts lockte uns mehr aus der Reserve als ungelöste Rätsel. Doch abgesehen von einigen Stellen, an denen ein Pflanzenkübel gut aussehen würde, fanden wir nichts und Nadji zeigte eher Interesse für Maulwurfshügel als uns und unsere Fragen. 

Gegen Mittag brachen wir ab. „Ich denke nicht, dass wir hier etwas finden, dass uns weiterhilft.“ „Du willst auf den Friedhof?“ Rugi hielt noch immer den Bericht des Richters in Händen. „Schon recht ungewöhnlich, dass man die Diener mit ihrer Herrschaft begraben hat.“ Sie blätterte durch die Seiten. „So weit ich weiß, gibt es hier gesonderte Gräber für Leute, die keine Gruft bezahlen können und ich kann mir nicht vorstellen, dass sie so gut bezahlt wurden.“ Ich nickte abwesend. Mit dem Gedanken, seine Toten in der Erde zu vergraben, ob nun in Stoff gewickelt oder in einer Kiste, konnte ich mich nicht wirklich anfreunden. Vielleicht war dies auch der Grund, warum manche Toten eben nicht zur Ruhe kamen. Schließlich sah ich auf. „Nach dem Mittagessen gehen wir beide los.“ entschied ich. „Die Familie soll eine eigene Gruft gehabt haben, die sollte sich doch finden lassen.“ 

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« Letzte Änderung: 22. Mai 2008, 15:11:56 von Kerredis »
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