Autor Thema: Die Chroniken des Randjir - Gesammelt und aufgezeichnet von Randjir  (Gelesen 173 mal)

Offline Randjir

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Das Stadttor

Das Tor stand offen, wie es das bisher jeden Tag getan hatte. Nun, was sollte auch passieren? Wer sollte Elteran angreifen? Die Goblins, die sich im nahen Wald herumtrieben, waren wenig furchteinflössend*, und dass ihre Zahl nicht überhand nahm, dafür sorgten die unzähligen Zauberer, die Tag für Tag auszogen, um Goblinköpfe zu ergattern. Es grenzte an ein Wunder, dass sie sich überhaupt noch im Wald zeigten. Vielleicht gab es irgendwo gut versteckt eine Höhle, in der ein mächtiger, aber verrückter Magier hauste, der diese armseligen Kreaturen sisyphos-gleich erschuf.
Die Sonne im Gesicht, den Hut weit in den Nacken geschoben, schritt er leichten Fusses durch das Stadttor, um sich auf den Weg zu machen, seinen Anteil an der Goblinkopfbeute für heute einzustreichen.
„Wohin des Weges, Fremder?“ Eine befehlsgewohnte Stimme liess ihn innehalten. Verdutzt und leicht verärgert schaute er sich um. Wer traute sich da, in seine morgendliche Routine einzubrechen? „Wer seid Ihr? Und wohin wollt Ihr, habe ich gefragt!“ Oh, jemand war neugierig, und die Neugier schien zu wachsen, je länger er auf Antworten warten musste. Vor ihm stand ein Stadtwächter, leicht zu erkennen an der blau-goldenen Uniform, dem Helm, der entfernt an ein grosses Ei erinnerte und mit einer Harpyienfeder geschmückt war, und, nicht zu vergessen, der viel zu langen Hellebarde.
„Sprecht Ihr mit mir?“
„Wer seid Ihr? Wohin geht Ihr? Und was erdreistet Ihr euch, einfach durch das Stadttor zu spazieren, ohne euch bei mir zu melden?“ – Schon drei Fragen, der Kerl hatte wirklich einen unbezwingbaren Wissensdurst.
„Nun, mein Freund, Du scheinst neu hier zu sein“, antwortete er nachsichtig lächelnd. Unwissenden half er gerne. „Ich bin schon eine ganze Weile in der Stadt, und, ohne übertreiben zu wollen, muss ich sagen, dass ich in bestimmten Kreisen bereits einen gewissen Ruf erlangt habe.“ Zumindest der Wirt in der Taverne grinste immer breit, wenn er durch die Tür stapfte. „Ich denke, Du solltest dir ein Beispiel an deinem Kollegen dort drüben nehmen und die Sache etwas entspannter angehen. Das würde unser beider Tagwerk angenehmer gestalten.“ Deutet mit dem Finger auf die zweite Stadtwache, die ziemlich entspannt auf der anderen Seite des Tores an die Wand gelehnt sitzt und hörbar schnarcht.
„Ich verlange Antworten, unverschämter Kerl!“ Der Wächter stellte sich breitbeinig auf, ergriff die Hellebarde mit beiden Händen und hielt sie leicht zur Seite gesenkt vor sich. Wahrscheinlich sollte das bedrohlich wirken, sah aber nur lächerlich aus: Die Hellebarde war einfach zu unhandlich, sie diente eher als Schmuck, zum Kämpfen war sie denkbar ungeeignet.
„Also gut, mein wissbegieriger Freund, wenn es denn unbedingt sein muss, erzähle ich dir, wer ich bin. Aber ich muss Dich warnen, das könnte eine Weile dauern.“ Seufzend setzte er sich mitten auf den Weg und legte seinen Stab neben sich. Irgendwie hatte er sich seinen Tag anders vorgestellt.
Seine Brust füllte sich mit der frischen Morgenluft, er setzte sein bestes lehrerhaftes Gesicht auf und begann: „Nun denn, mein Name ist Randjir, dessen Taten so unbeschreiblich sind, dass er sein eigener Chronist wurde. Und vernimm nun diese meine Geschichte, Unwissender, auf dass du vom heutigen Tage an erleuchtet durch Arthoria wandelst…“

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* Natürlich weiß ich, dass die richtige Schwreibweise "furcht­ein­flö­ßend" ist, nur lebe ich in einem Land, in dem Computertastaturen ohne Eszett (Buckel-S, scharfes S) ausgestattet sind. Um nicht ständig ein ß per Copy-Paste einfügen zu müssen, benutze ich hier und im Folgenden die landesübliche Schreibweise (ss). Ich hoffe, der geneigte Leser sieht mir das nach...
« Letzte Änderung: 02. November 2017, 12:56:40 von Randjir »

Offline Randjir

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Der Anfang
« Antwort #1 am: 25. Oktober 2017, 10:42:11 »
Der Anfang

Aufwachen, Schlafmütze! Erschrocken schlug er die Augen auf. Gleissende Helligkeit fuhr wie ein Blitz stechend in sein Gehirn, so dass er sie sofort wieder schloss. Wo war er hier?

Das letzte, an das er sich erinnern konnte, war ein dunkler Raum, dessen Grösse man nicht erahnen konnte. Nur der Bereich um ihn herum war in schummriges, graues Licht getaucht, das aus der Luft selbst zu kommen schien. Vor ihm stand sein Gegner, ganz in schwarz gekleidet, mit wehendem tiefschwarzen Umhang und einer schwarz glänzenden Maske. Bei jedem Atemzug gab er seltsame röchelnde Geräusche von sich, die klangen, als hätte er schwere Probleme die Luft in seine Lungen zu ziehen. (Warum nahm es dann nicht einfach die Maske ab?) Er selbst hielt einen Stab in der Hand, der aus sich selbst heraus zu leuchten schien, irgendwie komplett aus Licht bestand und dabei er knapp oberhalb der Hörschwelle tief summte. Aber nicht nur er hielt einen solchen Stab, und mit zwei federnden Schritten waren Gegner und dessen Stab bei ihm. Der erste Angriff kam von links und zielte auf seinen Kopf, aber er parierte intuitiv. Licht traf auf Licht, und ein Knall wie bei einer leichten Entladung war zu hören. Jetzt begannen beide Stäbe ihren ganz eigenen Tanz, drehten in Halbkreisen, mal hoch mal tief. Aber egal wohin sein Gegner auch zielte, sein eigener Stab war bereits dort. Jede Drehung, jeder Schwung war begleitet von einem tiefen Brummen. Das Adrenalin pumpte durch seine Adern, die Zeit begann immer langsamer und träger zu fliessen.
Schliesslich, nach einer endlosen Folge von Schlag und Parade wich der Schwarze zurück. Ein Mal, zwei Mal war sein Röcheln zu hören, dann griff er wieder an. Der erste Schlag kam wieder von links oben - das hatte er erwartet. Dieses Mal legte er all seine Kraft in die Parade, drückte gegen den Hieb seines Gegenübers. So konnte dieser keinen zweiten Angriff folgen lassen, sondern war gezwungen, selbst mit aller Macht dagegenzuhalten, um nicht Gefahr zu laufen, dass seine Waffe zur Seite gedrückt wurde. Dort, wo sich Licht und Licht begegneten, begann es laut zu knistern.
Unmerklich verlagerte er nun sein Gewicht auf den Vorderfuss, hob den anderen entlastetend und begann sich blitzschnell um seine eigene Achse zu drehen. Er merkte, wie sich die beiden Waffen Millimeter um Millimeter senkten. Durch seine Drehung war er nicht in der Lage, dem Druck lange standzuhalten. Aber war die Bewegung erst eingeleitet, musste er sie auch zu Ende führen. Seine Hüfte schwang jetzt an seinem Gegner vorbei. Das war der kritische Augenblick, aber er berührte ihn nicht, spürte nur die Nähe des fremden Körpers. Nun befand sich sein Kopf unterhalb der knisternden Lichter. Er veränderte fliessend den Winkel in seinem linken Arm, und die Lichter kamen belendend in einem geführten Bogen vor seinem Gesicht herab. Das war der Moment, den Druck vollends zurückzunehmen, Arme anwinkeln, und den Kreis mit nach vorne gestrecktem Stab vollenden…
Bis auf das permanente leise Summen war es still. Die Zeit war immer noch eine klebrige Masse, die einfach nicht tropfen wollte. Dann kam das Röcheln, erstickter, angestrengter als zuvor. Der Schwarze sackte auf die Knie, hob den Kopf und blickte ihn an. Augenblicklich löste er sich in einer Wolke aus grauem Nebel auf.
Der Zeittropfen löste sich und fiel.
Triumphierend lächelnd drückte er mit einem Finger auf einen versteckten Knopf am Griff des Leuchtschwertes – ja, jetzt war er sich sicher, dass es sich um ein Schwert handelte -, und das Leuchten verschwand mit einem zischenden, saugenden Geräusch. Aus dem Nichts erklangen Fanfaren, und er registrierte die göttliche Energie, die aus dem Nirwana in ihn überging und ihn auf ein neues Level hievte. Randjir, Bezwinger der dunklen Seite, dessen Heldentaten bis an das Ende aller Galaxien besungen werden…
Währenddessen war der Nebel schleichend auf ihn zu gewabert und begann ihn nun langsam von den Füssen her einzuhüllen. Da wo er ihn berührte, wich schlagartig jegliches Gefühl, nicht einmal Kälte war zu spüren. Erschrocken versuchte er einen Schritt zurück zu machen, aber der Nebel hielt ihn mit seinen geisterhaften Krallen fest, griff langsam nach seiner Brust und seinen Armen. Er nahm seine ganze Kraft zusammen, konzentrierte seinen Willen und gab seinen Beinen den energischen Befehl sich zu bewegen. Nichts geschah. In seiner Verzweiflung versuchte er, sein Leuchtschwert zu reaktivieren, um so diesem unheimlichen Gegner zu entfliehen, aber das ersehnte Saug-Geräusch war nicht zu hören, kein Leuchten erfüllte ihn mit Hoffnung. Das Spiel ist aus! Die Erfolgreichen sind als Erste am Ende… Von irgendwo aus der Ferne hörte er leise eine bekannte Melodie: It’s the end oft he world, R.E.M.
Sein Verstand begann langsam, sich in die hinterste und dunkelste Ecke zu verkriechen. Paralysiert und in Todesangst gefangen erwartete er das Unvermeidliche: Der Nebel erreichte seinen Hals, eine Nebelschwade löste sich und wanderte tastend seinen Hals hinauf, krabbelte über sein Kinn und fand schliesslich seinen Mund. Er schrie… Bis der Schrei in einem gurgelnden Röcheln erstarb.
Danach war das Nichts.

Als sein Geist sich wieder langsam hervortraute, spürte er eine angenehme Wärme in seinem Rücken, an seinem Gesäss, an seinen Beinen. Von irgendwo her kam die Mitteilung, er läge, und dem Gefühl nach nackt. Dieses Gefühl war nicht unangenehm, er fror nicht, fühlte sich vielmehr geborgen. Und Nacktheit an sich stellt erstmal kein Problem dar.
Ein zweites Mal öffnete er die Augen, dieses Mal vorsichtiger, nur einen Schlitz, um sich an die Helligkeit zu gewöhnen. Gleichzeitig registrierte er, dass auch seine anderen Sinne wieder zum Dienst antraten: Er hörte Vögel zwitschern, der Wind strich sanft über ihn hinweg, und er nahm den Geruch von Staub und Erde wahr.
Immer noch blinzelnd bewegte er den Kopf und versuchte seine nähere Umgebung in Augenschein zu nehmen. Er erkannte eine beige, grob verputzte Wand, einen grossen Gegenstand, der aus Holz zu sein schien und dahinter einen Baum. Eine Bewegung am Rande seines Sichtfeldes liess ihn zusammenzucken. „Gefahr“ hallte es durch seinen Kopf, und seine Konditionierung liess ihn augenblicklich zur entgegengesetzten Seite rollen. Während er sich blitzschnell herumdrehte, zog er Knie und Arme an, und schoss wie ein Pfeil in die Höhe, die Arme nahm er kampfbereit in die Höhe. Die Gefahr stellte sich als kurzhaariger Strassenköter  heraus, der bereits winselnd und mit eingekniffenem Schwanz das Weite suchte. Randjir, Geissel hilfloser Strassenhunde, der aus dem Dunkel ans Licht gebracht wurde, um der Welt seinen nackten Kriegstanz vorzuführen…
Nachdem diese erste Heldentat vollbracht war, blieb die ursprüngliche Frage: Wo war er?
Er war anscheinend auf der Strasse in einer Ansiedlung zu sich gekommen. Die Häuser, die er nun erkannte, waren eine Mischung aus Lehm- und Holzhütten und vereinzelten Häusern aus grauem Stein. In der Ferne erblickte er Türme, und zwischen zwei Hütten hatte jemand ein Zelt aus Fell aufgestellt. Nun, anscheinend befand er sich in einer Stadt. Einer Menschenstadt, um genau zu sein, den in diesem Augenblick spazierten zwei funkelnde Rüstungen an ihm vorbei, die sich rege in einer Sprache unterhielten, die er verstand. Du bist nackt… Schnell verbarg er seine Blösse, oder zumindest den wichtigsten Teil davon mit den Händen. Aber die zwei Gestalten ignorierten ihn und seinen Zustand. Kam es hier häufiger vor, dass jemand nackt auf der Strasse aufwachte, verwirrt, orientierungslos?
Er schaute hinab. Na endlich… Dort neben ihm lagen Kleidungsstücke, einfache aus Leinen, aber besser als alles, was er momentan trug. Schnell streifte er sich Hemd und Hose über, schmunzelte als er den komischen Hut sah, setzte ihn dann aber trotzdem auf. Jetzt sah er bestimmt wie ein Bauernlümmel aus, der sich als Zauberer verkleidet hat.
Er wollte sich gerade auf den Weg machen, den beiden Rüstungen zu folgen, als sein Blick auf einen Stock fiel, der an der Wand hinter ihm lehnte. Hatten die zwei nicht auch einen ähnlichen Stock getragen? Als sich seine Finger um ihn schlossen, durchfuhr sie ein Kribbeln, und in seinem Kopf öffnete sich eine Tür, durch die blaues Licht floss, das sich durch seinen ganzen Kopf zu ergiessen schien. Das Licht schwappte förmlich von innen gegen seine Stirn. Darauf war er nicht vorbereitet gewesen. Er stolperte vorwärts und stützte sich gerade noch rechtzeitig mit dem Stock ab, bevor er vornüber zu fallen drohte. Okay, als Gehhilfe taugt der bestimmt auch…
Nein, da war noch mehr: Das blaue Licht hatte seltsame Zeichen an den Wänden in seinem Kopf hinterlassen. Was wäre wenn, dachte er. Er schwang den Stab, aber nichts geschah. Versuchsweise hielt er den Stab ausgestreckt vor sich, murmelte einige Worte, in einer Sprache deren Beherrschung ihm bis zu diesem Augenblick nicht bewusst war, und aus dem Stab schoss ein Pfeil aus Feuer. Dieser jagte die Strasse hinunter, verfehlte ein Holzhaus um Haaresbreite und schlug funkensprühend gegen eine Lehmwand, auf der er einen dunkelbraunen Kürbisgrossen Fleck hinterliess. Randjir, der mit seinem Schatten kämpft und dabei fremdes Eigentum beschädigt…
Die zwei Rüstungen drehten sich um und erhoben ebenfalls ihre Stäbe (ja, es handelte sich hier wirklich um Stäbe). „Entschuldigung! Anfängerprobleme!“ rief er schnell. Kopfschüttelnd sanken die Stäbe, und die zwei Rüstungen nahmen ihr Gespräch und ihren Weg wieder auf.
Genug herumgespielt! Bevor er das nächste Mal unbekannte blaue Worte aussprach, sollte er lieber vorher jemanden fragen, der sich damit auskannte. Schnellen Schrittes folgte er den Rüstungen und gelangte nach einigen Metern ans Ende der Strasse, die auf einen grossen baumbestandenen Platz mündete, in dessen Mitte sich ein Brunnen befand. Der Brunnen war mit drei Figuren bestückt, die menschenähnliche Wesen darstellten: Die mittlere war erhöht, hielt eine Waage in der Linken und hielt die rechte Hand ausgestreckt mit der Handfläche nach oben; die beiden anderen Figuren waren einander zugewandt, wobei die rechte einen Blitz auf die linke schleuderte, und die linke einen Schild schützend vor sich hielt.
Sein Blick wanderte nach links. Eine Frau kam in seine Richtung. Sie war von zarter Statur, vielleicht einen Kopf kleiner als er. Sie trug eine dunkle lederne Weste, die an den Seiten verschnürt war, eine abgewetzte lederne Hose, und auf dem Kopf trug sie einen spitzen Hut aus fast schwarzem Leder. Unter dem Hut quollen rote Locken hervor. Auch sie hielt einen Stab in der Hand. Aber das auffälligste waren die beiden Goblinköpfe, die sie mit den Haaren an ihren Gürtel gebunden trug. Sie sah ihn an. Ihre Augen waren blau, standen vielleicht etwas zu weit auseinander, lagen aber wunderbar in einer Linie mit ihren Wangenknochen. Er spürte, wie sein Herz einen Schlag ausliess. Randjir, der leicht zu erobernde… Er machte einen Schritt auf sie zu, lächelte, öffnete den Mund und…
„J-D-E!“ erschall es in diesem Augenblick hinter ihm. Die rothaarige Unbekannte blickte an ihm vorbei und eilte Richtung Brunnen. Als er sich umdrehte, sah er, dass immer mehr Menschen sich dort versammelten. Es war ein seltsamer Anblick: Alle hatten spitze Hüte auf dem Kopf, einen Stab in der Hand und drängten auf einen nicht zu sehenden Punkt zu. Nach einer Weile erkannte er, was dort im Zentrum der Spitzhütte vor sich ging: Ein kleiner dursichtig-weisser Gegenstand wanderte von einer Hand zur anderen. Jedes Mal, wenn er den Besitzer wechselte, schien der ehemalige Eigentümer kurz von innen her zu erstrahlen, nur den Bruchteil einer Sekunde. Der so erleuchtete verliess daraufhin den Tumult. Dieses seltsame Spiel dauerte eine Weile, aber irgendwann schien der Zustrom an neuen Spitzhüten abzunehmen, und die Gruppe wurde kleiner, das Gedränge liess nach. Schliesslich löste sich eine Gestalt heraus und kam auf ihn zu. Er erkannte sie sofort. Sie blieb zwei Armlängen vor ihm stehen und hob ihre Hand, in der sie das durchsichtig weisse Ding hielt, das soeben noch wild von Hand zu Hand gereicht worden war. Es war ein recht grosser, ungeschliffener Brocken, ein Juwel. „Möchtest du auch?“ hörte er sie mit einer erstaunlich kräftigen Stimme fragen, dabei lächelte sie, wobei ihre Augen miteinstimmten und zu strahlen schienen. Wieder vergass sein Herz kurz einen Schlag.
„Öhm, nein danke!“ Trottel. Er wendete sich ab, hielt den Kopf angestrengt aufrecht und marschierte geradewegs auf das grosse Haus zu, welches wie ein Gasthaus aussah. Randjir, der sich vor Frauen fürchtet…
Nachdem er mit seinen Selbstvorwürfen fertig war, bastelte er sich aus den letzten Minuten ein schräges Abbild dieser Welt zusammen, und es stellte sich allmählich das Gefühl ein, dass es ihm hier vermutlich gefallen würde. Nun, wenn das Gasthaus hielt, was es von aussen versprach, denn inzwischen verspürte er ein unstillbares Verlangen nach kühlem Bier. Jetzt würden sie ihn kennen lernen, Randjir, der Bier nur Fassweise bestellte. Auch bekannt als Randjir, der häufig aufwachte und nicht wusste, wo er sich befand… „Lasset die Spiele beginnen!“

Offline Randjir

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Die Wahl
« Antwort #2 am: 25. Oktober 2017, 10:44:00 »
Die Wahl

Die Öllampen an den Wänden flackerten, und da sie bereits den ganzen Tag brannten, hatte die Luft inzwischen eine Konsistenz angenommen, dass man sie beinahe trinken konnte. Wenn man zu tief einatmete, war der Hustenreiz kaum zu unterdrücken. Das einzige Gegenmittel war, die Kehle immer schön feucht zu halten. Er hob den Humpen und nahm einen tiefen Schluck. Lauwarm und schal rann das Bier hinunter – schon der dritte Humpen, und es schmeckte immer noch nicht besser. Vielleicht sollte er zum Spass mal den Wirt zwingen, sein eigenes Gebräu zu trinken. Aber ein guter Geschäftsmann war er, der Wirt: Nicht nur, dass er diese Plörre zu einem Wucherpreis ausschenkte, nein, er schien auch einen siebten Sinn für leere Humpen zu besitzen – kaum war der letzte Schluck hinuntergewürgt, stand bereits der nächste Kübel vor einem. Wahrscheinlich waren die am Morgen auf Vorrat gezapft worden, so wie der Inhalt schmeckte. Randjir, den bisher kein Wirt durch schlechtes Bier abschrecken vermochte… Aber das konnte ihm nicht die Laune verderben, denn die, nun ja….
Der Raum war erfüllt von Stimmengewirr. An etlichen Tischen hatten sich kleinere Gruppen zusammengefunden, die sich angeregt unterhielten oder Tamoa zockten, ein Spiel dessen Regeln er nicht verstand und deswegen für irrelevant hielt. Von seinem Platz in einer dunklen Nische hatte er einen hervorragenden Überblick. Da war eine Gruppe Lichtis (jene mit dem silbernen Symbol an der Kleidung), die mit Traubensaft anstiessen und sich angeregt über irgendwelche (irrelevanten) Forschungen unterhielten. Jedes Mal, wenn einer von ihnen zu ihm herüber sah, hob er demonstrativ sein Gefäss in die Höhe und goss einen grossen Schluck in sich hinein. Eine zweite Gruppe Lichtis hockte neben dem Eingang. Dort wurde gespielt und viel gelacht. Nur einzelne Wortfetzen drangen bis zu ihm, aber das Gesagte interessierte ihn nicht im Geringsten. Eine Horde Darkis (die mit dem schwarz glänzenden Symbol) gröhlte am einzigen runden Tisch, dabei drehte sich alles um die letzte grosse Heldentat des schlacksigen Hansels mit der schwarzen Blume am Hut. Der letzte besetzte Tisch beherbergte eine gemischte Gruppe. Dort ging es einiges ruhiger zu. Und soweit er mitbekommen hatte, wechselten diverse Gegenstände und ein Haufen Gold ihren Besitzer.
So langsam wurde es Zeit, sich zu entscheiden: Noch ein Humpen, oder hinaus in die Dunkelheit. Ja, hinaus - und dann? In den Wald, die ganze Nacht Kräuter sammeln? Oder noch schnell in ein x-beliebiges Haus einbrechen und sich kurz aber kräftig mit dessen Bewohner prügeln? Er würde einfach dem Wirt die Entscheidung überlassen: Würde er länger als 5 Sekunden brauchen, das nächste Gesöff zu liefern, würde er Hut und Stab schnappen und durch die Tür verschwinden.
Während er zum finalen Schluck ansetzte, behielt er den Wirt im Auge, um hinter dessen Trick zu kommen, als plötzlich die Tür weit aufgestossen wurde. Der entstandene kühle Luftzug war nur ein kurzer Grund zur Freude, denn in seinem Windschatten durchschritt ein Barde in quietsch-gelben Gewändern die Schwelle zwischen Nacht und rauchgeschwängerter Nacht. Er ahnte, was nun passieren würde. Und das gab seiner Unentschlossenheit den benötigten Schubs: Er ergriff seinen Hut, der friedlich in einer wachsende Bierlache auf dem Tisch vor sich hin gedümpelt hatte, packte seinen Stab und eilte dem Ausgang entgegen. He, Randjir, der jedes Glas bis auf den Boden austrinkt, wohin so schnell?
Anscheinend war er nicht mehr ganz nüchtern, denn als er auf den Ausgang zu hastete, stiess er wenig elegant gegen den Tisch der Traubensaftfraktion. Die ziemlich unpassend platzierte Flasche torkelte, fiel um und rollte mit unglaublicher Geschwindigkeit dem Rand entgegen. Wie gut, dass seine Reflexe hervorragend trainiert waren. So war es ihm ein Leichtes, die fallende Flasche schwungvoll aufzufangen, bevor sie am Boden zerschellte, zumindest wäre es ihm ein Leichtes gewesen, wenn er nicht seinen Stab in der Hand gehalten hätte. Nun hatte die Flasche ihre Flugbahn geändert und flog als Traubensaftbombe direkt auf den Neuankömmling zu. Nichtsahnend hatte dieser sich in Positur begeben und wollte gerade eines dieser unsäglich Heldenlieder anstimmen, als ihn das Geschoss auf die Brust traf.
Die jäh einsetzende Stille wurde schnell von Johlen und Gelächter abgelöst. Vereinzelt waren sogar „Zugabe, Zugabe!“ Rufe zu vernehmen. Ohne sich zu verbeugen, den Hut tief ins Gesicht gezogen, eilte er an der unfreiwilligen Zielscheibe vorbei durch die Tür – wobei er nicht vergass, dem arglosen noch einen ziemlich heftigen Rempler zu verpassen. Randjir, der zu jeder Kneipenprügelei eine unvergessliche Szene beisteuert…
Kühle und Dunkelheit überfluteten ihn, als er über die Schwelle trat. Selbst als die Tür hinter im zuschlug, konnte er das amüsierte Gegacker noch hören. Er blieb stehen und atmete tief durch. Was für ein Tag… Dabei war er so frohgemut gestartet, denn eigentlich war heute ein grosser Tag: Endlich konnte er wählen, Licht oder Dunkelheit, weiss oder schwarz, Teraja oder Curulum - seine Wahl würde seinen weiteren Weg bestimmen. Seit heute Morgen sammelte er Gründe dafür, sich der einen oder anderen Seite anzuschliessen. Aber immer, wenn er sich sicher war, fiel ihm wieder etwas Neues ein.
Er blickte auf. Unwillkürlich hatten seine Füsse ihn an den Ort geführt, an dem sein Dilemma am sichtbarsten war: Er stand direkt vor dem grossen Brunnen mit diesen vermaledeiten Götzenfratzen.
Plötzlich wurden die Geräusche aus der Taverne in seinem Rücken lauter, nur um nach einem dumpfen Geräusch wieder abzuklingen. Er hörte Schritte, die auf ihn zukamen. „Ich weiss, womit du dich herumschlägst“, hörte er eine schnarrende Stimme sagen. Er drehte sich langsam um, seinen mürrischen Gesichtsausdruck nicht verbergend. Vor ihm stand der Blumenhut-Schlacks, in seiner ausgestreckten Hand einen Humpen haltend. „Hier! Ich weiss, du hast es bereits erfolglos versucht, aber schaden kann’s auch nicht.“ Worauf wartest du? Einen Gratisdrink sollte man niemals ausschlagen. Obwohl die Gefahr bestand, dass dem Humpen noch gut gemeinte Ratschläge folgen würden, griff er artig zu und nahm einen tiefen Schluck.
„Wenn ich dir einen guten Rat geben darf?“ – er hatte es ja gewusst – „Komm auf unsere Seite! Wir Darkis haben die mächtigeren Angriffszauber, damit wird jeder Kampf ein Kinderspiel. Ausserdem spüre ich, dass die dunkle Seite in dir stark ist.“ Wo hatte er das schon mal gehört? „Und ganz unter uns: Wer hat wohl mehr Spass und verbringt seine Nächte in unzähligen verschiedenen Betten?“ Er wollte gerade zustimmend nicken, als sein Hinterstübchen ein Bild in den Vordergrund schob: Zwei lächelnde blaue Augen über auffälligen Wangenknochen, eingerahmt von rotem Haar.
„Danke, für deinen Ratschlag. Ich denke, er macht mir die Wahl einfacher.“ Aber anders als du denkst, Blumi.
Damit drehte er sich, und er hörte, wie der ungefragte Ratgeber sich nach kurzem Zögern wieder in die Schenke begab. Feierlich stellte er den Bierkrug auf den Rand des Brunnens und versuchte sich an die Worte zu erinnern, die ihn auf den Weg des Lichts bringen würden, als er hastige Schritte vernahm. Jemand hatte es ziemlich eilig um diese Uhrzeit.
„Halt! Warte einen Augenblick!“ Keuchend kam er neben ihm zu stehen, wobei ein rutschendes Bremsen zu hören war. „Ich habe mit angesehen, wie der Darki gerade mit dir geredet hat, und ich glaube zu wissen, worum es ging“, kam es keuchend aus ihm hervorgesprudelt. Seufzend nahm er den Humpen wieder in die Hand. „Die dunkle Seite mag auf den ersten Blick verlockend erscheinen. Ihre Zauber sind wirklich furchteinflössend. Aber was bringt es dir wirklich? Morden, Rauben, sich an den eigenen Gräueltaten ergötzen?“ Er setzte ein interessiertes Gesicht auf und trank einen tiefen Schluck. „Auf der Seite des Lichts arbeiten wir zusammen, um das grosse Ziel zu erreichen. Die Darkis sind einfach keine Teamplayer. Und nur als Gemeinschaft ist der Aufstieg nach ganz oben machbar.“ Inzwischen musste er kleinere Schlucke nehmen, der Grund des Gefässes kam erstaunlich schnell in Sicht. „Und wer, glaubst du, erobert am Ende das Herz der frommen, tugendhaften Prinzessin? Die Lichtgestalt oder der Bösewicht?“ Beinahe hätte er sich verschluckt. Fromm und Tugendhaft? Es musste ja nicht alles Spass sein, aber das klang nun eher wie das Gegenteil.
„Danke für deinen Ratschlag! Vielleicht hat er mich wirklich vor dem falschen Schritt bewahrt.“ Er drehte sich dem Brunnen zu und wartete darauf, endlich wieder allein zu sein. Randjir, der Schwerenöter? Oder Randjir, der Keusche? Sein Entschluss war gefallen. Ein letzter Schluck, dann landete der leere Krug im Brunnen.
Er hob seinen Stab, aber anstatt das Passwort zur einen oder anderen Seite zu sprechen, liess er einen Feuerball auf Teraja krachen. Ein zweiter folgte und hüllte Curulum in loderndes Rot. Er würde so lange auf diese beiden Fratzen schiessen, bis einer von ihnen nachgab. Rechts und links schlugen die Geschosse in schneller Folge ein, Terajas Schild begann zu glimmen und Curulum bekam einen roten Kopf vor Zorn, das Wasser im Brunnen brodelte.
„Sag mal, bist du total durchgedreht?!?“ Er blickte sich um. Hinter ihm hatte es einen mittleren Menschenauflauf gegeben. Einige schauten erschrocken, andere grinsten, aber die offenen Münder anlässlich des unerwarteten Schauspiels waren in der Überzahl. Er suchte den Störenfried, der seine Entscheidungsfindung unterbrochen hatte. Er fand rote Haare, blaue Augen, Wangenknochen, nur kein Lächeln. Sie war es, die den Mut besessen hatte, ihn in seinem Tun zu unterbrechen. Er setzte sein breitestes Lächeln auf: „Ich mache das einzig Richtige!“ Damit hob er erneut seinen Stab und versuchte sich zu erinnern, wer nun als nächstes an der Reihe war. Randjir, der sich an den Göttern für schwierige Entscheide rächte…
Doch so weit kam es nicht: Ein kräftiger Hieb zwischen seine Schulterblätter fällte ihn, sein Stab glitt ihm aus der Hand, und sein immer noch biergetränkter Hut segelte in hohem Bogen davon. Verwundert sah er zu ihr auf, wie sie da breitbeinig über ihm thronte, ihren Stab immer noch erhoben, falls er den Mumm oder wahnsinnige Lust hatte, sich zu wehren. Welch romantische Szene… Demonstrativ lässig rappelte er sich auf, sein Stab blieb aber wo er war, um nicht zu riskieren, erneut eine übergezogen zu bekommen. Aber wo war sein Hut? Als er suchend in Richtung Brunnen blickte, sah er, dass dieser, von einer Windböe erfasst, langsam auf die drei harmlosen Figuren zu schwebte. Schlurfend setzte er sich in Bewegung und hielt plötzlich inne, als der Hut Heraios‘ schelmisches Grinsen passierte und sich sanft auf dessen Waage niederliess.
Die Waage neigte sich.

Offline Randjir

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Die Kräutersuche
« Antwort #3 am: 02. November 2017, 12:51:13 »
Die Kräutersuche

Es war nur ein kurzer Spaziergang hinüber in den Wald. Die Sonne schien, wie bisher jeden Tag, den er in Arthoria verbracht hatte, die Vögel sangen und ein leichter Wind blies ihm ins Gesicht. Sein neuer Stab aus Knochen, reich verziert mit Totenköpfen, was er recht passend fand, nun da er den Dunklen Weg eingeschlagen hatte, hüpfte lässig neben ihm her. Es war immer noch ein komisches Gefühl. Zum einen war er jetzt quasi gezeichnet: Egal welches Kleidungsstück er auch überzog, sofort erschien die schwarze Rune auf seiner rechten Brustseite. Es war, als wäre sie ein Teil von ihm, die auf das Kleidungsstück überging. Zum anderen war er für jeden sofort als Anhänger Curulums zu erkennen. Das hatte zur Folge, dass jeder Darki sofort freundlich ein Gespräch mit ihm begann, die meisten Lichtis ihm aber böse Blicke zu warfen.
Und dann war da noch etwas, etwas, das ihm Sorgen bereitete. Bei allen anderen, die er bisher getroffen hatte, befand sich die Rune auf der linken Seite, der Seite, auf der man im Allgemeinen das Herz verortete. Nur seine materialisierte zuverlässig rechts. Bisher konnte ihm niemand eine Erklärung dafür geben. Vielleicht lag es daran, dass er das Schicksal betrogen hatte, wobei „betrogen“ ein zu hartes Wort ist. Er sah es eher so, dass er dem Schicksal auf die Sprünge geholfen hatte. Sein Hut hatte die Waage Heraios‘ zur Seite des Lichts geneigt, aber das war zu dem Zeitpunkt bereits egal gewesen. Als sie über ihm gestanden hatte, hatte er erkannt, dass sie eine Anhängerin der Dunkelheit war. Und damit war seine Wahl getroffen gewesen. Randjir, der immer alles besser weiss…
Er kramte in seinen Taschen und holte eine Tairanzigarette hervor. Er hob seinen Stab zum Gesicht und murmelte, woraufhin ein Feuerball in den Himmel schoss. Genüsslich nahm er den ersten Zug und lächelte zufrieden. Dieses Kunststück zu beherrschen hatte ihn einige Übung und eine Augenbraue gekostet.
Vor sich hin summend und paffend drang er in den Wald ein. Es war erstaunlich dunkel, die Äste und Blätter der alten, mächtigen Bäume bildeten ein nahezu undurchdringliches Dach. Seine Schritte bekamen etwas Federndes durch die dicke Laubschicht, die den Boden bedeckte. Es roch angenehm nach Moos mit einem Hauch von Fäulnis, aber das nahm seine Nase nicht wahr, da sie zu nahe am Glimmstängel platziert war.
Das erste Mal, als er hier entlang gegangen war, hatte ihn augenblicklich ein Goblin angegriffen. Aber in den letzten Tagen war es merklich ruhiger geworden, in dieser Ecke des Waldes. Er sinnierte kurz, ob das eventuell an ihm lag. Schliesslich ging er jeden Tag hier auf Jagd nach Goblins, und eine Jagd war es inzwischen geworden: Die grünen Mistkäfer griffen ihn nicht mehr an, er musste sie aufspüren, und ihre Verstecke wurden immer besser. Hatte er so viele erlegt, dass nur noch die mit den guten Verstecken übrig waren?
Vor ihm erschien die riesige, uralte Marmolta, eine der Wegmarken, die er sich eingeprägt hatte. Es war leicht, sich hier zu verirren, da man den Sonnenstand nur auf den wenigen Lichtungen bestimmen konnte. Und der unbedachte Wanderer konnte leicht ein paar Stunden damit verbringen, wieder aus dem Wald herauszufinden, was allerdings den Vorteil hatte, dass man so über Kräutervorkommen stolpern konnte, die man nie gefunden hätte, wäre man auf dem rechten Weg geblieben. Ein solcher Zufallsfund war heute sein Ziel: Sein Tairanvorrat war aufgebraucht, und um einem Entzug vorzubeugen, musste dieser schleunigst wieder aufgefüllt werden. Randjir, der mit den richtigen Prioritäten… Hinter der Mamolta würde er einfach nach rechts abbiegen, bis er den kleinen Bach erreichte, diesem musste er folgen und nach dem quadratischen Stein Ausschau halten, dann hiess es, den Bach überqueren und ihn in möglichst östlicher Richtung verlassen. Hielt er die Richtung einigermassen ein, erreichte er nach ungefähr fünf Minuten eine Lichtung, und dort wuchs ein Tairanbaum.
Er umrundete den Baum und blieb wie angewurzelt stehen. War heute sein Glückstag? Da hockte eine dieser kleinen grünen Kreaturen und verrichtete seine Notdurft. So eine Gelegenheit sollte man sich nicht entgehen lassen. Er hob den Stab und liess einen Feuerpfeil auf den Goblin los. Getroffen purzelte dieser vornüber, rappelte sich sofort wieder auf und kam ziemlich wütend auf ihn zu. Gemächlich nahm er noch einen Zug, und schnippte die Kippe zur Seite. Goblins waren von Natur aus schon nicht die schnellsten Kreaturen, wie auch mit den viel zu kurzen, krummen Beinen, aber wenn einem die Hose auf den Knöcheln hing, war mehr als Schlurfen nicht möglich. Zwei gut gezielte Feuerbälle genügten, um die Witzfigur zusammenbrechen zu lassen. Er lebte noch, was beabsichtigt war, war aber nun harmloser als harmlos.
Die grosse Show konnte beginnen. Schade, dass wieder niemand dabei zuschaute. Er begann seinen Stab mit den Fingern wie einen Trommelstab zu drehen, zunächst langsam, dann immer schneller, bis er in der perfekten Geschwindigkeit kreiste. Der Stab schnellte senkrecht in die Höhe und vollführte dabei zwei weitere Umdrehungen. Als sein unteres Ende vor seiner Stirn vorbei kam, griff er mit beiden Händen zu, liess sich in einem Ausfallschritt nieder, und die Stabkeule krachte hörbar auf die Schädeldecke des Hilflosen. Applaus! Applaus! Randjir, der Einzigartige… Ungeniert durchsuchte er die Leiche, fand aber nichts Brauchbares und machte sich guten Mutes wieder auf den zuvor eingeschlagenen Weg.
Einen Bach, einen Stein und fünf Minuten später erreichte er sein Ziel. Auf der kleinen Lichtung hatte sich ein wunderschön symmetrischer Feenkreis gebildet, und in dessen Zentrum stand das Objekt seiner Begierde. Ohne Umschweife begann er sich die Taschen mit frischen Tairanblättern vollzustopfen. Doch was war das? An einigen Ästen hingen kleine gelblich grüne Früchte. Während seiner Studien in der Bibliothek war er nie über einen Eintrag gestolpert, der die Frucht des Tairanbaumes beschrieb. Neugierig pflückte er eines dieser murmelgrossen Dinger, und rollte es interessiert zwischen Daumen und Zeigefinger. Die Frucht hatte eine leicht samtige Textur und gab dem Druck seiner Finger elastisch nach. Ob sie essbar war? Was sollte schon passieren? Die Natur in Arthoria war den Menschen sehr gut gesinnt, tödliche Pflanzen suchte man vergebens. Randjir, der alle Bücher über Arthorias Flora gelesen hatte und auswendig kannte… Er steckte die Frucht in den Mund. Sie schmeckte erstaunlich gut, süss mit einem Hauch Vanille. Schnell sammelte er noch eine Handvoll ein und machte sich auf den Heimweg.
Beim Bach angekommen, holte er Schwung, um mit einem grossen Satz auf die andere Seite zu kommen. Irgendwie schien der Bach seit dem Hinweg breiter geworden zu sein: Sein Schwung reichte nicht aus, und er landete mit beiden Füssen im Bachbett. Ärgerlich kopfschüttelnd stapfte er ans andere Ufer. Seine Stiefel waren bis zum Rand voll Wasser gelaufen. Er beugte sich leicht vornüber, hob das rechte Bein, um den Stiefel auszuziehen und zu entleeren. Der Wald begann vor seinen Augen zu schwanken, und ehe er sich wieder aufrichten konnte, fiel er mit dem Kopf voran ins Laub, das sich hier glücklicherweise zu einem kleinen Haufen getürmt hatte. Dann eben im Sitzen.
Als er sich wieder auf den Weg machte, begleitete ihn das platschende Geräusch seiner Füsse. Aber augenscheinlich hatte er ganz andere Probleme. Die Bäume begannen ihm den Weg zu versperren, sie rückten immer dichter zusammen. Dafür wuchsen sie gleichzeitig in die Länge, der Blätterhimmel hob sich langsam. Stehen geblieben schüttelte er energisch den Kopf, kniff die Augen zu und zählte bis drei. Kaum hatte er die Augen wieder aufgeschlagen, begannen sich vom äussersten Rand seines Sichtfeldes zwei breiter werdende schwarze Balken nach vorne zu schieben. Dabei schoben sie die Bäume vor sich her, die nun zwangsläufig dünner wurden. Er sah nur noch wie durch einen Spalt in einer schwarzen Wand auf ein braungrün gestreiftes Muster. Aber das nahm er nur kurz erstaunt wahr, denn auch dieser Spalt schloss sich.
Er zwinkerte und stand in einem Eiswasserblauen Raum. Raum war allerdings der falsche Begriff, denn dieser Raum hatte weder Wände noch Decke oder Boden. Er schwebte und hatte trotzdem das Gefühl, auf festem Boden zu stehen. Er trug keine Kleidung, was ihm aber überhaupt nicht seltsam vorkam.
Vor ihm erschien etwas, es materialisierte sich nicht langsam, machte nicht den Übergang von unscheinend über gläsern zu fest, es entstand auch nicht aus einem aufkommenden, sich ausweitenden Nebel, sondern war einfach da, von einem Augenblick auf den nächsten. In einem Raum ohne Anhaltspunkte ist es schwer, Entfernungen und Grössen einzuschätzen, aber das Ding war riesig, und es war näher, als ihm lieb war. Es bestand nämlich zu einem grossen Teil aus dunkelbraunen, fast schwarzen Tentakeln, die sich ständig wanden, wabberten und in der Luft herumstocherten. Beine hatte es keine, und so etwas wie ein Gesicht oder überhaupt einen Kopf suchte man vergebens. Da es auch keinen Mund besass, zumindest war keiner sichtbar, würde es ihn wohl auch nicht fressen wollen…
DU GEHÖRST MIR!“ Die Stimme war in seinem Kopf, und zwar ziemlich laut. Wie ein Donnergrollen tönte es zwischen seinen Ohren. „DAS SCHICKSAL HATTE FÜR DICH MEINEN WEG BESTIMMT!“ Teraja? Wenn das wirklich Teraja war, hatte sich der Künstler, der die Figuren für den Brunnen in Elteran entworfen hatte, aber ein wenig geirrt. „Ich lasse nicht gerne über mich bestimmen. Mein Schicksal nehme ich am liebsten in meine eigenen Hände.“ „DAS WERDE ICH NICHT ZULASSEN! WENN DU NICHT MIR FOLGST, FOLGST DU NIEMANDEM!
Aus dem Tentakelhaufen schoss ein dunkelblauer Strahl auf ihn zu. Entweder war der Strahl unheimlich langsam unterwegs, oder Teraja war viel weiter entfernt und riesiger, als er bisher angenommen hatte. Er probierte dem Strahl auszuweichen, aber seine Füsse verweigerten den Dienst. Déjà-vu... Sein letzter Gedanke galt der verfluchten Tairanfrucht, als der Strahl auf ein unsichtbares Hindernis prallte, das dunkel aufleuchtete, während es dessen Energie absorbierte.
NEEEEIIIN! MISCH DICH NICHT EIN! DAS IST EINE SACHE ZWISCHEN MIR UND IHM!“ „ER STEHT UNTER MEINEM SCHUTZ! WAS ERDREISTEST DU DICH?!“ Die zweite Stimme war schrill und nicht minder laut als die erste. Der Wechel von Donnergrollen zu Kreissäge verursachte ihm augenblicklich unsägliche Kopfschmerzen. Ein zweites „Ding“ war aufgetaucht, genau wie Teraja aus dem Nichts. Und wenn die Logik in diesem Universum nur halbwegs galt, musste der Neuankömmling Curulum sein. Curulum hatte die Form einer aufrecht stehenden Venusmuschel, wobei er aber keine feste Schale zu haben schien. Über seine Oberfläche zogen immer wieder Wellen, jedes Mal in eine andere Richtung, und mit den Wellen veränderte sich sein Farbton, von Gelb über Orange zu Rot und wieder zurück.
ER HAT MICH BETROGEN! UND DAFÜR WIRD ER BÜSSEN!“ Erneut machte sich ein blauer Strahl in seine Richtung auf, dieses Mal war seine Existenz aber von viel geringerer Dauer. Auch er traf auf das unsichtbare Hindernis, dies befand sich aber inzwischen näher bei Teraja als bei ihm. „DER EINZIGE, DER BÜSSEN WIRD, BIST DU! DAFÜR, DASS DU EINEN MEINER ANHÄNGER VERNICHTEN WOLLTEST!“ Mit diesen Worten lösten sich tropfengleich drei gelbe Kugeln aus der Oberfläche der Muschel, die wie kleine Sonnen auf das Tentakelwesen zu schossen. Dieses schickte ihnen drei Strahlen entgegen, und dort, wo die Sphären und Strahlen aufeinander trafen explodierte der Raum in einem grünen Funkenregen. Den nächsten Angriff startete Teraja, aber ihre Strahlen erreichten Curulum nicht, sondern vergingen an dem bekannten Hindernis.
Ihn hatte man vergessen. So schaute er dem Schauspiel eine Weile zu und versuchte anhand der eintreffenden Explosionsgeräusche herauszufinden, wie gross die Entfernungen nun wohl sein mochten. Randjir, das vergessene Spielzeug… Plötzlich spürte er in  seinem grossen linken Zeh einen stechenden Schmerz, als hätte jemand einen Nagel mit Wucht hineingetrieben. Er blickte an sich hinab, um die Ursache für den unerwarteten Schmerz zu erkunden, und sah, dass ein dicker Blutstropfen aus seinem Zeh hervorquoll. Und neben seinem Fuss sass der Verursacher des Schmerzes: Eine kleine, unscheinbare graue Maus.
Ein piepsendes Stimmchen drückte sich in seinem Kopf in den Vordergrund. Obwohl die beiden ersten Stimmen immer noch mächtig dröhnten, waren die Worte, die es formulierte, klar und deutlich zu hören. „Es ist ganz schön schwer, deine Aufmerksamkeit zu erlangen. Aber wer will es dir übel nehmen, bei dem Schauspiel?“ piepste es. „Aber nun, da meine beiden Geschwister beschäftigt sind, können wir uns in Ruhe unterhalten.“ „Eins, zwei, drei – ich nehme mal an, du bist Heraios.“ „Irgendwie offensichtlich, oder? Nun, ich war es, die dich hierher geholt hat, was nicht sonderlich schwierig war, so unvorsichtig, wie du durch die Welt stolperst. Die einzige Gefahr war, dass deine Ankunft nicht unentdeckt bleiben würde – aber das Problem hat sich ja von selbst gelöst…“ Der Gedanke, dass dieser Minigott so leichtfertig mit seinem Leben umging, gefiel ihm gar nicht. „Wie du wahrscheinlich weisst, bin ich die Kraft des Ausgleichs. Ich sorge dafür, dass keine Seite zu mächtig wird, dass weder Licht noch Dunkelheit die Oberhand gewinnen. Als du in Arthoria eintrafst, habe ich eine Erschütterung des magischen Feldes gespürt, aus dem alle Arthorianer ihre speziellen Fähigkeiten speisen. Ich war mir nicht sicher, ob diese Erschütterung wirklich durch dein Erscheinen hervorgerufen wurde, jedenfalls betrachtete ich sie als Zeichen, dass etwas im Umbruch ist. Und ich kann mir keine Fehler leisten, sonst bricht das mühsam aufrecht erhaltene Gleichgewicht zusammen. Deswegen habe ich dich beobachtet, und dich bei der Bündniswahl beeinflusst. Du wirst mir helfen herauszufinden, was die Erschütterungen zu bedeuten haben! Randjir, der Auserwählte…. „Ich verabscheue es, zum Spielball gemacht zu werden, ob ihr nun Götter seid, oder sonstige Abnormitäten!“ „Hihi, das hättest du dir überlegen sollen, bevor du nach Arthoria kamst. Du wirst dich fügen, eine andere Möglichkeit bietet sich dir gar nicht. Du wirst deine Augen für mich offenhalten! Im Gegenzug verspreche ich dir, meine schützende Hand über dich zu halten.“ „Das wird den zwei Hitzköpfen aber gar nicht gefallen.“ „Das lass nur meine Sorge sein. Hast du noch Fragen?“ „Das habe ich allerdings: Erstens, wieso hast du in meine Wahl eingegriffen“ „Ich wollte dich dazu bringen, die falsche Seite zu wählen, um herauszufinden, ob ich dadurch eine erneute Erschütterung auslösen konnte.“ „Und? Gab es eine?“ „Ja, die gab es, obwohl du dich für die richtige Seite entschieden hast.“ So viel zu Terajas Anspruch, anscheinend liessen sich Götter von anderen Göttern blenden. „Warum erscheint bei mir die Rune auf der verkehrten Seite?“ „Dafür gibt es sicher einen Grund.“ Und so viel also zur göttlichen Allwissenheit. „Eine letzte Frage hätte ich noch. Was passiert, wenn ich das nächste Mal eine grosse Katze mitbringe?“
Zur Antwort biss ihm das lästige Ungeziefer ein weiteres Mal in seinen Zeh. Das blaue Licht wurde heller und intensiver, wurde unerträglich, und obwohl er die Augen schloss, brannte es auf seiner Netzhaut. Es fühlte sich an, als würden zwei Dolche durch seine Augen in den Kopf getrieben. Bis es schliesslich mit einem unhörbaren Klick verschwand. Nach einer Weile öfnntet er langsam die Augen. Nach der stechenden Helligkeit war das Licht, dass nun auf ihn einströmte angenehm dunkel und normal, kein unnatürliches Blau sondern reiner gedämpfter Sonnenschein. Er war wieder umgeben von ganz normalen Bäumen. Es war, als wenn er nie von hier fort gewesen wäre, nur sein linker Fuss schmerzte höllisch, wo ihn die Möchtegern-Ratte gebissen hatte.
« Letzte Änderung: 08. November 2017, 08:08:07 von Randjir »

Offline Randjir

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Der Überfall
« Antwort #4 am: 24. November 2017, 16:06:25 »
Der Überfall

Es war eine angenehm laue Sommernacht. Der Mond schien hell und tauchte alles in einen silbrigen Schein. Wenn er durch die Blätter spähte, konnte er erkennen, dass er fast vollkommen rund war. Bei diesen Lichtverhältnissen war sogar die Struktur der ausgestorbenen Strasse unter ihm zu erkennen. Es gab zwar noch den ein oder anderen Winkel, der in absoluter Dunkelheit lag, aber seit einer halben Ewigkeit war niemand mehr vorbeigekommen, so dass er sich keine Sorgen machte, über etwaige Überraschungen, die dort lauern könnten. Und um sein Opfer im Auge zu behalten, war er nicht auf die Unterstützung des Mondes angewiesen: In der kleinen windschiefen Kate auf der anderen Strassenseite waren etliche Kerzen entzündet, deren Schein durch die Fenster nach draussen Drang und ihm einen guten Eindruck davon vermittelte, was hinter geschlossener Tür vor sich ging. Anscheinend war der Lichti gerade damit beschäftigt, seinen Adamitsalzvorrat aufzustocken.
Er konnte warten. Darauf war er vorbereitet. Er war ausgeruht und trug alles bei sich, was er für einen erfolgreichen nächtlichen Überfall benötigte, wozu auch sein neuester Besitz gehörte: Ein sogenannter Gürtel des Geistes war um seine Hüfte geschlungen, und er war gespannt darauf zu erfahren, wie seine gesteigerten Kampffertigkeiten sich anfühlen und auswirken würden. Den Gürtel hatte er erst vor ein paar Stunden von seinem auserwählten Opfer erstanden, und bald würde der Zeitpunkt kommen, an dem er sich einen Teil des Kaufpreises zurückholen würde. All das war Teil des Planes, dessen Umsetzung er vor ein paar Tagen in Angriff genommen hatte. Der Ahnungslose stellte das perfekte Opfer da: Er hatte vermehrt Ausrüstungsgegenstände in der Taverne vertickt, er war ein Anhänger Terajas – eine Grundvoraussetzung für einen Überfall, da er sich vorgenommen hatte, die verächtlichen Blicke, die diese Spezies ihm immer wieder zuwarf, auf seine Art zurückzuzahlen – und er gehörte keiner Gilde an, was bedeutete, dass er sein Gold nicht hinter unüberwindbaren Gildenmauern lagern konnte, sondern es daheim unter der Matratze hortete. Randjir, der gekränkte Rächer…
Er verlagerte sein Gewicht, da sich inzwischen ein leichter Druckschmerz meldete, undfluchte unhörbar. Die Erfahrung der vorangegangenen Nächte, die er bereits hier auf dem Ast gehockt hatte, gut versteckt vor zufälligen Blicken, hätte ihn eigentlich eine Unterlage, und sei es auch nur eine dünne Decke, mitbringen lassen müssen, aber wer konnte auch ahnen, dass der Adamitproduzent ausgerechnet heute eine Spätschicht einlegen würde. Ausserdem war er auf dem Weg zu seinem Beobachtungsposten nicht bei seiner eigenen Hütte vorbeigekommen, und bei der Suche nach einer eigenen Gilde hatte er keine alte Decke unter dem Arm geklemmt gebraucht. Das wäre dem ersten Eindruck, den er machen wollte, nicht besonders zuträglich gewesen. Im Nachhinein betrachtet hätte es aber keinen Unterschied gemacht, er hätte sich auch als Clown oder Barde – was in seinen Augen kein Unterschied war – verkleiden können, das Ergebnis wäre nicht anders ausgefallen. Er hatte an etliche eindrucksvolle Türen geklopft, und alle Türen hatten sich zunächst freundlich geöffnet. Aber je eindrucksvoller die Tür gewesen war, umso grösser war die Hürde, um über die Schwelle treten zu dürfen. Bei den mächtigeren Gilden war ein „Beweis der Würdigkeit“ zu erbringen, um als Mitglied der „Auserwählten“ aufgenommen zu werden: Besiege den mächtigen Nochniegehört oder bringe uns ein Exemplar von Aussergewöhnlichselten. Sollten sie doch in ihren elitären Hallen vor Langeweile eingehen. Er war Randjir, und er musste sich nicht vor ihnen beweisen. In nicht allzu ferner Zukunft würden sie bei ihm Schlange stehen und darum betteln, ihn in ihrer Gemeinschaft zu haben. Randjir, der Held in spe...
Der Ruf eines anderen nächtlichen Jägers liess ihn zusammenzucken und beendete seine bittere Rekapitulation des Tages. „Nicht so laut, mein Freund!“ flüsterte er und blickte hinüber zu seinem Genossen im Geiste. Die grosse grauschwarze Eule hatte sich durch sein Eindringen in ihr Revier nie verärgert gezeigt, am Anfang hatte sie ihn nur neugierig beäugt, als er sich nur ein paar Meter von ihr entfernt durch die Blätter gezwängt hatte, inzwischen ignorierte sie aber geflissentlich den komischen Kauz, der eulengleich geräuschlos auf einem Ast hockte. Die Andeutung eines Lächelns huschte über sein Gesicht. Sie jagten dieselbe Beute, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Während die eine die Mäuse verspeiste, war das Motiv des anderen, einem bestimmten Gott zu zeigen, was er von ihm hielt. So hatte es seit seiner Begegnung mit Heraios nur eines Raschelns am Wegesrand bedurft, und ein Blitz schoss von seinem Stab in die Richtung des Geräusches. Dadurch hatten zwar viele Mäuse das zeitliche gesegnet, allerdings dabei auch einige Ratten, Kaninchen, und auch ein Eichhörnchen wurde vorzeitig auf den Weg zu seinem Schöpfer geschickt. Natürlich wusste er, dass es sich bei keinem der Hingerichteten um den Mausgott gehandelt hatte, aber er war sich sicher, dass Heraios die Nachricht verstand.
Er hatte nichts dagegen einzuwenden, wenn sein Schicksal und das aller anderen Bewohner Arthorias vorherbestimmt sein sollte. Damit liess sich gut leben, solange man wenigstens den Eindruck hatte, es durch seine Handlungen beeinflussen zu können. Nur wenn jemand anderes, egal ob Mensch oder Gott, der Meinung war, er dürfe sein Schicksal lenken, erwachte in ihm der Widerstand gegen die fremde Beeinflussung. Und so hatte er sich zu offener Rebellion entschlossen, auch wenn sein Umfeld mehr als irritiert reagierte, wenn er unvermittelt in Büsche oder hohes Gras am Wegesrand schoss. Ein einziges Mal hatte er wider besseren Wissens versucht sein Handeln zu erklären, aber nur noch mehr Kopfschütteln geerntet. Deswegen unterliess er einfach den Versuch und nahm in Kauf, als Sonderling abgestempelt zu werden.
Das Licht veränderte sich, und zunächst wusste er nicht, was das bedeutete, so sehr war er in Gedanken versunken. Aber nachdem er sich vergegenwärtigt hatte, wo er sich befand, und warum, erkannte er, dass auf der anderen Strassenseite nach und nach die Kerzen gelöscht wurden. Nun würde seine Wacht bald zu Ende sein, und er konnte sich einen Teil seines Goldes zurückholen. Inzwischen war es stockdunkel hinter den Fenstern geworden, und es hiess, die Ungeduld zügeln. Nichts war schlimmer, als bei einem halbwachen Magier einzudringen, der den ersten Zauberspruch bereits murmelte, während er selbst den Kopf noch nicht einmal ganz durch die Tür gesteckt hatte. „Bald bist du mich los, mein Freund“, flüsterte er, und es wurde mit dankbarem Schweigen geantwortet. Geräuschlos begann er seinen Abstieg, langsam glitt er von Ast zu Ast in die Tiefe. Dort blieb er regungslos im Schatten des Baumes stehen und wartete. Eine gefühlte Ewigkeit später huschte ein schwarzer Schatten über die Strasse und verschwand zwischen den zwei kleinen Hütten, die dort standen. Kurze Zeit später beobachteten zwei Augen interessiert, wie der Schatten wieder lautlos hervor kam und sich der Tür der einen Hütte näherte, in der vor kurzem noch Licht gebrannt hatte. An der Tür hielt der Schatten inne.
Natürlich war die Tür verschlossen, aber das hatte er erwartet. Nachdem er einen Moment gehorcht hatte, ob im Inneren noch alles ruhig war, trat er einen Schritt zurück, konzentrierte sich und murmelte in seinen nicht vorhandenen Bart. Ein Lichtblitz zuckte aus dem erhobenen Zauberstab, und das Schloss der Tür zerbarst mit einem lauten Knall. Mit Schwung stürzte er Richtung Eingang, brachte die linke Schulter nach vorne, um mit ihr die Tür aufzustossen. Kurz bevor Schulter und Holz aufeinandertrafen, begann er bereits den Oberkörper zu drehen, um, sobald der Weg frei war, mit dem Stab in der Rechten einen ersten Angriff starten zu können. Ein zweiter Knall war zu hören, als die Tür gegen die Wand krachte. In dem gerade noch stockfinsteren Innenraum leuchtete plötzlich ein silbriges Licht auf. Reflexartig vollführte er seinen ersten Angriff in Richtung dieses Scheines, in der Annahme, es handele sich um den Magier, der doch schneller als erwartet zu sich gekommen war und nun seinen ersten Spruch auf ihn loslassen wollte. Als sein Zauber die Quelle des Lichts traf, ertönte unerwartet ein Zischen, und augenblicklich war es wieder finster. Dämliches Irrlicht! Damit war der Vorteil seines Überraschungsangriffs hinüber. Während er sich blitzartig herumdrehte – denn eigentlich wusste er ja, in welcher Ecke das Bett stand -, wurde es strahlend hell, und er sah einen Feuerball auf sich zu rasen. Er schaffte es noch einen Zauberspruch auf seine Lippen zu legen, als er in Brusthöhe getroffen und nach hinten geschleudert wurde. Sein wilder Zauber verfehlte das anvisierte Ziel um Haaresbreite, während der Andere zu seinem zweiten Schlag ausholte. Er hechtete zur Seite und ging hinter einem Tisch in Deckung. Unter dem Tisch hindurch schleuderte er seinen nächsten Blitz und registrierte, wie er einen ersten Treffer landete. Der Konter liess aber nicht auf sich warten, wischte aber harmlos über die Tischplatte.
Die Hütte war nun taghell erleuchtet, zu schnell folgte Zauber auf Zauber, so dass das Licht gar keine Zeit fand, sich durch Tür oder Fenster zu entfernen. Lange konnte das nicht so weiter gehen, seine Kraft schwand zusehends, zu schnell für seinen Geschmack, aber seinem Gegenüber erging es ähnlich. Nachdem beide nun aus fester Position ihre Angriffe fahren konnten, war es nur eine Frage der grösseren Kraftreserven. Wie viele Treffer konnte er noch verkraften? Zwei? Drei? Die Zähne aufeinander beissend zischte er die bekannten Worte, sein Stab glühte auf und wurde wieder dunkel. Er glaubte ein triumphierendes Lächeln im Gesicht des Lichtis aufblitzen zu sehen, bevor dessen Stab zu leuchten begann. Plötzlich schoss ein Blitzstrahl über ihn und den Tisch hinweg, traf den Magier, und mit einem lauten Knall flog dieser nach hinten gegen die Wand, an der er langsam bewusstlos hinuntersackte.
Nachdem wieder Stille und Dunkelheit eingekehrt waren, rappelte er sich langsam auf. Er hatte keine Eile, denn wer auch immer den letzten Angriffszauber vom Stab gelassen hatte, hätte keine Mühe, auch ihn mit einem einzigen Schlag ausser Gefecht zu setzen. In der Tür formten sich die Umrisse eines kleinen Magiers gegen das Mondlicht. „Danke! Aber das hätte ich auch alleine geschafft.“ „Das habe ich gesehen“, antwortete eine brüchige, weibliche Stimme. „Ich habe auch gesehen, dass du über hervorragende Reflexe verfügst. Allerdings sollte du sie nicht einsetzen, um hilflose Begleiter auszulöschen.“ Die leichte Belustigung, die in den Worten mitschwang, blieb ihm nicht verborgen. „Nun geh schon rüber und schau nach, was sich so an Beute finden lässt. Ich verzichte auf meinen Teil. Ich habe schon lange keinen Kampf zwischen Magiern gesehen, der so auf dem Einsatz roher Magie setzte. Dem beiwohnen zu können, ist mir Belohnung genug.“ Während er sich auf die Suche machte, fragte er trotzig nach hinten: „Warum hast du in den Kampf eingegriffen?“ „Ich wollte heute noch mit dir reden. Und da die Gefahr bestand, dass du unterliegst und danach für Stunden nicht ansprechbar bist, habe ich mich entschlossen, einen kleinen Beitrag zu leisten. Nachdem ich dich etliche Stunden nicht ansprechen konnte, während du auf deinem Baum gehockt bist, wollte ich nicht noch mehr meiner kostbaren Zeit verschwenden.“ Randjir, der anscheinend immer unter Beobachtung steht…
„Oh, wo sind meine Manieren geblieben. Darf ich mich vorstellen? Mein Name ist Naharee. Vielleicht hast du schon von mir gehört.“ Zwölf Goldmünzen, das war alles, was er finden konnte. Anscheinend hatte der Wicht sein Geld bereits wieder unter die Leute gebracht. „Da du mir anscheinend schon eine Weile folgst, weisst du ja sicherlich, wer ich bin“, brachte er missgestimmt hervor. „Natürlich kenne ich den grossen Brunnenschänder und Mäusetöter. Und ich weiss auch, dass du heute bei den Gilden vergeblich Klinken geputzt hast – zu meiner Schande muss ich gestehen, dass eine dieser Gilden die meinige war. Ich wollte mich für die grobe Abfuhr entschuldigen, die dir zuteilwurde.“ Er horchte auf. Bot sich da eventuell eine Chance? „Und jetzt willst du mir mitteilen, dass ich bei euch Mitglied werden kann?“ fragte er und ging den Tisch umrundend auf Naharee zu. Sie war erstaunlich klein, die Spitze ihres Hutes erreichte knapp sein Kinn. „Das kommt darauf an, ob du mich zufrieden stellen kannst“, antwortete sie. Randjir, der alten Damen gerne behilflich ist…
Sie drehte sich um und verliess den Raum. Er beeilte sich, hinter ihr herzukommen. „Nun sag schon: Was erwartest du von mir? Welche Heldentat soll ich vollbringen, um mich als würdig zu erweisen?“ Er hörte ein Kichern. „Solchen Magier-Kinderkram überlassen wir lieber den anderen. Mich interessiert die Geschichte mit den Mäusen. Erzähle sie mir, und zwar genauso, wie sie sich zugetragen hat. Keine Ausschmückungen, aber auch keine Details auslassen. Wenn mir deine Geschichte gefällt, öffnen sich vielleicht die Türen unserer Gilde für dich...“
Und so entfernten sich zwei dunkle Gestalten unbeobachtet in die Nacht. Der einzige potentielle Augenzeuge war derweil abgelenkt, weil eine Maus über die Strasse flitzte. Und das war viel interessanter. 

Offline Randjir

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Die Gilde
« Antwort #5 am: 06. Dezember 2017, 09:51:15 »
Die Gilde

Diese Tür kannte er. Erst gestern hatte er hier gestanden, frohen Mutes, und um Einlass gebeten. Die Abfuhr, die er darauf erhalten hatte, war zwar nicht unfreundlich, aber dennoch eindeutig gewesen: „Wir nehmen keine weiteren Magier auf“, hatte es geheissen. Er musste lächeln. Anscheinend hatte sich da jemand getäuscht. Randjir, die Wundertüte… Nun, wo er wusste, dass er gleich über die Schwelle treten würde, schaute er sich die Tür genauer an. Offensichtlich hatten sich einige mächtige Bäume zu ihrer Herstellung dran glauben müssen: Sie war knapp vier Schritte breit und ebenso hoch, dabei bestand sie aus einem einzigen Flügel. Wenn sie genauso massiv war, wie sie aussah, wären die Kräfte eines Golems notwendig, um sie zu bewegen. Aber er hatte so eine Ahnung, dass es andere Mittel als den Einsatz von purer Kraft gab, sie zu öffnen. Sie besass nämlich auch keinen Knauf oder eine Klinke, die man hätte drücken können. Auf Augenhöhe war eine Klappe mittig eingelassen. Diese hatte sich gestern auf sein Klopfen hin geöffnet, und ein scharfnasiger Zauberer mit glatten, langen schwarzen Haaren hatte höflich seine Anfrage entgegen genommen, nur um sie ebenso schnell wieder zu schliessen, nachdem er sein Ansinnen abgewiesen hatte.
Beiderseits der Klappe prangte die Rune der Dunkelheit, eingebrannt in das alte, braune Holz. Das eindrucksvollste aber war das Gemälde im oberen Bereich der Tür. Es zeigte einen schwarz gekleideten Magier, der breitbeinig mit über dem Kopf erhobenen Stab und wehendem Mantel unter einem Torbogen stand. Sein Zauberstab war eigentlich schwarz, dabei aber mit unzähligen nachtblauen Runen verziert. Wenn er probierte, die Runen genauer in Augenschein zu nehmen, schienen sie seinen Blicken auszuweichen, glitten unmerklich zur Seite, irgendwie aus dem wahrnehmbaren Bereich, als wenn sie sich weigerten, gelesen zu werden. Die zweite Auffälligkeit des schwarzen Abbildes waren die Augen, die aus dem düsteren Gesicht, das nur aus spitzen Knochen bestehen zu schien, hervorblitzten. Sie vermittelten den Eindruck, als loderte hinter ihnen ein silbernes Feuer, welches es einem unmöglich machte, den silbrig flammenden Blick lange zu erwidern. Er hatte bereits ähnliche Abbildungen dieses schwarzen Zauberers gesehen, aber keine war so ehrfurchtgebietend gewesen, wie die, die jetzt auf ihn hernieder blickte, und er wusste, wen sie darstellte. Es war Vanderon, der erste, der sich offen zu Currulum bekannt hatte und von dem es hiess, er hätte Terajas Jünger mit der Hilfe seiner Anhängerschaft vernichtet, wenn ihm nicht das Schicksal in Form eines dritten, wohlbekannten Gottes dazwischen gekommen wäre. Bei seinem Ableben, so die Legende, sei seine Seele in unzählige Splitter zerbrochen, die in seine Anhänger, oder besser gesagt, Currulums Anhänger gefahren seien und deren Wirken seitdem bei diesen durch die Rune der Dunkelheit sichtbar sei. Er gab zwar nichts auf alte Geschichten, die man sich abends am Lagerfeuer erzählte, aber seine Hand suchte unwillkürlich seine rechte Brust, auf der immer noch seine eigene Rune prangte. Randjir, der glühendste Anhänger der Dunkelheit…
Kopfschüttelnd liess er die Hand wieder sinken und trat auf die Tür zu. Er wollte gerade klopfen, als sie sich ächzend in Bewegung setzte und langsam nach innen aufschwang. In dem Spalt, der sich auftat, erblickte er den Zauberer, mit dem er schon bei seinem letzten Besuch durch die Klappe Bekanntschaft gemacht hatte. Der schwarzer Spitzbart begrüsste ihn, und nach einer auffordernden Handbewegung übertrat er die Schwelle.
„Ich dachte schon, Vanderon hätte dich hypnotisiert oder gar paralysiert, und wir hätten dich reinschleppen müssen. Mein Name ist Mantai. Aber ein ausgiebiges Kennenlernen verschieben wir lieber auf später, wir wollen die Anderen nicht unnötig noch länger warten lassen.“ Sie befanden sich in einem düsteren Durchgang, der in Höhe und Breite ziemlich exakt den Ausmassen der überdimensionierten Eingangstür entsprach. Decke und Wände bestanden aus grossen dunkelgrauen Steinen, bei denen man sich nicht die Umstände gemacht hatte, ihre Oberfläche zu glätten, so dass der Eindruck entstand, man befände sich in einem aus dem Fels gehauenen Gang. Das Ächzen der Tür in seinem Rücken ging unvermittelt fort, aber da es langsam dunkler wurde, schien sie sich bereits wieder zu schliessen. Mit zunehmender Dunkelheit verschwand Mantai, was vor allem daran lag, dass er komplett in schwarz gekleidet war.
„Deinen Stab solltest du hier abstellen. Wir sehen es nicht gerne, wenn unsere Einrichtung Schaden nimmt, nur weil sich beabsichtigt oder unbeabsichtigt ein Zauberspruch löst.“ Erst jetzt bemerkte er die Zauberstäbe, die aufgereiht an der Wand standen. Leicht beschämt stellte er seinen Runenstab in die Reihe, zwischen einen Yenja-Kampfstab und einen Fluxstab, der in unregelmässigen Abständen aufleuchtete.
Mantai eilte bereits mit schnellen Schritten dem Ende des Durchgangs entgegen, und er beeilte sich, ihm zu folgen. Als er den Torbogen durchschritt, öffnete sich vor ihm eine Halle von der Grösse eines Thronsaales, deren Decke durch sieben massive Pfeiler gestützt wurde. An jedem dieser Pfeiler brannten je drei Öllampen, die das, durch die gläserne Deckenkuppel einfallende Licht unterstützten, um die Halle halbwegs auszuleuchten. Trotzdem gab es dunkle Ecken, in denen sich ein ganzer Trupp Zauberer verbergen konnte. Das Zentrum der Halle bildete eine grosse ovale Tafel aus fast schwarzem Holz, um die herum in gleichmässigen Abständen Stühle standen, deren Rückenlehnen darin sitzende Personen weit überragen würden und die oben in stilvoll ausgeführten Drachenköpfen endeten. Auf den ersten Blick schätzte er deren Anzahl auf 40, aber besetzt war nur eine Handvoll von ihnen.
Während er sich dem Tisch näherte, erkannte er Naharee, die in ihrem Stuhl ziemlich verloren aussah. Seine Hand zuckte kurz, um ihr einen freundlichen Gruss zuzusenden, doch er unterdrückte den Reflex, da er merkte, dass sich inzwischen alle Augen auf ihn gerichtet hatten. Mantai umrundete den Tisch und setzte sich auf einen freien Stuhl am anderen Ende, und als ob das ein abgesprochenes Zeichen gewesen wäre, erhob sich im gleichen Moment eine andere Gestalt, die die Farbe Rot zu bevorzugen schien, jedenfalls war sie von Kopf bis Fuss in den unterschiedlichsten Rottönen gekleidet. Lächelnd und mit ausgestreckter Hand kam sie ihm entgegen.
„Herzlich willkommen bei Vanderons Bruderschaft, Randjir!“ Er ergriff ihre ausgestreckte Hand und zuckte unmerklich zusammen, als er ihren festen Händedruck spürte. „Ich bin Klara, und ich habe die Aufgabe, Neulinge bei uns einzuführen.“ Ihr Lächeln gefiel ihm. Es zog ihre Mundwinkel fast auf Höhe der Nasenspitze, wurde ergänzt durch zwei Grübchen, und auch ihre blaugrauen Augen stimmten lächelnd mit ein. Randjir, der Unwiderstehliche… Er schätzte sie auf Anfang 40, wobei er wusste, dass er häufig mit seinen Schätzungen daneben lag.
„Das Wichtigste gleich am Anfang. Unsere beiden Grundsätze lauten: Tue alles, was in deiner Macht steht, um Currulum zum Sieg über Teraja zu verhelfen, und unterstütze deine Brüder und Schwestern, so lange es nicht dem ersten Grundsatz widerspricht. Ich denke, das ist nicht so schwer zu behalten, oder?  Und traue dich ruhig, um Hilfe oder Rat zu fragen, auch wenn es dir manchmal noch so nichtig vorkommen mag.“
„Danke, ich werde versuchen, deinen Rat zu beherzigen.“
„Und nun zu dem, weswegen die meisten hier anwesend sind“, fuhr Klara sich umdrehend fort, „die Vorstellung des Inneren Zirkels, wie wir ihn scherzhaft nennen.“
Ein lautes künstliches Husten erklang.
„Keine Angst, Martimus, dich werde ich nicht vergessen. Unsere Anführerin Naharee hast du ja bereits kennengelernt.“ Er erwiderte das freundliche Lächeln der hutzeligen Magierin. „Also kommen wir direkt zu Thrakur. Er ist unser Meister der Münzen. In Arthoria gibt es kein Ding, dessen Preis er nicht kennt. Dabei kennt er in der Regel nicht nur den aktuellen Preis, sondern sein unglaubliches Zahlengedächtnis hat obendrein auch noch dessen zeitlichen Verlauf gespeichert. So findet er immer den richtigen Zeitpunkt, etwas mit grösstmöglichem Gewinn zu veräussern, und er weiss, wann es günstig ist, auf dem Markt zuzuschlagen. Sein Beutel ist immer randvoll mit Münzen gefüllt, so dass bei Bedarf  auch wertvolle Dinge bei ihm als Pfand hinterlegt werden können.“
„Willkommen, Randjir.“ Thrakur sass kerzengerade in seinem Stuhl, gekleidet in grauem Hemd und passendem grauen Mantel, den ebenfalls grauen Hut bis zur Spitze akkurat aufgestellt und seine schlanken Finger vor sich auf dem Tisch übereinander gelegt. Er machte den Eindruck einer Puppe, so steif hielt er sich, nur seine Augen hinter der kleinen runden Brille unter den buschigen grauen Brauen huschten ständig umher, ohne jemals einen Punkt länger als den Bruchteil einer Sekunde zu fixieren. „ Wann immer du Gold benötigst, oder wenn du einen Gegenstand gefunden hast, über dessen Wert du dir nicht im Klaren bist, komm einfach zu mir.“ Bei diesen Worten lächelten seine schmalen Lippen, und seine Zungenspitze zuckte am Ende kurz zwischen ihnen hervor.
„Aber was wäre Thrakur ohne seine Schwester Sarnissa?“, fuhr Klara fort, wobei sie mit der offenen Hand in Richtung der Zauberin wies, die linker Hand des grau gewandeten Meisters der Münzen ihren Platz hatte. Sarnissa schien die Vorlieben ihres Bruders für die Farbe Grau nicht zu teilen: Sie trug einen schattig grünen Mantel über einem braunen Oberteil. Aber ihr Gesicht glich dem ihres Bruders wie ein Spiegelbild, nur dass ihre buschigen Brauen braun waren und ihre Augen nicht wieselgleich umherflitzen, sondern ihn neugierig hinter ihrer Brille musterten. Sie lächelte ihm zu. „Während ihr Bruder den Preis aller Dinge kennt, weiss Sarnissa um deren Nutzen. Bevor du also nun gleich zu Thrakur rennst und dein Hab und Gut vergoldest, solltest du vielleicht zunächst Sarnissa einen Blick darauf werfen lassen. Wer weiss, welches magische Kleinod du unwissentlich mit dir herumschleppst.“ Er glaubte zu erkennen, dass Thrakurs Lippen bei dieser Vorstellung seiner Schwester noch dünner wurden.
„Und da wir gerade von magischen Dingen sprechen, wären wir auch gleich bei Demino.“ Bei diesen Worten erhob sich der einzige Zauberer, der noch auf dieser Seite des Tisches sass, und verbeugte sich leicht. Er trug keinen Hut, der ansonsten bei der Verbeugung leicht von seiner glänzend polierten Glatze gerutscht wäre. Den Mangel an Haupthaar glich Demino durch wuchtige, schwarze Kotletten aus, die in einem abwärts geschwungenen Bogen direkt in seinen üppigen Schnurrbart übergingen. Als er wieder aufrecht stand, blitzten in seinem Gesicht zwei glasklare, hellblaue Augen auf. Seine Kleidung war auffallend luxuriös: Hose, Hemd und Mantel schienen aus einem samtig-seidenen Stoff zu sein, und sowohl Mantel als auch Hemd waren mit feinen Silberfäden durchzogen, die ihnen einen leichten glitzernden Schein verpassten. Seine schwarzen Stiefel glänzten, als wären sie soeben erst gewienert worden. Und an den Fingern beider Hände reihte sich Ring an Ring, besetzt mit den unterschiedlichsten Edelsteinen. „Wie unschwer zu erkennen ist, hat unser lieber Demino eine Schwäche für Edelsteine. Wobei er zu mehr in der Lage ist, als nur ihre schönsten Seiten hervorzubringen: Besitzt ein Stein auch nur einen Funken Macht, wird Demino in finden und nutzbar machen.“
„Zu Diensten.“ Diesmal deutete Demino die Verbeugung nur an, drehte sich wieder zurück, und setzte sich in einer geschmeidigen Bewegung.
„Der nächste in unsere Runde ist unser Winzer Marcus.“ Marcus war der einzige, der seinen Stuhl auszufüllen vermochte, und zwar nahtlos: Seine massige Gestalt presste sich in die Stuhllehnen, sein Mantel war beim Hineinsetzen auf halbem Weg hängen geblieben und spannte sich an seiner linken Seite. Von seinem Gesicht war ausser der imposanten Nase nicht viel zu erkennen, da ihm die lockigen braunen Haare bis über die Augen reichten, und die untere Gesichtshälfte war durch einen wild wuchernden Bart bedeckt, in dem sich nun die fleischigen Lippen zu einem gegrunzten Gruss öffneten. Und da der Mund nun einmal geöffnet war, war dies anscheinend die passende Gelegenheit, ihm etwas zuzuführen. Marcus hob den grossen silbernen Kelch, den er die ganze Zeit in der mächtigen Hand hielt, und trank einen tiefen Schluck. Zwei Tropfen verfehlten die Öffnung und verschwanden sogleich im Gestrüpp seines Bartes. „Marcus ist ein Meister im Herstellen von magischen Tränken und geistreichen Getränken. Bring ihm nur das passende Rezept und die dazugehörigen Zutaten, und du wirst im Handumdrehen das Gewünschte in Händen halten.“
„Es sei denn, es gelüstet ihn selbst unwiderstehlich nach dem Gebräu.“ Marcus schaute kurz hinüber zu Martimus, der in witzelndem Ton gesprochen hatte, grunzte wie zur Antwort und hob dann einfach seinen Kelch, um einen weiteren Schluck in seinen gewaltigen Körper verschwinden zu lassen.
„Kommen wir nun zu Grünbart.“ Grünbart trug keinen grünen Bart, eigentlich gar keinen Bart. Auf seinem Kinn zeigten sich nur vereinzelte weisse Stoppeln, die in der Farbe zu seinen lohweissen Haaren passten, die lang und strähnig unter seinem Hut hervorkamen. Sein Hut und sein Mantel waren schwarz und besetzt mit einer Vielzahl dunkelblauer Runen, wie er sie zuvor schon bei der Zeichnung Vanderons gesehen hatte, nur waren sie bei Grünbart eindeutig aufgenäht. „Grünbart ist, das wage ich mal zu behaupten, der grösste Schriftgelehrte Elterans.“
„Willkommen Randjir“, kam ein dünnes, krächzendes Stimmchen aus dem Alten.
„Er weiss immer Rat, und hat immer ein offenes Ohr für die Probleme der weniger belesenen Zauberer. Die Übersetzung alter Schriften ist seine Spezialität. Und wenn du ihn mal nicht finden kannst, sitzt er sehr wahrscheinlich in der magischen Bibliothek und übersetzt gerade das nächste uralte Werk.“
„Und damit ist die Reihe dann wohl endlich an mir.“ Mit diesen Worten erhob sich Mantai, der bisher eher gelangweilt neben Naharee gesessen hatte, und kam mit grossen Schritten auf ihn zu. „Willkommen in unser ehrwürdigen Gilde“, sagte er lächelnd, wobei seine Augen merkwürdig ausdruckslos blieben. Während er die Rechte zum Gruss reichte, ergriff er mit der Linken die Schulter des Neulings und drückte leicht zu. „Meinen Namen weisst du schon. Und meine Aufgabe in diesen Hallen ist, da wird dir jeder der hier anwesenden zustimmen, die wichtigste: Ich wache über die Einhaltung unserer ersten Regel. Wir wollen Currulum zum Sieg verhelfen. Alle anderen Ziele sind dem unterzuordnen.“ Dabei schaute Mantai ihm tief in die Augen, als versuche er die Gedanken dahinter zu ergründen. Nach einem endlosen Augenblick liess er Hand und Schulter wieder los und eilte am Tisch vorbei zu einer der Türen, die sich hinter den Pfeilern befanden.
„Okay“, fand Klara wieder Worte, „Mantai ist ausserdem noch der beste Kampfmagier dieser Gilde. Es gibt sicher nur wenige Monster in Arthoria und darüber hinaus, denen er noch nicht siegreich gegenüber stand.“
„Bleibe noch ich. Ich bin die Schmiedin der Gilde und nebenbei noch die Quartiermeisterin, Lagerverwalterin, Putzfrau und noch einiges mehr. Im Grunde erledige ich all die Dinge, ohne die ein Aufenthalt in unserem Haus über kurz oder lang nicht mehr möglich wäre.“
 „Und nun zu unserem Überraschungsgast.“ Klara wandte sich Martimus zu. „Martimus, wie hast du eigentlich von dieser Zusammenkunft erfahren?“
„Ich war nur ganz zufällig in der Gegend.“ Ein verschmitztes Lächeln umspielte seine Lippen, und wenn ihn nicht alles täuschte, war da auch ein kurzer Augenkontakt mit Naharee. „Zu meinem Erstaunen musste ich feststellen, dass alle Honoratorien anwesend waren. Und da dachte ich mir: Martimus, vielleicht wird es interessant. Bleibe mal da und halt Augen und Ohren offen. Aber bisher sehe ich nur einen Zauberer, der noch etwas feucht hinter den Ohren ist. Und alle anderen kenne ich zur Genüge“ Martimus Gesichtsausdruck blieb spöttelnd, und er täuschte ein Gähnen vor.
„Martimus ist kein Mitglied in dieser Gilde, nicht mehr“, erklärte Klara. „Aber er ist ein gern gesehener Gast. Häufig bringt er Neuigkeiten mit, die etwas Leben in diese Hallen bringen. Und sind es keine Neuigkeiten, treibt ihn meist die Langeweile zu uns.“ Fragend drehte sie sich zu Naharee: „Habe ich irgendetwas vergessen?“
„Nein. Danke, Klara. Ich denke, damit ist der offizielle Teil beendet. Und, Randjir, von mir auch noch einmal ein herzliches Willkommen bei Vanderons Bruderschaft. Ich denke, du wirst dich bei uns wohlfühlen. Klara wird dir jetzt noch unsere Räumlichkeiten zeigen. Bis bald, und hoffentlich sieht man dich ab jetzt häufiger hier bei uns.“
„Also, dann zeige ich dir noch den Rest unserer bescheidenen Räumlichkeiten, Randjir. Folge mir, bitte.“ Zusammen umrundeten sie den grossen Tisch und steuerten auf die rückwärtige Wand zu, ungefähr in die Richtung, in die Mantai verschwunden war. „Hier befinden sich unsere Quartiere. Jeder Zauberer hat einen eigenen Raum, den nur er betreten kann. Die einzelnen Gildenmitglieder nutzen ihn je nach Vorliebe: Während einige dort fast den ganzen Tag verbringen, benutzen ihn andere nur als Lager, um nicht ständig Gefahr zu laufen, wertvolle Gegenstände zu verlieren. Wenn du einem anderen Mitglied Zugang zu deinem Quartier gewährst, kann er oder sie ab diesem Zeitpunkt ebenfalls jeder Zeit dort eintreten.“ Der Raum war enttäuschend. Licht fiel nur durch das milchige Glas eines kleinen, runden Fensters. Das Mobiliar bestand aus einer einfachen Pritsche, einem kleinen Tisch, auf dem eine Öllampe stand, einem simplen Holzstuhl und einem leeren Regal, das die gesamte rechte Wand einnahm. Wie konnte man hier „hausen“? Seine Enttäuschung musste in seinem Gesicht abzulesen gewesen sein. „Das ist nur die erste Ausstattung. Je länger du bei uns sein wirst, und je mehr Zeit du hier verbringst, umso behaglicher werden wir es einrichten – das verspreche ich dir. Und was die Grösse betrifft… Ich sag’s mal so: Wir befinden uns hier in einem magischen Gebäude, und die Gemäuer werden sich deinen Ansprüchen anpassen.“
„Jetzt zeige ich dir noch unser Lager.“ Sie wandte sich zur Seite und folgte der Wand, vorbei an einigen Türen, die seiner eigenen Quartiertür glichen. Nach vielleicht 20 Schritten erreichten sie einen niedrigen Torbogen, an den sich eine Treppe anschloss, die in die Tiefe führte. Am Fuss der Treppe erreichten sie einen hell erleuchteten Gang, von dem rechts und links in unregelmässigen Abständen kleinere Gänge abgingen. „Jeder kann sich hier frei bewegen. Du darfst dich ruhig auch alleine umsehen. Allerdings werden sich dir nur wenige Türen öffnen, was eine reine Vorsichtsmassnahme ist, da sich hinter einigen grosse Gefahren für einen so jungen Zauberer verbergen.“  Klara führte ihn in den ersten Seitengang, der leicht abschüssig war, sich dabei mit jedem Schritt erweiterte. Nach einer Kurve standen sie vor einer doppel-flügeligen, mit Metallbeschlägen verstärkten Tür. „Berühre sie. Mal sehen, ob sie dich hindurch lässt.“
Kaum hatte seine Hand das uralte Holz berührt, schwangen beide Flügel majestätisch nach innen. Seinem Blick offenbarte sich ein Raum, dessen Grösse er nicht abschätzen konnte. Regale standen Reihe an Reihe in einer endlosen Flucht. Und jedes einzelne Fach dieser Regale war vollgepackt mit den unterschiedlichsten magischen Gegenständen: Es gab Haufen von Ringen, Stäbe in den unterschiedlichsten Ausprägungen, Kräuter, Beeren, Rüstungen, kunstvoll gefertigte Dekorationsobjekte, Papier, beschrieben und unbeschrieben, Körperteile von Monstern und noch vieles mehr.
„Das ist unser Lager.“ Der Stolz in Klaras Stimme war nicht zu überhören. „Vanderons Bruderschaft ist die älteste Gilde Arthorias, und unzählige Zauberer haben dabei geholfen, diese einmalige Sammlung anzulegen“, sagte sie mit einem verklärten Ausdruck im Gesicht. Sie schritt einen Gang hinab. „Und das alles hier“, dabei hob sie die Arme, „steht allen Mitgliedern der Gilde zur Verfügung.“
Sein Blick erspähte einige Kristalle, die sorgfältig gestapelt waren. Als er näher trat, erkannte er, dass es sich um hunderte Manakristalle handelte. Er hob seine Hand, aber kurz bevor seine Finger die Kristalle erreichten, begann sich ein brennender Schmerz von seinen Fingerkuppen über seine Finger auszubreiten, als würde er in ein loderndes Feuer greifen. Hastig trat er zurück, und schüttelte die vermeintlich brennende Hand, um den Schmerz loszuwerden. Randjir, der Meisterdieb… Seine Finger waren unverletzt.
„Nun, es steht zwar allen zur Verfügung, aber nicht jeder kann sich hier selbst bedienen.“ Schon wieder dieser stolze Ton. Klara trat an ihm vorbei und nahm sich einen der Manakristalle. „Wenn du etwas aus dem Lager brauchst, wendest du dich an eine Person des inneren Zirkels. Derjenige wird dann beurteilen, ob du des Gegenstandes wirklich bedarfst und ob die Herausgabe angemessen ist. Sollte dem so sein, wird er dir den Gegenstand aushändigen.“ Damit überreichte sie ihm den Kristall. „Nimm dies als unser Willkommensgeschenk.“
Als sie die Treppe zur grossen Halle wieder empor stiegen, dröhnte ihnen ein lautes Schnarchen entgegen. Alle Zauberer waren gegangen, nur Marcus hockte noch an seinem Platz. Den Kelch hielt er inzwischen mit beiden Pranken vor seinem Bauch, der sich im Rhythmus seines Schnarchens hob und senkte. Klara schritt voran und blieb dann vor seinem Quartier stehen.
„Wir sind zwar die älteste Gilde Arthorias, aber nicht die grösste. Mit dir sind wir momentan 21 Mitglieder. Du wirst sie nach und nach hier treffen und kennenlernen. Mich kannst du fast zu jeder Tag- und Nachtzeit hier antreffen, scheue dich nicht, an meine Tür zu klopfen.“ Sie zeigte auf eine Tür aus rotem Holz. „Wenn du etwas von jemand anderem brauchst, den du schon ein paar Tage nicht gesehen hast, sag es mir, dann werde ich ein Treffen arrangieren. Noch irgendwelche Fragen?“
„Nein, ich glaube nicht.“
„Gut. Schön, dass du bei uns bist.“ Sie umarmte ihn etwas steif, und verliess ihn in Richtung rote Tür.
Einige Augenblicke verstrichen, in denen nur Marcus‘ Schnarchen zu hören war, das das leise Zischen der Öllampen übertönte, dann machte er sich auf den Weg in Richtung Ausgang. Hier würde nichts mehr passieren. In dem dunklen Durchgang fand er ohne Probleme seinen Stab und sah, dass immer noch vier weitere Stäbe dort standen. Wie bei seinem Eintritt vor ein oder zwei Stunden schwang die riesige Tür ächzend vor ihm auf, und er trat hinaus ins Licht. Seine Hand suchte in seiner Tasche das wertvolle Geschenk, und die Kühle, die der Manakristall aussandte, beruhigte seine Gedanken. Langsam schlendernd näherte er sich dem Ende der Strasse, wo er stehen blieb und sich noch ein letztes Mal umsah. Trotz der strahlenden Mittagsonne konnte er die blitzenden Augen Vanderons erkennen, die ihm mit ihrem Blick zu folgen schienen.