Autor Thema: Mittwinter - eine Erzählung in vier Teilen, einen für jeden Adventssonntag 2020  (Gelesen 1236 mal)

Offline Penthesilea

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Mittwinter

Eine
Arthoria-Erzählung
Von
Penthesilea




Es war der schrecklichste Schneesturm, an den ich  mich erinnern konnte. Nicht, dass meine Erinnerung sehr weit zurückreichte, war ich doch gerade einmal dreizehn Jahre alt. Nichtsdestotrotz hatte ich einen solchen Sturm noch niemals erlebt. Der eisige Wind trieb uns die Schneeflocken nahezu waagerecht entgegen, aber es war eher Graupel als Schnee, und so fühlten sie sich auf der Haut wie schmerzhafte Stiche an. Zwar trugen wir unsere dicksten Kleider, doch dieser Wind schien  die dicken Schichten aus Loden, Leder und Wolle spielend zu durchdringen, und wir froren und zitterten vor Kälte, obwohl wir den steilen Pfad so schnell wir konnten bergan stapften.
Nicht genug, dass uns das Wetter zusetzte. Nein, nun begann es auch noch, dunkel zu werden. Es schien, als hätte der finstere Gott Curulum den Himmel, an dem sich in diesen Wintertagen ohnehin kaum einmal die Sonne zeigen wollte, zusätzlich verdunkelt. Nur noch wenige Stunden fehlten bis zum Mittwinterfest, zum kürzesten Tag des Jahres und zur längsten Nacht, in der diejenigen, die sich dem dunklen Gott verschrieben hatten, das ihm gewidmete Fest begingen. Wir jedoch, die wir Teraja verehrten, feierten in dieser Nacht die Rückkehr des Lichts und die Tatsache, dass ab nun die Tage wieder länger und die Nächte wieder kürzer werden würden.
„Mir ist so kalt“, jammerte meine jüngere Schwester.
„Und ich sehe fast nichts mehr“, klagte nun auch mein kleiner Bruder. „Sind wir denn noch auf dem richtigen Weg?“
Das wollte ich hoffen! Ich war diesen Weg schon so oft gegangen, dass ich sicher war, keine Abzweigung verpasst zu haben. Doch allmählich erwachten in mir Zweifel. Denn der Schnee bedeckte mittlerweile den Waldboden gleichmäßig, und die Furchen, welche die Fuhrwerke im Boden hinterlassen hatten, waren schon längst nicht mehr zu erkennen.
„Natürlich“, behauptete ich dennoch. „Kommt weiter. Je schneller wir laufen, desto wärmer wird uns werden. Hopp, bewegt euch!“
Das war leicht gesagt, so schwer, wie wir bepackt waren. Unsere Mutter hatte uns am Morgen ausgeschickt, um die Lebensmittel abzuholen, die sie Tags zuvor auf dem Markt gekauft und bereits bezahlt hatte. Sie war hochschwanger und durfte nicht mehr schwer tragen. Vater war auf der Jagd und würde erst zum Fest heimkehren. Also war mir und meinen Geschwistern die Aufgabe zugefallen, die Zutaten für unser Festessen heim zu holen.
Mittlerweile hatten wir den Gipfel erklommen. Nun würde das Gehen leichter werden, so dachte ich. Nur noch auf der anderen Seite den Berg wieder hinab, über den Fluss, und wir wären zu Hause, wo wir uns am Kaminfeuer wärmen und heißen Apfelsaft trinken würden. Hier oben toste der Sturm noch wilder, und die Schneeflocken führten einen wilden Tanz auf. Von einem Weg war nicht viel zu sehen, aber schließlich kannte ich mich aus, so dachte ich zumindest. Wir mussten schnurgerade nach Norden. Würden wir den falschen Weg einschlagen, gerieten wir in die Ruinenstadt Jedar, und dort wollte sich selbst am helllichten Tag  niemand von uns gerne aufhalten. Unheimlich war es dort, und man sagte, es spuke.  Allein die Magier aus Elteran begaben sich hin und wieder dorthin. Niemand von uns wusste, was sie dort suchten, und manch einer, so wurde behauptet, kehrte niemals zurück.
 
Sicherheitshalber blickte ich zum Himmel auf, um festzustellen, von wo der letzte Rest Helligkeit schimmerte, doch da war gar nichts mehr zu sehen als aus gleichmäßigem Dunkelgrau dicht fallender Schnee ringsumher. Nun gut, wir würden einfach geradeaus weiterlaufen, dann konnten wir unser Ziel nicht verfehlen. Ich wollte mich vergewissern, woher wir gekommen waren, doch unsere Spuren hatten der unaufhörliche Wind und der Schnee bereits bedeckt und verweht.
„Was ist?“, fragte meine Schwester.
„Nichts. Kommt.“ Ich durfte mir meine Unsicherheit nicht anmerken lassen. Sobald die Kleinen Angst bekamen, würde ich sie nicht mehr beruhigen können. Entschlossen wandte ich mich talwärts und stapfte los. Allerdings war ich mir gar nicht mehr so sicher, ob wir wirklich in die richtige Richtung liefen. Der dicht fallende Schnee nahm uns die Sicht, und ich erkannte nicht viel mehr als Bäume, zwischen denen ich unseren Weg durch den immer tieferen Schnee bahnte.
„Meine Füße tun weh!“
„Und meine sind nass!“
Mir erging es nicht viel besser als den beiden Kleinen. Der Schnee quoll von oben in unsere Stiefel, und unsere Wollsocken wurden feucht. Wenn wir nicht bald aus dieser elenden Kälte heraus kamen, würden wir uns womöglich Erfrierungen einhandeln. „Es ist nicht mehr weit“, behauptete ich wider besseres Wissen und beschleunigte meine Schritte.
Das Gefälle wurde sanfter, und der Wald lichtete sich, doch der Schneesturm hielt weiter an, und es war nun schon nahezu dunkel, als ich erkannte, dass wir uns verlaufen hatten. Am Fuße dieser Seite des Berges hätten wir einen Fluss überqueren müssen, und vor allem hätten wir spätestens nun, da wir den Wald verlassen hatten, die Lichter unserer kleinen Siedlung erblicken müssen. Doch vor uns war nur undurchdringliche Finsternis, sonst nichts.
„Warum bleiben wir stehen? Ich will nach Hause.“ Meine Schwester hatte zu mir aufgeschlossen und starrte wie ich die Nacht.
„Ich muss Licht machen.“ Vorausschauend hatte Mutter darauf bestanden, dass wir eine Laterne mitnahmen. „Wer von euch hat die Laterne und die Zunderdose?“ Feuerstein und Stahl trug ich bei mir.
Mein kleiner Bruder gab ein merkwürdiges Geräusch von sich.
„Gib her.“ Ich wandte mich ihm zu.
Das Geräusch wiederholte sich. Er schluchzte leise.
„Na mach schon“, verlangte ich.
„Hab sie nich“, nuschelte er undeutlich.
„Wie, du hast sie nicht?“
„Hab gedacht, zu viel zu tragen.“
„Du hast die Laterne zu Hause gelassen?“
„Hm.“
„Oh Götter!“ Ich hätte den Kleinen schütteln können, so zornig war ich. Doch das hätte uns schließlich kein Stück weiter gebracht. „Na dann eben nicht“, seufzte ich. Wir finden auch so nach Hause.“
Letzteres glaubte ich selbst nicht, denn unterdessen war es vollkommen dunkel geworden. Aber wenn wir stehen blieben, würden wir erfrieren. Also setzte ich mich wieder in Bewegung, und die Kleinen folgten mir widerwillig. ‚Wenigstens verhungern müssen wir nicht‘, dachte ich bei mir, doch die Rucksäcke hier draußen auszupacken, um etwas zu essen, wäre keine besonders gute Idee gewesen.
„Ich hab Hunger“, maulte mein Bruder prompt, als hätte er meine Gedanken verstanden.
„Wir essen daheim. Kommt weiter.“ Ich ließ die letzten Bäume hinter mir und kämpfte mich mit gesenktem Kopf gegen den Wind in eine beliebige Richtung. Noch ahnten die Kleinen nicht, dass ich sie in die Irre geführt hatte.
„Da!“, rief meine Schwester auf einmal freudig. „Lichter! Da vorne.“
 
Ich blickte auf und sah, dass sie Recht hatte. Und doch… Das waren nicht die Lichter unseres Hauses und die unserer Nachbarn. Wir hielten auf die Stadt Jedar zu, so viel war mir inzwischen klar. Aber offenbar war sie nicht so unbewohnt, wie man uns hatte glauben  machen. Der schwach leuchtende Schimmer kam allerdings nicht aus einer niedrigen Kate wie der, die wir bewohnten, sondern aus einem sehr viel höheren Gebäude. Jedar… Wer mochte in den Ruinen hausen? Würden wir einem Magier begegnen? Mich schauderte. Aber hatten wir eine Wahl? Wenn wir aus diesem Wetter heraus und ins Warme, Trockene gelangen wollten, mussten wir auf dieses Licht zuhalten, gleich, woher es kam. Denn wo Licht ist, so hoffte ich, da müssen auch Menschen sein, und da wird man uns Obdach gewähren , wir können uns aufwärmen, und man wird uns den Weg zu unserem Dorf zeigen und uns vielleicht mit einer Laterne ausrüsten.
Wo ein Wille ist, da ist auch ein Problem.

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Dieses Mal musste ich meine Geschwister nicht eigens antreiben. So schnell wir konnten, liefen wir auf das beleuchtete Gebäude in der Ferne zu. Je näher wir allerdings kamen, desto unheimlicher wurde mir zumute. Immerhin bewegten wir uns jetzt offenbar auf einer Straße zwischen finsteren und verlassenen Gebäuden, die den eisigen Wind ein wenig abhielten.
Mitten im Lauf blieb meine Schwester plötzlich stehen. „Das ist nicht zu Hause“, keuchte sie, „wo sind wir hier?“, woraufhin mein Bruder in Tränen ausbrach.
 „Ich will zu Mama“, brachte er hervor.
„Das ist Jedar, und wir gehen jetzt da rein“, bestimmte ich und wies auf das beleuchtete Haus, das einzige weit und breit, das bewohnt zu sein schien. „Wenn der Sturm aufhört, bringe ich euch nach Hause.“
Wir setzten uns wieder in Bewegung und gingen, langsamer jetzt, auf das Gebäude zu. Es war groß, größer und  höher als jedes Haus, das wir bisher in unserem Leben erblickt hatten. Das Licht, welches wir von weitem gesehen hatten, wirkte aus der Nähe weit weniger einladend. Ein fahler Schein fiel aus den zahlreichen Fenstern auf die Straße.
„Ich hab Angst“, murmelte mein Bruder, und meine Schwester nickte bestätigend.
Mir erging es nicht anders, aber die Verlockung, aus dem vermaledeiten Wetter heraus zu kommen, überwog meinen Argwohn. Mutiger als ich mich fühlt, schritt ich aus und stieg als erster die breite Treppe empor, die zu einer zweiflügeligen Pforte aus schwerem Holz führte. Das Fehlen jeglicher Fußspuren auf den Schnee bedeckten Stufen sagte mir, dass wir die ersten und einzigen Besucher hier waren.
„Vielleicht ist niemand da“, murmelte meine Schwester beinahe hoffnungsvoll.
Kaum hatte ich den Knauf berührt, sprang die Tür jedoch nach innen auf und gab laut knarrend einen Spalt frei, durch den ich mich vorsichtig in den Raum dahinter schob. Ach, welche Wohltat war es, auf einmal dem Wind zu entkommen und in einem trockenen, warmen Raum zu stehen! „Ihr könnt rein kommen“, lockte ich die Kleinen, und als sie staunend neben mir standen und sich mit großen Augen umblickten, fiel die Tür mit einem lauten Knall wieder ins Schloss.
Erschrocken fuhr ich herum, aber da war niemand. Wir drei standen allein und mit triefenden Kleidern in einer leeren Halle. Eine breite, geschwungene Treppe führte nach oben, dorthin, wo wir von draußen den schwachen Lichtschein gesehen hatten.
 
„Heda, ist da jemand? Seid gegrüßt!“, rief ich, doch mein Gruß verhallte ungehört.
„Lass uns hier warten“, riet meine Schwester, doch nun waren wir schon einmal so weit vorgedrungen und ich sehnte mich nach der Helligkeit einer Lampe, und sei sie auch noch so klein, und nach noch mehr Wärme, denn ich hatte schon wieder zu frieren begonnen.
„Nein“, widersprach ich und streifte den Rucksack von den Schultern. „Gehen wir oben nachschauen. Die Tür war offen. Bestimmt ist jemand da.“
„Ich hab Angst“, wiederholte mein Bruder, und dennoch tat er es mir nach und folgte er mir die Treppe hinauf, ebenso wie unsere Schwester.
 Oben gab es nur eine einzige Tür, wieder zweiflügelig, wieder aus demselben schweren Holz wie die Eingangstür. Ein schmaler Spalt zwischen dem Holz und dem marmornen Fußboden ließ ahnen, dass der Raum dahinter erleuchtet sein musste. Ich hob den Arm, klopfte dreimal und wartete ab, doch nichts geschah. Erneut hob ich die Hand und berührte den Knauf, so wie ich es unten getan hatte. Und wieder öffnete sich die Tür wie von Geisterhand und gab den Blick in einen riesigen Raum voller Bücherregale frei, worin dicht an dicht tausende von Bänden ordentlich aufgereiht waren. Von der Decke hingen Lampen, aus denen der schwache, bläuliche Lichtschein, den wir von draußen gesehen hatten, auf die Bücher fiel.
 
„Oh…“ machte meine Schwester beeindruckt und trat einen Schritt vor.
Im selben Augenblick flammten die Lampen gleißend hell auf und blendeten uns. Sie schrie gellend auf, dann brach der Schrei plötzlich ab, und als das Licht wieder verblasste, war meine Schwester verschwunden.
An ihrer Stelle stand – ja wer oder was eigentlich? Ein Wesen jedenfalls , wie ich es noch nie zuvor erblickt hatte. Ich glaubte zu träumen, stand ich doch einem mehr als mannshohen, leibhaftigen - Buch gegenüber! Zumindest kam es mir im nunmehr nervös flackernden Licht der Lampen so vor. Hatte ich den Verstand verloren? War ich verzaubert worden? Wo war es so plötzlich hergekommen, und was hatte es meiner Schwester angetan? Wo war sie? Fragend wollte ich nach ihr rufen, doch mir versagte die Stimme, denn in diesem Moment durchfuhr mich ein schier unerträglicher Schmerz, der mir den Atem nahm und mich keuchend zur Seite taumeln ließ. Mein Bruder schrie auf, machte kehrt und hetzte durch die offen gebliebene Tür hinaus und die Treppe hinab. Entsetzt erkannte ich, dass ich allein mit dem verzauberten Buchgeist war. Ich wollte ebenfalls flüchten, doch ich wollte auch meine Schwester nicht zurück lassen. Das – Buch rückte näher, und auf einmal flog ein Feuerball auf mich zu. Ich warf mich zur Seite, doch nun traf mich eine Art Pfeil. Welche Wunde auch immer dieser mir zufügte, der Schmerz von vorhin kam zurück und überlagerte alle anderen Eindrücke. Ich glaubte, sterben zu müssen. Wimmernd krümmte ich mich auf dem Boden zusammen, und wieder war das Geisterbuch über mir. ‚Das ist nun das Ende‘, dachte ich panisch. Seltsam nur, dass ich im Sterben das Krächzen eines Rabenvogels vernahm. Dann ließ der Schmerz ganz plötzlich nach und das Buch ließ von mir ab und wich zurück. ‚Es ist vorbei‘, dachte ich noch und überließ mich erleichtert der gnädigen Dunkelheit, die über mich kam.
Wo ein Wille ist, da ist auch ein Problem.

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Ich erwachte davon, dass eine Mädchenstimme pausenlos meinen Namen rief und jemand mich schüttelte. Ein Mädchen? Meine Schwester? War sie etwa auch von dem Buchgeist getötet worden? Befanden wir uns in den jenseitigen Gefilden? Langsam öffnete ich die Augen.
„Onjo!“ In der Tat kniete meine Schwester neben mir am Boden und schenkte mir ein erleichtertes Lächeln. „Wie fühlst du dich?“
Darüber musste ich erst einmal nachdenken. Ich empfand keine Schmerzen mehr, aber mir war noch immer- oder wieder – kalt, und meine Hose war nass – Götter, wie peinlich! Zum Glück hatte jemand eine Decke über mich gebreitet, und neben mir flackerte ein kleines Lagerfeuer. So hatte ich mir die jenseitigen Gefilde nicht vorgestellt.
 
„Onjo?“ Fragend blickte meine Schwester auf mich herab.
Ach ja, sie hatte mich etwas gefragt. „Geht so“, antwortete ich. „Wo sind wir hier?“
„In einer der Ruinen von Jedar“, erklärte sie.
Also waren wir am Leben? Wie waren wir hierher gekommen? Wo war das grauenvolle Buch? Und wo…
„Wo ist der Kleine?“
„Amarok sucht ihn gerade“, antwortete meine Schwester.
„Amarok?“
„Der Magier, der uns vor dem Omnikron gerettet hat.“
„Omni-was?“
„Om-ni-kron“, sagte sie geduldig. „Ein Zauberbuch, das durch die Macht der in ihm niedergeschriebenen Beschwörungen zum Leben erwacht ist.“
Ich wusste nicht recht, was ich davon halten sollte. „Und wo ist dieses Omnikron jetzt?“, fragte ich angstvoll.
„Es kann uns nichts mehr anhaben. Amarok hat es bekämpft und besiegt. Sieh nur, was er erbeutet hat.“ Sie hielt eine Papyrusrolle ins Licht des Feuers. „Das ist eine magische Spruchrolle für Heimkehr. Amarok sagt, sie gehört dir, weil du das Omnikron angegriffen hast.“
Ich hätte gelacht, wenn ich mich nicht noch so schwach gefühlt hätte. Ich hatte nichts und niemanden angegriffen! Ich war feige zurückgewichen und hatte mich vor lauter Furcht und Panik eingenässt, so und nicht anders war das gewesen.
Meine Schwester bemerkte meine offensichtliche Verwirrung. „Willst du wissen, was passiert ist?“
„Ja, erzähl!“
„Als wir die Bibliothek betraten, geriet ich in eine magische Falle und wurde von euch weg gezaubert. Ich befand mich irgendwo in einem finsteren Verlies und ich dachte, ich müsste sterben, so schwach fühlte ich mich. Auf einmal hörte ich einen Raben krächzen, so dachte ich zumindest.“
„Den habe ich auch gehört!“, unterbrach ich sie erregt.
„Ja, das war Drax. Drax ist Amaroks Nebelkrähe, und sie kann die Fallen des Omnikron aufspüren. So fand mich ihr Herr, und er gab mir Heiltränke, bis ich kräftig genug war, ihm zu erklären, dass wir drei vor der Kälte in die Bibliothek geflüchtet waren. Da sprang er auf und rannte wie von Sinnen die Treppen hinauf. Ich tappte hinterher und konnte durch den Türspalt sehen, wie er mit erhobenem Zauberstab zwischen dir und dem Omnikron stand, und ich sah die beiden kämpfen und das verzauberte Buch schließlich verbrennen. Ich hielt dich für tot, Onjo, doch er gab auch dir von seinen Heiltränken, trug dich hierher und machte Feuer. Als ich ihm erzählte, dass wir zu dritt unterwegs gewesen waren, ließ er uns hier allein, um den Kleinen suchen zu gehen. Es würde nicht lange dauern, versprach er, denn Drax, die Nebelkrähe könne auch verloren gegangene Kinder ausspüren.“
 
Wie um zu beweisen, dass meine Schwester nicht phantasiert hatte, näherten sich nun Schritte von draußen, und wieder hörte ich das Krächzen und gleich darauf das helle Lachen meines kleinen Bruders. „Drass ist so süß!“, rief er begeistert, dann bogen er und ein noch recht junger Mann in der merkwürdigen Kleidung eines Magiers um die Ecke. Mein Brüderchen stieß einen Freudenschrei aus, ließ die Hand des Magiers los und warf sich in meine Arme.
„He, Kleiner, nicht so stürmisch“, protestierte ich, erwiderte aber nichtsdestotrotz seine Umarmung, so glücklich war ich, uns drei wieder vereint und wie durch ein Wunder unversehrt zu sehen.
Lächelnd ließ sich der Magier am Feuer nieder und wartete geduldig, bis mein kleiner Bruder sich von mir losmachte und nun seine Schwester begrüßte, als habe er sie mindestens zwanzig Jahre lang nicht gesehen. Nun ja, es hätte genau so gut passieren können, dass er sie und mich in diesem Leben  nie wieder gesehen hätte. Und dieser Gedanke erinnerte mich an meine gute Erziehung.
„Habt Dank, Magier Amarok“, sagte ich aufrichtig zu dem Fremden am Feuer. „Ihr habt uns wohl das Leben gerettet. Ich weiß nicht, wie ich Euch dies jemals vergelten kann.“
„Das musst du nicht“, erwiderte er. „Ich hätte dieses Omnikron ohnehin bekämpft, da ich auf der Suche nach magischen Buchseiten bin. Ihr hattet Glück, dass ich im rechten Augenblick dazu kam, und dies ist nicht mein Verdienst. Dafür sollten wir den Göttern danken.“
„Ja, aber Ihr habt uns gesund gemacht, und Ihr habt meinen kleinen Bruder gesucht und gefunden. Wo hat er überhaupt gesteckt?“
„Drax hat ihn gefunden. Er kauerte in einem Verschlag unter der Treppe in der Bibliothek.“
„Ja! Drass ist so klug!“, mischte sich mein Brüderchen ein, und wir alle lachten. „Ich will auch so einen Vogel.“
„Dann musst du eines Tages nach Elteran kommen und ein Magier der Dunkelheit werden“, erklärte Amarok freundlich. „Viele von uns haben einen solchen geflügelten Begleiter. Es gibt aber auch Lichtmagier, die mit einem Irrlicht umherziehen.“
„Oh, wirklich?“ Meine Schwester staunte, während ich mich fragte, ob wir von einem „Magier der Dunkelheit“ womöglich etwas zu befürchten hatten.
„Wirklich“, bestätigte unser Retter, um gleich darauf das Thema zu wechseln. „Wohnt ihr drei hier in der  Nähe?“, wollte er wissen.
Ich seufzte. „Leider nein. Wir haben uns im Schneesturm verirrt“, gab ich zu. „Wir wohnen in einem Dorf  namens Waldmühlweiler.“
Amarok nickte wissend. „Das kenne ich. Ihr seid ein ganz schönes Stück vom Weg abgekommen. Allerdings kein Wunder bei dem Wetter.“
 
‚Nett von ihm‘, dachte ich beschämt. Es war allein meine Schuld gewesen, dass wir uns verlaufen hatten.
„Warten wir ab, bis sich der Sturm gelegt hat. Dann begleite ich euch nach Hause“, schlug er vor.
Ich musste an unsere Mutter denken, und dass sie sich gewiss bereits seit Stunden um uns sorgte. Dann fielen mir unsere Vorräte ein, die wir in der Bibliothek zurück gelassen hatten.
„Was bekümmert dich?“, fragte Amarok. Sind alle Magier so aufmerksam?
„Wir waren auf dem Markt und hatten die Lebensmittel für das Mittwinterfest bei uns“, erklärte ich niedergeschlagen. „Aber sie sind gewiss in der Bibliothek geblieben.“ Ich konnte mich vage erinnern, wann und wo ich den Rucksack abgestreift hatte. „Unten, am Fuß der Treppe in der Eingangshalle.“
„Ich hole sie.“ Amarok stand auf und griff nach seiner Waffe, einem langen Stab mit einem wunderschön geschliffenen Edelstein am oberen Ende. „Kommst du mit und hilfst mir tragen?“
Ich hätte zustimmen müssen, aber zu groß war meine Angst vor einer erneuten Begegnung mit einem Omnikron und vor den schier unerträglichen Schmerzen, die ich erlitten hatte. Zudem konnte ich aus einem ganz bestimmten, peinlichen Grund nicht aufstehen, bevor meine Hose getrocknet war. Kaum merklich schüttelte ich den Kopf und bereute es im selben Augenblick. Nun würde der Magier mich für einen Feigling halten.
„Ich begleite Euch. Bei Onjo wird der Kleine sich sicherer fühlen.“ Bevor ich irgendeinen Einwand vorbringen konnte, hatte sich meine Schwester erhoben und war an die Seite des Magiers getreten. „Bis gleich, ihr beiden“, sagte sie munter, drehte sich um und marschierte hinaus.
„Da hat sie wohl Recht“, sagte Amarok mit einem Augenzwinkern in meine Richtung, winkte mir noch einmal und folgte meiner Schwester in die Dunkelheit hinaus.
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Die beiden blieben lange fort. Es hätte nicht viel gefehlt, und ich wäre irgendwann doch aufgestanden und hinaus gegangen, doch was hätte ich schon tun können? Erstens wollte ich meinen kleinen Bruder, der mittlerweile eingeschlafen war, nicht allein lassen. Und zweitens würde ich ganz gewiss niemals mehr freiwillig noch einmal diesem Omni-Ding gegenübertreten. Doch nicht allein dieses bereitete mir Sorgen, während ich am Feuer wach lag und grübelte. Konnten wir eigentlich diesem Magier, einem Magier der Dunkelheit wohlgemerkt, vertrauen? Vielleicht war er gar nicht in die Bibliothek zurückgekehrt, sondern hatte meine Schwester entführt, und allein die Götter wussten, wohin? Ich versuchte, mir vernünftig klar zu machen, dass er meinen kleinen Bruder und mich zu diesem Zweck nicht erst hätte retten und hierher bringen müssen, doch Angst ist ein schlechter Ratgeber und stärker als jede Vernunft.
Als ich mich kurz davor wähnte, den Verstand zu verlieren, vernahm ich näher kommende Schritte und leises Lachen, und dann waren sie da: Meine Schwester und der Magier, wohlbehalten und schwer bepackt mit unseren drei Rucksäcken.
„Endlich“, brachte ich vorwurfsvoll hervor. „Wo wart ihr so lange?“
„Hast du dir Sorgen gemacht? Das tut mir Leid“, entschuldigte sich der Magier.
„Es war meine Schuld“, nahm meine Schwester ihn in Schutz. „Er wollte sofort umkehren, aber ich wollte ihn unbedingt noch einmal kämpfen sehen. Und dieses Mal hat er seine magische Buchseite bekommen. Das Omnikron ist vollkommen harmlos, wenn man weiß, wie man es zu bekämpfen hat.“
„Langsam, junge Dame!“ Der Magier musste lachen. „Es ist alles andere als harmlos. Und selbst wenn man alle nötigen Zauber beherrscht und gut ausgerüstet ist, kann es einen unter Umständen noch ernsthaft verletzen. Ich habe schlichtweg Glück gehabt.“
„Ihr habt meisterhaft gezaubert.“ Ihre Augen strahlten.
Übergangslos wurde der Magier ernst. „Du erinnerst mich an den kleinen Jungen, der ich einst war“, sagte er. „Als mir die Magie zum ersten Mal begegnete, war ich genau so beeindruckt wie du es jetzt bist, und der Magier, den ich beobachtet hatte, tat das Seine dazu und schilderte mir das Dasein eines Magiers in Elteran in den leuchtendsten Farben. Ich glaubte, fälschlicherweise, wie ich heute weiß, wenn ich ein Magier wäre, müsste ich nichts und niemanden im Leben mehr fürchten. Ich habe von dieser Stunde an alles daran gesetzt, in die Hauptstadt zu gehen und selbst ein solcher Magier zu werden.“
„Und ihr habt es geschafft“, stellte meine Schwester fest. „Habt Ihr es etwa bereut?“
„Nein.“ Die Antwort kam spontan und aufrichtig. „Und doch solltest du wissen, die Magie besteht nicht nur darin, umherzuziehen, verzauberte Bücher unschädlich zu machen und dabei reiche Beute einzustreichen. Bevor man dazu in der Lage ist, muss man sehr viel lernen: Die alten Sprachen studieren, sich sehr viel Wissen über Kräuterkunde aneignen, Elixiere und Tränke aus Zutaten herstellen, die man auf ausgedehnten Wanderungen sammelt, langwierige Forschungen absolvieren…“
„Aber die Zauber, die Ihr gewirkt habt“, unterbrach ihn meine Schwester, „die habt Ihr doch ebenfalls gelernt!“
„Gewiss. Je mehr Wissen man ansammelt, umso stärker werden die Zauber. Aber um sie zu üben und um neue zu erlangen, muss man … lebende Wesen bekämpfen. Die meisten nennen sie „Monster“, aber sie sind lebendig wie du und ich, und sie leben gerne, doch wir Magier greifen sie an, und wir müssen sie töten, um unsere Macht zu mehren. Niemand hatte mich darauf vorbereitet, welch hohen Preis ein Magier für seine Macht zu entrichten hat. Ich jedoch finde, dessen sollte sich jeder angehende Magier bewusst sein, bevor er sich auf seine Ausbildung einlässt.“
Wir schwiegen nachdenklich.  Der Wind pfiff draußen noch immer um die Gemäuer, und es war spürbar kälter geworden, denn das Feuer war mittlerweile herunter gebrannt. Amarok legte Holz nach, das er wohl während ich ohnmächtig gewesen war, gesammelt haben musste. Mit einer kaum merklichen Handbewegung ließ er es auflodern. „Auch das ist Magie“, sagte er leise. „Magie ist faszinierend, zuweilen gefährlich, oft nützlich und hin und wieder lebensrettend. Heute Nacht war ich dankbar für meine Kampfzauber.“
„Ich auch“, seufzte ich aus vollem Herzen, und nun lächelte er wieder und griff nach der Papyrusrolle, die meine Schwester mir bereits gezeigt hatte. 
„Wir haben noch einen Grund, dem Omnikron, oder den Göttern, dankbar zu sein“, meinte er und entrollte sie. „Seht her: Dies ist eine Spruchrolle, mit der man den Zauber „Heimkehr“ wirken kann. Für gewöhnlich bringt mich dieser Zauber nach Hause in mein Anwesen in Elteran. Wir könnten versuchen, damit in euer Zuhause zu gelangen.“
„Wie kann man mit einem Stück Papier zaubern?“, fragte ich entgeistert, und meine Schwester wollte wissen:
„Was geschieht, wenn der Zauber gewirkt wird?“
„Die Worte darauf sind in der Alten Sprache und mit magischer Tinte geschrieben“, erklärte Amarok. „Wie der Zauber genau vonstatten geht, weiß niemand so genau, aber dass er gelingt, steht fest. Wenn der Zauber glückt, was leider, wie ich zugeben muss, nicht immer der Fall ist, befindet man sich in einem Augenblick noch dort, wo man den Zauber wirkt, und im nächsten bereits dort, wo derjenige, der ihn wirkt, zu Hause ist.“
„Aber keiner von uns ist ein Magier!“, wandte ich ein. „ Und wenn Ihr den Zauber wirkt, gelangen wir alle nach Elteran.“
„Richtig“, bestätigte er. „Und deshalb wird einer von euch den Zauber wirken. Ich lehre euch den Wortlaut.  Wenn er misslingt, marschieren wir, sobald der Morgen dämmert,  gemeinsam nach Waldmühlweiler. Wenn er aber glückt, seid ihr noch heute Nacht zurück bei eurer Familie.“
„Und Ihr?“
„Ich bleibe hier beim Feuer bis morgen früh und laufe dann zurück nach Elteran.“
Ich ertappte mich dabei zu wünschen, der Zauber würde misslingen, denn mittlerweile fand ich die Gesellschaft des freundlichen jungen Magiers sehr angenehm. Überdies wäre es nur anständig gewesen, ihn zum Dank für unsere Rettung zum Mittwinterfest einzuladen. Auf der anderen Seite… Wenn wir jetzt nach Hause kämen, müssten wir Mutter nicht gestehen, dass wir uns verlaufen hatten und in Jedar, der verbotenen Stadt gewesen waren. Wir könnten einfach so tun, als hätten wir aufgrund des Schneesturms und der beschwerlichen Wegverhältnisse ein wenig länger als gewöhnlich für den Heimweg gebraucht.
„Gut“, sagte ich und griff zaghaft nach der Spruchrolle. „Was muss ich tun?“
„Schultert eure Rucksäcke, und du nimm deinen kleinen Bruder auf den Arm“, sagte Amarok, indem er meiner Schwester die Spruchrolle aushändigte. „Ich sehe hier jemanden, der unbedingt wenigstens einmal im Leben zaubern möchte, habe ich Recht?“
Mit leuchtenden Augen nahm meine Schwester die Rolle entgegen und nickte ernsthaft.
Ich schälte mich aus der Decke, hängte mir den schwersten Rucksack über und hob behutsam meinen kleinen Bruder auf. Meine Schwester zog sich den zweiten Rucksack über und hängte sich den dritten an den Arm. Danach blickte sie erwartungsvoll zu dem Magier hin.
„Ihr müsst einander berühren, wenn der Zauber gewirkt wird. Seid ihr bereit?“
Meine Schwester nickte, aber ich schüttelte den Kopf. „Wartet! Ich möchte Euch nochmals danken. Können wir Euch Eure Hilfe nicht irgendwie vergelten?“
„Lassen wir es darauf ankommen“, sagte Amarok schmunzelnd. „Wenn euer Zauber misslingt, bin ich euer Gast beim Mittwintermahl. Gelingt er aber, so ist es der Wille der Götter, und wir behalten einander in guter Erinnerung. Ich wünsche euch viel Glück. Mögen Heraios, Curulum und Teraja eure Wege behüten.“
„Und die euren“, antworteten meine Schwester und ich einstimmig, und sie fügte hinzu: „Eines Tages suche ich Euch in Elteran auf, wenn ich mich für die Magie entscheide.“
„Das würde mich freuen“, erwiderte er. „Aber versprich mir, dass du dir das gut überlegst und nicht vergisst, worüber wir heute Nacht gesprochen haben.“
„Ich verspreche es.“
„Gut so. Dann pass auf. Nimm die Rolle.“
Sie tat wie geheißen.
„Und nun nenne ich dir das Wort in der Alten Sprach für ‚Heimkehr‘. Lebt wohl, ihr drei.
„Lebt wohl, Amarok.“
Wir fassten einander, so gut es ging mit unserer Last bei den Händen, und meine Schwester sprach das fremdartig klingende Wort feierlich nach.
 
„Du meine Güte, das wurde aber auch Zeit! Wo wart ihr bloß so lange? Kommt rein, zieht die nassen Sachen aus und wärmt euch auf!“ Unsere Großmutter breitete die Arme aus, herzte uns, einen nach dem anderen, und zog uns in die behagliche Küche, in der es nach Braten und süßem Gebäck duftete.
Benommen ließ ich ihre Zärtlichkeit über mich ergehen. Ich stand doch eben noch in den Mauern einer der Ruinen von Jedar am Feuer!
Meine Schwester drehte verwirrt ihre leeren Hände und suchte nach der Spruchrolle, die jedoch offensichtlich verschwunden war.
Ohne uns miteinander abgesprochen zu haben, waren wir uns einig, dass wir vorläufig über die merkwürdigen Erlebnisse dieser Nacht schweigen würden. „Das Gehen war ziemlich mühsam bei dem Sturm“, sagte ich nur, und meine Schwester fragte:
„Wo ist Mutter?“
„Nebenan“, sagte Großmutter lächelnd. „Euer Vater ist bei ihr, und noch jemand. Wenn ihr euch ausgezogen und die Hände gewaschen habt, dürft ihr zu ihr.
Ich verstand gar nichts, aber über das Gesicht meiner Schwester ging ein breites Grinsen. „Das Baby!“, rief sie begeistert.
Mittlerweile regte sich auch unser kleiner Bruder und blickte verwundert um sich. „Wo ist Drass?“, murmelte er weinerlich, nachdem meine Schwester ihn abgesetzt hatte.
„Du hast geträumt“, sagte ich liebevoll und half ihm aus seinen dicken Kleidern.
Er schüttelte den Kopf, doch sagte nichts weiter.
Kurz darauf betraten wir Seite an Seite das Zimmer nebenan. Mutter lag, von dicken Kissen gestützt, auf ihrem Bett, mein Vater saß neben ihr und hatte fürsorglich den Arm um sie gelegt. In ihren Armen lag ein winziges Bündel mit rosiger Haut und einem wirren schwarzen Haarschopf. Es hielt die Augen geschlossen und gab leise, zufriedene Schmatzlaute von sich. Auf Zehenspitzen wagten wir uns näher.
„Kommt nur und begrüßt euren gesunden, kleinen Bruder“, sagte Vater, und Mutter lächelte uns glücklich an. „Er hatte es ziemlich eilig. Offenbar möchte er unbedingt mit uns Mittwinter feiern.“
Wir beugten uns über ihn und bewunderten das kleine Gesichtchen und die winzigen Fingerchen.
„Wie wird er heißen?“ fragte ich.
Mutter lachte leise. „Wir hatten uns nur über Mädchennamen Gedanken gemacht“, antwortete sie. „Vielleicht habt ihr ja eine Idee?“
Meine Schwester und ich blickten uns an, sie nickte, und ich sprach es aus: „Amarok. Wie wäre es mit Amarok?“
„Das ist ein ungewöhnlicher Name“, gab Vater zu bedenken.
„Mir gefällt er“, sagte Mutter.
Und so kam es, dass wir das Mittwinterfest doch gemeinsam mit Amarok begingen, während der Namensgeber unseres kleinsten Bruders im fernen Jedar in eine feuchte, etwas streng riechende Decke gewickelt an einem mit Magie entfachten Feuer ruhte.

 
Dezember2018
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Offline MajinPiccolo

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  • Erzmagier des Lichts
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Hallo Penthe!

Vielen lieben Dank für diese schöne Geschichte. Ich habe gerne mitgelesen und freudig der einzelnen Veröffentlichungen an jedem Adventstag entgegengefiebert. Das war eine schöne Aktion. Ich wünsche dir frohe Feiertage und ein tolles Weihnachtsfest! Und wie immer: Bleib gesund! :-)

Liebe Grüße,
MP